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Euro-Einführung : Ein Serbe auf kroatischen Münzen?

Noch wird in Kroatien mit Kuna statt Euro bezahlt Bild: Picture-Alliance

Kroatien will den Euro einführen. Doch ein Detail sorgt für Ärger: Der geniale Erfinder, Physiker und Ingenieur Nikola Tesla soll auf die Rückseite der Münzen. Dabei sah der sich stets als Serbe.

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          Im balkanischen Sommertheater gibt man dieser Tage ein Stück über den Erfinder Nikola Tesla. In den Hauptrollen: die Regierungen und Zentralbanken Kroatiens sowie Serbiens. Aufgeführt wird, mit Fortsetzungen, seit Mitte Juli. Der historische Hintergrund des Stücks ist Kroatiens Ziel, 2023 der Eurozone beizutreten, also die bisherige Landeswährung Kuna aufzugeben. Kroatien ist seit 2013 Mitglied der Europäischen Union und gehört seit einem Jahr dem sogenannten „Europäischen Wechselkursmechanismus II“ an, der auch als Warteraum zur Eurozone bezeichnet wird.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Obwohl sich in Umfragen meist nur eine knappe Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspricht, ist eine Aufnahme Kroatiens in die Gemeinschaftswährung seit Jahren ein Ziel Zagreber Regierungen. So sagte die damalige Wirtschaftsministerin Martina Dalić schon 2017, ein Beitritt sei auch deshalb folgerichtig, weil in Kroatien die meisten Sparkonten ohnehin in Euro geführt und auch bei größeren Transaktionen, etwa in der Immobilienbranche oder im Autohandel, längst in Euro gerechnet werde.

          Mehr als 11.000 Vorschläge für das Münzdesign

          Die Vorbereitungen zur Einführung der neuen Währung laufen seit geraumer Zeit. Am 21. Juli tagte Kroatiens Zentralbank abschließend zu der Frage, welche Symbole und Bilder auf der Rückseite der nationalen Euromünzen, die jedes Mitgliedsland der Gemeinschaftswährung selbst gestalten darf, zu sehen sein sollen. Dazu war ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben worden, der auf rege Beteiligung stieß. Mehr als 11.000 Vorschläge seien eingegangen, teilten die kroatischen Währungshüter mit.

          Am häufigsten als Wunschmotiv genannt wurde dabei Nikola Tesla – fast 23 Prozent der Vorschläge bezogen sich auf ihn. Andere Ideen zur Illustration, etwa die Krawatte (die etymologisch auf das französische Wort für „kroatisch“ zurückgeht) oder der Wasserturm von Vukovar als Symbol für den Unabhängigkeitskrieg gegen Serbien, erhielten deutlich weniger Zuspruch. Auch die Hunderasse der Dalmatiner oder das römische Amphitheater von Pula konnten mit Tesla nicht mithalten.

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          Nach der Zentralbanksitzung verkündete Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenković das Ergebnis. So soll auf Kroatiens Euromünzen jeweils das berühmteste Nationalsymbol des Landes zu sehen sein, das auch vom Trikot der Fußballnationalmannschaft bekannte Schachbrettmuster. Auf die Rückseiten der Münzen über fünfzig, zwanzig und zehn Cent wolle man hingegen das Porträt Nikola Teslas prägen, erläuterte Plenković. Er versprach, dass seine Regierung alles tun werde, damit Kroatien die Kriterien für einen Eurozonenbeitritt 2023 erfülle.

          In Kroatiens östlichem Nachbarstaat Serbien rufen die kroatischen Illustrationspläne derweil Empörung hervor. Man ist dort schon gewohnt, dass viele Menschen eine amerikanische Automarke namens Tesla kennen, aber nichts über den Mann wissen, nach dem sie benannt ist. Das war der menschlich zwar durchaus sonderbare, auf den Feldern seiner Begabung aber geniale Erfinder, Physiker und Ingenieur, der 1856 als Sohn einer serbischen Familie in der Ortschaft Smiljan in Kroatien geboren wurde.

          Abstammungs- oder Geburtsortsprinzip?

          Aus dieser Konstellation speist sich ein alter serbokroatischer Streit, in dem das Abstammungsprinzip gegen das Geburtsortprinzip ins Feld geführt wird. Darf Kroatien Tesla für sich beanspruchen, weil der in einem Ort zur Welt kam, der zur Zeit seiner Geburt zwar Teil des Habsburgerreiches war, heute aber zu Kroatien gehört, oder Serbien, da Tesla sich zeitlebens als Serbe definiert hat? Die kroatische Bevölkerung hat sich recht klar entschieden: Tesla soll auf den Euromünzen zu sehen sein, als Ausweis seiner Zugehörigkeit zu Kroatien. In Belgrad hatte man dieses Unheil offenbar kommen sehen, denn noch am Tag von Plenković’ Pressekonferenz protestierte Serbiens Zentralbank in einer ausführlichen Stellungnahme gegen die Zagreber Entscheidung.

          Die Bank teilte mit, eine etwaige kroatische Münzprägung mit Tesla auf der Rückseite wäre „die Aneignung des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes des serbischen Volkes“. Tesla sei nun einmal Serbe gewesen und habe das auch stets von sich gesagt. Es sei „absolut sicher“, dass man „angemessene Maßnahmen“ ergreifen werde, um „die zuständigen Institutionen der EU“ auf die Vermessenheit des kroatischen Vorschlags hinzuweisen, so Serbiens Zentralbank weiter. Welche Maßnahmen das sein könnten, behielt die Bank für sich. Die Möglichkeiten sind indes stark eingeschränkt, da Serbien weder der EU noch der Eurozone angehört, also kein Mitspracherecht hat.

          Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić hat sich bisher vergleichsweise zurückhaltend über die geplante Kehrseite der kroatischen Medaille geäußert. Teslas Genie gehöre der gesamten Menschheit, weshalb es kein Problem sei, dass er auch von Kroaten beansprucht werde, zitierten serbische Medien den Präsidenten. Der sagte demnach freilich auch, die Nachbarn könnten Tesla, wenn sie ihn schon ehren wollten, auch auf wichtigere Münzen als nur Cents prägen. Vučić bezeichnete Tesla als „Amerikaner serbischer Abstammung“, der als Serbe von serbischen Eltern geboren wurde. In Serbien selbst wird Tesla bereits auf vielfache Weise geehrt. Unter anderem ziert er den 100-Dinar-Schein der nationalen Währung und ist Namensgeber des Belgrader Flughafens. Seine Urne steht in einem ihm gewidmeten Museum.

          Plenkovićc wies in einer Replik auf den Belgrader Protest darauf hin, er verstehe nicht, warum irgendwer etwas dagegen haben könnte, wenn das Land, in dem Tesla geboren wurde, ihn mit einer Münze ehre. Die Tatsache, dass Tesla Serbe gewesen sei, spreche doch nur für Kroatiens Offenheit, deutete der Regierungschef an und sagte: „Wenn ich die serbische Zentralbank wäre, würde ich sagen: ,Bravo.‘“

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