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Spannungen an Grenze zu Israel : „Die Hizbullah will keinen Krieg“

Unter Bewachung: Ein israelischer Soldat neben einem Raketenabwehrsystem am Montag nahe der libanesischen Grenze. Bild: Reuters

Immer wieder eskaliert die Lage an der libanesisch-israelischen Grenze. Aber eigentlich haben weder Israel noch die Hizbullah Interesse an einem Krieg. Netanjahu warnt die Miliz: Sie spiele mit dem Feuer.

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          Die Familie ist mit dem Schrecken davongekommen. Der israelische Querschläger hat das Dach der Veranda, ein Fenster und eine Wand durchschlagen und ist im Badezimmer gelandet, ohne weiteren Schaden anzurichten. Als die libanesischen Fernsehsender diese Bilder aus dem Wohnhaus sendeten, herrschte schon wieder Ruhe im Grenzgebiet. Es hatte ein Scharmützel zwischen Kämpfern der Schiitenorganisation Hizbullah und der israelischen Armee gegeben. Für gewöhnlich halten sich die Konfliktparteien an unausgesprochene Regeln, die Schläge ohne eine Eskalation zulassen, wenn sie nicht zu schmerzhaft sind. Aber jedes Mal herrscht Sorge, es könnte Todesopfer geben, es könne ein Krieg ausbrechen wie zuletzt 2006. Keine der beiden Seiten habe ein Interesse daran, heißt es immer wieder. Aber es könne angesichts der großen Spannungen trotzdem dazu kommen.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dass eine Eskalation bevorsteht, war erwartet worden. Vorige Woche war ein libanesischer Hizbullah-Kämpfer in Syrien bei einem israelischen Luftangriff getötet worden. Die Schiitenorganisation schweigt in der Regel zu den Hunderten israelischer Luftangriffe im Nachbarland, die den iranischen Militärs und ihren arabischen Alliierten gelten: Israel will verhindern, dass diese sich dort festsetzen. Aber Hizbullah-Anführer Hassan Nasrallah hat öffentlich erklärt, Vergeltung zu üben, sollte einer seiner Männer zu Tode kommen. Und die Hizbullah hatte auch nicht über den Toten geschwiegen.

          War es das reinigende Gewitter?

          Seit Tagen war daher die Lage angespannt. Der Schusswechsel vom Montag scheint allerdings nicht das reinigende Gewitter gewesen zu sein. Denn die Hizbullah verkündete noch am Abend, sie habe mit der Sache nichts zu tun. Die Führung der Organisation hatte sich offensichtlich dafür entschieden, nicht die Möglichkeit zu ergreifen, den Zwischenfall an der Grenze zu einer erfolgreichen Vergeltungsaktion zu erklären. „Die Stellungnahme ist außergewöhnlich – vor allem angesichts der Tatsache, dass in der begeisterten Anhängerschaft vorher schon Erfolgsmeldungen über zerstörte israelische Fahrzeuge und getötete israelische Soldaten gefeiert wurden“, sagt der in Beirut lebende Hizbullah-Experte Nicholas Blanford vom Atlantic Council. In den 25 Jahren, die er die Organisation beobachte, sei das nicht vorgekommen.

          Ein anderer Beobachter im Libanon sagt, die Hizbullah wolle eine Eskalation vermeiden und müsse ihre Schläge genau kalibrieren. „Die Führung hat gerade andere Prioritäten.“ Er meint die Wirtschaftskrise im Libanon, die das Land bis ins Mark getroffen hat. Die schiitische Klientel der Hizbullah, die in der großen Mehrheit aus den unteren Schichten stammt, ist da keine Ausnahme. „Die Hizbullah will keinen Krieg – weder im Inneren noch mit Israel.“

          Und auch die Förderer der Hizbullah in Teheran, die das letzte Wort in dieser Sache haben dürften, können derzeit kein Interesse daran haben. Für das iranische Regime ist die Hizbullah ein wichtiger Trumpf im Kampf gegen die Vereinigten Staaten und Israel. Es ist aber einer, den Teheran nur einmal spielen kann – und durch einen großen Krieg würde es diesen faktisch aus der Hand geben. Israel hat deutlich gemacht, dass der ganze Libanon im Kriegsfall mit einer zerstörerischen Luftangriffskampagne zu rechnen habe. „Hizbullah muss verstehen, das sie mit dem Feuer spielt“, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montagabend. Israel verlegte weitere Einheiten in den Norden.

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