https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/warum-mexikos-praesident-spanien-attackiert-17798911.html

„Pause“ in den Beziehungen? : Warum Mexikos Präsident Spanien attackiert

Mit antikolonialer Rhetorik: Mexikos Präsident Andrés López Obrador Bild: Reuters

Andrés López Obrador fordert eine „Pause“ in den Beziehungen mit Spanien und greift die spanischen Unternehmen an. Dabei investiert kaum ein Land mehr in Mexiko.

          2 Min.

          Mexikos Präsident Andrés López Obrador spricht gern. Praktisch jeder seiner Arbeitstage beginnt mit einer Pressekonferenz, die meist schon eine Stunde später in Vergessenheit gerät. Anders sein Auftritt am Mittwoch, als López Obrador „eine Pause in den Beziehungen zu Spanien“ anregte. Die Äußerungen schlugen sofort hohe Wellen auf beiden Seiten des Atlantiks.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Tags darauf musste López Obrador sich erklären. Er habe nicht von einem Bruch der Beziehungen gesprochen, sondern von einem „brüderlichen Protest“. Doch praktisch im selben Atemzug holte er zu einem Rundumschlag gegen die spanischen Unternehmen in Mexiko aus, die „während der neoliberalen Zeit“ mithilfe der Politik „unser Land und unser Volk missbraucht“ hätten.

          Die offizielle Reaktion des spanischen Außenministeriums war deutlich. Die Regierung in Madrid weise „die gegen Spanien und spanische Unternehmen ausgesprochenen ­Disqualifizierungen kategorisch zurück“. Man lege Wert darauf, dass die Beziehungen zur „Schwesternation“ auf „gegenseitigem Respekt beruhen, so wie es die Spanier und Mexikaner wollen, ohne diese Art von Demonstrationen“, teilte das Außenministerium am Donnerstagabend in einer Erklärung mit.

          Enge wirtschaftliche Verflechtung

          In Brüssel sagte der spanische Außenminister José Manuel Albares, dass die spanische Regierung keine Maßnahmen ergriffen habe, die eine solche Erklärung rechtfertigen würden. Laut Presseberichten telefonierte Albares inzwischen mit seinem mexikanischen Amtskollegen.

          In Mexiko wie in Spanien erinnerten Ökonomen an die engen Bindungen zwischen beiden Ländern: Mehr als 175.000 Spanier leben in Mexiko, fast 30.000 Mexikaner in Spanien. Wirtschaftlich sind beide Staaten eng verflochten. Nach den Vereinigten Staaten ist Spanien mit rund 7000 Unternehmen der zweitgrößte Investor in Mexiko, der mehr als 300.000 Arbeitsplätze schafft. Nach Regierungsangaben aus Madrid belaufen sich die spanischen Investitionen auf mehr als 70 Milliarden Euro und die mexikanischen in Spanien auf mehr als 25 Milliarden Euro.

          Einige spanische Unternehmen haben in Mexiko eine überaus wichtige Stellung. Die spanischen Banken BBVA und Santander sind die beiden größten in Mexiko. Im Bereich der Telekommunikation ist Telefónica Movistar die Nummer zwei im Land. Iberdrola ist der größte private Stromproduzent. Und im ganzen Land sind 250 Tankstellen von Repsol anzutreffen.

          Spaniens Unternehmen sind aus Mexiko nicht wegzudenken. Doch López Obrador sieht sie offenbar als großes Übel. Bei seinen jüngsten rhetorischen Angriffen erwähnte der Präsident ausdrücklich den Energieversorger Iberdrola, den Baukonzern OHL und den Erdölkonzern Repsol und unterstellte ihnen pauschal Vetternwirtschaft.

          Jeder seiner Vorgänger habe ein spanisches „Lieblingsunternehmen“ gehabt, das Subventionen erhalten habe, die nicht zum Wohle der armen Bevölkerung eingesetzt worden seien, sagte López Obrador. Beispielsweise kritisierte er Iberdrola, das unter der Regierung von Felipe Calderón „zu einer Art Monopol in Mexiko wurde und eine privilegierte Behandlung erhielt“ und Calderón später in den Aufsichtsrat aufgenommen habe.

          „Sie sollten sich entschuldigen“

          Um die Äußerungen von López Obrador einzuordnen, hilft ein Blick auf den Kontext. Der mexikanische Präsident sprach in der besagten Pressekonferenz eigentlich über eine Energiereform, die seine Regierung vorantreibt und die auf eine stärkere Rolle des Staates und weniger Einfluss der Privatwirtschaft abzielt. López Obrador bemüht sich zudem, alle Laster des Landes den konservativen Vorgängerregierungen und dem „Neoliberalismus“ zuzuschreiben.

          Gleichzeitig pflegt er eine antikoloniale Rhetorik, womöglich um Mexikos Führungsanspruch in Lateinamerika zu markieren. Eines der bevorzugten Angriffsziele ist deshalb Spanien: Schon vor einiger Zeit forderte López Obrador den spanischen König Felipe VI. und Papst Franziskus dazu auf, sich für die Eroberung des Aztekenreichs und die Unterwerfung der Indigenen vor 500 Jahren zu entschuldigen.

          Während der Papst anlässlich des 200. Unabhängigkeitstags Mexikos um Entschuldigung gebeten hat, kommt aus Spanien weiterhin kein „Perdón“. Auch jetzt erinnerte López Obrador an seine Forderung und warf Spanien einen „Mangel an Respekt“ vor: „Sie sollten sich entschuldigen, aber haben es nicht gemacht.“

          Weitere Themen

          Kiew distanziert sich von Melnyk

          Äußerungen über Bandera : Kiew distanziert sich von Melnyk

          Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat in einem Interview den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera verteidigt. Das sei nur seine Privatmeinung, heißt es aus dem Außenministerium in Kiew.

          Ein neuer Gesellschaftsvertrag für Hongkong

          25. Jahrestag der Rückgabe : Ein neuer Gesellschaftsvertrag für Hongkong

          Zum Jahrestag der Rückgabe an China ist Xi Jinping nach Hongkong gereist. Der Staatschef wünscht sich eine Jugend, die die Kommunistische Partei unterstützt – und freiwillig auf Freiheit verzichtet, wenn sich ihre Lebenssituation verbessert.

          Topmeldungen

          Eine Flaggenzeremonie am Freitag in Hongkong

          25. Jahrestag der Rückgabe : Ein neuer Gesellschaftsvertrag für Hongkong

          Zum Jahrestag der Rückgabe an China ist Xi Jinping nach Hongkong gereist. Der Staatschef wünscht sich eine Jugend, die die Kommunistische Partei unterstützt – und freiwillig auf Freiheit verzichtet, wenn sich ihre Lebenssituation verbessert.
          Eine der großen Wärmepumpen von MAN Energy Solutions beim Test in Zürich.

          Grüne Energien : Deutschland baut die weltgrößte Wärmepumpe

          Knapp 400.000 Tonnen CO2 soll die Anlage der Projektpartner BASF und MAN Energy Solutions im Jahr sparen. Warum sich die Unternehmen darüber hinaus viel von dem Projekt erhoffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.