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Schwäche der EU? : Boris Trump

Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein. Bild: dpa

Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Wer wollte Donald Trump absprechen, dass er jederzeit kabarettreife Tweets verfasst? Jetzt wieder: „Unseren großartigen amerikanischen Unternehmen wird hiermit befohlen, sofort nach einer Alternative zu China zu suchen.“ Genial, denn der Stil der Formulierung ist vollendet chinesisch.

          Lustig auch, was Trump seinen Twitter-Followern schon letztes Jahr vorrechnete: Amerika erleide beim Handel mit praktisch jedem anderen Land Verluste. Deshalb würde man fette Gewinne machen, wenn man den Handel einstelle. „It’s easy!“ Das meinte er, wenn er immer wieder von Amerikas vortrefflicher Position spricht.

          Trumps jüngste Tweets haben die Börsen mal wieder bewegt, es ging im freien Fall abwärts. Schon seit einer ganzen Weile bringen seine Handelskriege oder die ständigen Drohungen damit die Börsen zum Zittern. Trump zittert ebenfalls, denn die konjunkturellen Auswirkungen seiner präpotenten Wirtschaftspolitik („Art of the Deal“) drohen ihm einen Strich durch den bereits in Gang kommenden Wahlkampf zu machen. Anfang der Woche, quasi mit dem G-7-Gipfel im Blick, hat Trump sich auch wieder einmal die Europäische Union vorgeknöpft und mit Strafzöllen für Autos gewunken. Dann werde die Union schon zu Kreuze kriechen.

          Auch von der Leyen wird sich noch als harter Knochen erweisen

          Allerdings fiel er ein wenig aus der gewohnten Rolle, als er die EU als harten Verhandlungspartner und ihren Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker als „harten Knochen“ bezeichnete. Recht hat er. Auch Junckers Nachfolgerin Ursula von der Leyen wird sich noch als harter Knochen erweisen. Das liegt in der Natur der Sache. Normalerweise versucht Trump die EU kleinzureden, weil es ihm darum geht, sie kleinzumachen. Denn sie ist in Wahrheit ziemlich groß und stark.

          Das erfährt auch Boris Johnson gerade. Er ist damit Premierminister geworden, seinen Wählern weiszumachen, dass einfach nur er kommen muss, damit 27 Länder vor Großbritannien auf die Knie gehen. Was natürlich nicht passieren wird. Seit Jahren reden die konservativen Emissäre der britischen Oberschicht ihren Landsleuten, vor allem aber sich selber ein, dass sie die Europäische Union politisch zerlegen und im Stil der guten alten Zeit vorteilhafte Deals für London in einzelnen europäischen Hauptstädten herausschlagen können. Am einfachsten, so die Theorie, werde das in Berlin sein.

          Doch bei seinen Besuchen in Berlin und Paris hat auch Boris Johnson feststellen müssen, was vor ihm schon Theresa May erfahren hat. Die Union lässt sich nicht auseinandernehmen, nur weil Großbritannien sie verlassen will.

          Im Übrigen wird es interessant sein zu beobachten, was eigentlich aus der britischen Bonität wird, wenn London sich weigert, seine Verträge zu erfüllen und seine Schulden zu zahlen – die Wiederholung dieser Drohung war ja quasi Johnsons erste Amtshandlung als Premier. Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein, der eine wie der andere.

          Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige politische und wirtschaftliche Gewinne machen. Europa ist da durch seinen Zusammenhalt, durch eine Politik des Interessenausgleichs in einer wesentlich stärkeren Position. Selbst wenn die Briten nun rausgehen – wer nicht wesentlich älter als 65 ist, wird noch erleben, dass sie wieder an der Tür kratzen. Die Tories wird es dann nicht mehr geben.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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