https://www.faz.net/-gpf-9en81

Militärparade in Nordkorea : Wo sind bloß die Raketen geblieben?

  • -Aktualisiert am

Mit Panzern, aber ganz ohne gelenkte ballistische Raketen: Militärparade am 9. September in Pjöngjang Bild: dpa

Die große Militärparade in Pjöngjang kam dieses Mal ganz ohne gelenkte ballistische Raketen aus. Warum nur? Die Suche nach einer Erklärung führt nach Moskau. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Es scheint Bewegung in die nordkoreanischen Versprechen zur Abrüstung zu kommen. Unter anderem soll Machthaber Kim Jong-un angeboten haben, das Raketenstartgelände an der nordkoreanischen Ostküste unter Aufsicht internationaler Beobachter abzureißen. Das ist jedoch eine Geste, die bei genauerem Hinsehen bedeutungslos erscheinen muss, denn dieses Startgelände spielte für die Aufrüstungsbemühungen der vergangenen Jahre keine Rolle, da dort allein die Unha-Rakete startete, um Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen, und das seit 2012 auch nur ein einziges Mal. Daher sollte man sich vielmehr um die Militärraketen Nordkoreas kümmern, und die letzte Parade in Pjöngjang liefert hierzu interessante Hinweise.

          Während der nordkoreanischen Militärparade am 9. September auf dem Kim-Il-Sung-Platz wurde keine einzige gelenkte ballistische Rakete gezeigt, weder eine der neuen Interkontinentalraketen noch eine der schon allzu vertrauten alten Scud-Raketen. Warum wohl nicht?

          Natürlich wurde das bereits als wohlgesonnene Friedensgeste insbesondere an die Vereinigten Staaten und allgemein an die Welt interpretiert, vom Weißen Haus als Erfolg gefeiert und auch in Moskau sehr begrüßt. Manche aber haben ihre Zweifel und warnten, dass die Massenproduktion und Entwicklung von nuklearfähigen Raketen im Geheimen weiter gehe. So schrieb der Verteidigungsexperte Joshua Pollack auf Twitter: „Was kann also höchstens gesagt werden? Dass Nordkorea den Kim-Il-Sung-Platz atomar abgerüstet hat.“

          Drei mögliche Erklärungen

          Es gibt drei mögliche Erklärungen, warum bei dieser Parade keine einzige Rakete aufgefahren wurde. Die offensichtlichste ist, dass Kim Jong-un tatsächlich eine versöhnliche und ermutigende Nachricht senden wollte, vor allem an das Weiße Haus. Nämlich diese: Er wird seine Haltung zur Rüstung lockern und tatsächlich mit den Verhandlungen fortfahren. Trotz oder auch als Reaktion auf den verschobenen Besuchstermin des amerikanischen Außenministers Pompeo, der wegen mangelnden Fortschritts von Präsident Trump angeordnet wurde. Es scheint so, als ob Kim eine versöhnliche Botschaft schicken wollte, um sein Interesse an einer verbesserten Beziehung zu den Vereinigten Staaten und deren Verbündeten zu bekunden. Dafür spricht auch, dass er zusätzlich noch eine persönliche Nachricht an Präsident Trump geschickt und ein zweites Gipfeltreffen vorgeschlagen hat. Natürlich kann das auch als ein Erfolg für Präsident Trump und seine Nordkorea-Politik gedeutet werden.

          Ein anderer Grund könnte jedoch sein, dass Nordkorea vermeiden wollte, dass Beobachter aus der Parade den wahren Status des Raketenprogramms herauslesen könnten. Hätte er wieder nur eine begrenzte Anzahl an großen Raketenstartfahrzeugen für seine Interkontinentalraketen gezeigt, dann hätte das so gedeutet werden können, dass es tatsächlich keine heimische Produktion dieser Spezialfahrzeuge gibt, und er mit den wenigen aus China importierten Fahrzeugen auskommen muss. Und vielleicht würden Beobachter Details an den vorgeführten Raketen bemerken, die endgültig darauf hinweisen würden, dass die vorgeführten Raketen nur Attrappen sind – ein Thema, das unter Experten immer noch heiß diskutiert wird. Das würde jedoch den jetzigen Status des nordkoreanischen Raketenprogramms schmälern, denn Nordkoreas Raketenmacht wird derzeit als so hochentwickelt und bedrohlich empfunden wie nie zuvor. Warum also sollten die Nordkoreaner es riskieren, diesen Status zu gefährden?

          Und dann gibt es, drittens, auch noch einen speziellen „Russland-Faktor“, der ebenfalls erklären könnte, warum keine Raketen gezeigt wurden. Vielleicht wäre es dieses Mal nicht im Interesse des Kremls gewesen, wenn der nordkoreanische Führer zu konfrontativ aufgetreten wäre und so die Aussicht auf weitere seriöse Verhandlungen weiter getrübt hätte. Oder schlimmer noch: Es könnte der Eindruck erweckt werden, dass die Strategie von Donald Trump nicht funktioniere.

          Wenn man die These akzeptiert, dass sowjetisch-russische Raketentechnologie und Expertise entscheidend für den erfolgreichen Start der nordkoreanischen Interkontinentalraketen im vergangenen Jahr waren, dass ohne russische Raketenteile, Technologie und sogar Experten der plötzliche Anstieg der Startaktivitäten verschiedener nordkoreanischer Raketentypen zwischen 2014 und 2017 nicht möglich gewesen wäre und dass Russland Nordkorea für seine eigenen geostrategischen Interessen zum Teil instrumentalisiert hat, dann ist es eigentlich logisch, warum keine Amerika bedrohenden Raketen bei der Parade gezeigt wurden.

          Es scheint klar, dass der Kreml Interesse daran hat, dass Donald Trump weiterhin im Weißen Haus bleiben kann. So liegt es auf der Hand, dass Moskau alles unterstützen wird, was dessen Image hilft und das Wahlergebnis der Republikaner bei den Zwischenwahlen im November stärkt. Ein außenpolitischer Erfolg für Trump wie etwa eine Verbesserung der Beziehungen zu Nordkorea sowie die Fortsetzung der Gespräche würden dabei sicher helfen. Ein konzilianter Kim, der keine Raketen vorführt, und sogar ein weiteres Treffen mit Präsident Trump vorschlägt – möglichst bald, am besten vor den Zwischenwahlen –, könnte genau das bieten.

          Wenn man also Fortschritte bei Denuklearisierung und Abrüstung Nordkorea erreichen will, muss man Russland gezielt ansprechen und überzeugen. Nur mit einer ernsthaften Beteiligung des Kremls – und natürlich auch Chinas – kann die Gefahr einer nuklearen Konfrontation in der Region erfolgreich gemindert werden.

          Die Autoren

          Prof. Dr. Wolfgang Danspeckgruber ist Gründungsdirektor und Leiter des Liechtenstein Institute on Self-Determination an der Princeton University. Er forscht und lehrt über internationale Diplomatie sowie regionale und globale Krisen und deren Überwindung.

          Dr.-Ing. Markus Schiller beschäftigt sich mit den technischen Seiten von militärischen und zivilen Raketenprogrammen mit besonderem Augenmerk auf Nordkorea. Er hält einen Lehrauftrag über „Fernflugkörper“ an der Universität der Bundeswehr München.

          Weitere Themen

          Die Härten der Realpolitik

          TV-Kritik zu „Maybrit Illner“ : Die Härten der Realpolitik

          Der Einmarsch der Türkei in Syrien beherrscht die öffentliche und politische Debatte auch in Deutschland. „Wie machtlos ist Europa?“ fragte Maybrit Illner ihre Gäste und erhielt eine nüchterne Bestandsaufnahme der deutschen Außenpolitik.

          Topmeldungen

          Brexit-Gegner protestieren in London

          Brexit-Abstimmung verschoben : Johnsons Chancen

          Abermals ist es den Brexit-Gegnern gelungen, den Ausstiegsprozess aufzuhalten. Es klingt widersinnig, aber Johnson ist seinem Ziel, einem Austritt Ende des Monats, dennoch ein Stück näher gekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.