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Kim Jong-uns Brief an Südkorea : Erst Schelte, dann beste Wünsche

Südkoreanische Mitarbeiter des Unternehmens Coupang mit Gesichtsmasken vor Dienstbeginn. Bild: Reuters

Vor einigen Tagen erst hatte es wenig freundliche Worte gegeben: Warum Kim Jong-un dem südkoreanischen Präsidenten in einem Brief jetzt sein Mitgefühl im Kampf gegen das Coronavirus ausspricht.

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          Der Brief kam überraschend: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hat den Landsleuten im Süden in einem Schreiben an Südkoreas Präsident Moon Jae-in im Kampf gegen das Coronavirus Covid-19 sein Mitgefühl und seine besten Wünsche für die Gesundheit ausgesprochen. Das teilte das Präsidialamt in Seoul am Donnerstag mit. Dabei hatte Nordkorea die Avancen der südkoreanischen Regierung um eine Zusammenarbeit seit Monaten ins Leere laufen lassen. Erst am Dienstag hatte Kims Schwester die Regierung in Seoul in scharfen Worten beschimpft, dabei aber Moon ausdrücklich ausgenommen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Kim soll in dem Brief vom Mittwoch seine Sorge über die Gesundheit von Moon ausgedrückt und sich frustriert gezeigt haben, dass er im Moment nicht viel tun könne, um zu helfen, erklärte Südkorea. Die Wortwahl belegt den Anspruch Kims auf die patriarchalische Führerschaft über die gesamte Nation. Er hat sich nach Angaben Seouls in dem Brief ferner „offen“ zur Lage um die koreanische Halbinsel geäußert. Das Präsidialamt schwieg sich über den Inhalt des politischen Teils des Schreibens aus. Der Dialog zwischen Amerika und Nordkorea ist ebenso wie interkoreanische Gespräche ins Stocken geraten.

          Südkorea ist mit mehr als 6000 Corona-Infizierten nach China der größte Krisenherd der Epidemie. Nordkorea meldete offiziell bislang keinen Infektionsfall. Angesichts der engen Wirtschaftsbeziehungen mit China halten es Fachleute aber für unwahrscheinlich, dass es noch keine Erkrankten in dem Land gibt. Moon hatte dem Norden erst am Wochenende eine Zusammenarbeit in der Gesundheitsvorsorge und im Kampf gegen ansteckende Krankheiten angeboten, ohne eine Antwort zu erhalten. Er schickte Kim als Replik auf sein Schreiben einen Dankesbrief.

          Beobachter in Seoul reagierten überrascht auf den Brief Kims. Manche Kommentatoren spekulierten, dass der nordkoreanische Machthaber eine vorsichtige Annäherung an den Süden suche, vielleicht um künftig Hilfe für eine Bekämpfung des Virus im Norden zu erhalten. „Die Lage ist sehr verwirrend“, sagte Go Myong-Hyun vom Asan-Institut in Seoul, weil die Botschaft von Kim und die seiner Schwester zugeschriebene Botschaft im Tonfall so unterschiedlich seien. Es könne sein, dass Kim die Beziehungen zu Südkorea wieder aufwärmen wolle, weil Nordkorea sich vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump auch nach einem Wahlsieg keine weitere Gesprächsbereitschaft mehr erwarte, sagte Go.

          „Idiotische Art zu denken“

          Dem Brief an Moon waren jedoch wenig freundliche Worte in Richtung Südkorea vorausgegangen. Erst am Dienstag hatte die Schwester des Machthabers, Kim Yo-jong, dem Präsidialamt in Seoul eine „inkohärente und idiotische Art zu denken“ vorgeworfen. Sie reagierte damit auf Kritik des Südens an dem jüngsten nordkoreanischen Waffentest. Die „inkohärenten Behauptungen“ Seouls hätten „das Misstrauen, den Hass und die Verachtung für den Süden nur verstärkt“, sagte sie gemäß der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA.

          Undiplomatische Sprache dieser Art ist für Nordkorea nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert war die Beschimpfung aus einem anderen Grund: Es war das erste Mal überhaupt, dass Kim Yo-jong sich über die Staatsmedien äußerte. Die Schwester und Vertraute Kims war bisher das freundliche Gesicht des Regimes und verkörperte die Annäherungsofferte gegenüber dem Süden seit Januar 2018. Sie war Teil der nordkoreanischen Delegation bei den Olympischen Winterspielen im Süden und spielte eine wichtige Rolle beim ersten Treffen Kims und Moons. Trotz ihrer harschen Kritik an Seoul schien Kim Yo-jong am Dienstag die Tür für eine Wiederannäherung nicht ganz schließen zu wollen. Es sei erfreulich, dass die südkoreanische Kritik an Pjöngjangs Waffentest nicht von Präsident Moon direkt gekommen sei, sagte sie.

          Alle Verbindungen ins Ausland gekappt

          Über Kim Jong-uns Brief an Moon Jae-in berichteten Nordkoreas Staatsmedien am Donnerstag zunächst nicht. Wenn sie dies noch tun, könnte Pjöngjang die schwierige Lage im Süden nutzen, um die mutmaßliche Wirksamkeit der eigenen Maßnahmen gegen das neuartige Coronavirus zu unterstreichen. Als erstes Land weltweit hatte Nordkorea Ende Januar seine Grenzen vollständig geschlossen. Alle Flug-, Zug- und Straßenverbindungen ins Ausland wurden gekappt. Alle Ausländer in Nordkorea wurden für einen Monat unter Quarantäne gestellt. In den kommenden Tagen soll es lediglich einen Flug nach Wladiwostok für ausreisewillige Ausländer geben.

          Auch in der U-Bahn in Seoul tragen die Menschen Masken wegen des Coronavirus.

          Die Einschränkungen werden derart strikt durchgesetzt, dass die Bundesregierung entschieden hat, die deutsche Botschaft in Pjöngjang bis auf weiteres zu schließen. Trotz der erheblichen wirtschaftlichen Einbußen wird auch die Abriegelung der Grenze zu China offenbar so streng eingehalten, dass selbst der Schmuggel unterbunden wird. Go vom Asan-Institut wies indes darauf hin, dass der Preis für Reis in Nordkorea laut Berichten gesunken sei. Er sieht das als Indiz, dass der Warenaustausch mit China nicht ganz zum Stillstand gekommen sei.

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