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Klimapolitik im Krieg : Wie die Welt in ihre teuerste Katastrophe taumelt

Indonesien leidet unter unberechenbaren Wetterlagen - infolge des Klimawandelns. Manche Orte sind von Dürre betroffen, andere von Fluten. Bild: dpa

Keiner hörte, was der IPCC diese Woche zu sagen hatte: dass die Mächtigen der Welt die Rettung des Planeten in den Sand setzen – nicht nur des Krieges wegen.

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          Der neue Teilbericht des Weltklimarats IPCC sollte in dieser Woche zeigen, wie es um die Welt im Großen steht. Doch weil auf europäischem Boden Krieg herrscht, musste der Versuch scheitern, diese entscheidenden, ja existenziellen Wahrheiten über den Zustand und die Zukunft unserer Welt in das öffentliche Bewusstsein zu bringen.

          Im Bombenhagel von Charkiw ging selbst die Brandrede des UN-Generalsekretärs unter. Für „kriminell“ hält António Guterres inzwischen die Versäumnisse der Staaten, sich mit voller Kraft gegen den Klimawandel zu stemmen. Klarer geht es kaum. Und es ist wohl auch kaum übertrieben, wenn man bedenkt, welchen gewaltigen intellektuellen Aufwand die Staatengemeinschaft immer wieder treibt, um die Wahrheit über die Klimakrise und einen schnellen Weg aus ihr heraus zu finden.

          Die Klimakatastrophe ist schon da

          Auf mehr als dreitausend Seiten, das populäre Begleitmaterial nicht inbegriffen, haben mehr als siebenhundert IPCC-Wissenschaftler alles zusammengetragen und ausgewertet, was in den vergangenen sieben Jahren über die Verletzlichkeit unseres Planeten, die Folgen für die Menschen und die Möglichkeiten einer Anpassung an den Klimawandel bekannt geworden ist. Fast fünfunddreißigtausend Einzelstudien waren es, und am Ende stand der Konsens: Die Klimakatastrophe ist schon heftig da. Überall auf der Welt ist dokumentiert, wie gravierend – und sehr viel schneller als lange für möglich gehalten – die Lebensbedingungen auf unserem Planeten sich ändern. Fast ausschließlich zu unserem Nachteil und auf Kosten der Natur.

          Selbst die eine Hälfte der Menschheit, die nicht direkt von der beschleunigten Erhitzung der Atmosphäre und der Ozeane betroffen sein wird, muss sich auf gewaltige Verluste und einen hohen Migrationsdruck einstellen, wenn die mittlere globale Temperatur von heute rund einem Grad über dem industriellen Niveau auf 1,5 Grad über diesem steigt – was mutmaßlich schon am Anfang der nächsten Dekade passieren wird. Die Halbierung der klimaschädlichen Emissionen bis 2030 ist praktisch alternativlos. Wer auf Klimaneutralität um die Jahrhundertmitte schielt und meint, es deshalb langsam angehen zu können, wie etwa China als der weltgrößte Emittent, verlässt den klimapolitischen Konsens von Paris.

          Lippenbekenntnisse statt Investitionen

          Zur prekären Lage des Planeten gehört auch, dass nicht nur der Krieg in der Ukraine die Energie- und damit die Klimapolitik entscheidend zu lähmen droht, sondern auch, dass die Mächtigen die Wahrheit zwar hören, aber viele die nötige Verantwortung immer noch nicht übernehmen wollen. Die laut Internationalem Währungsfonds mehreren Hundert Milliarden Dollar an Subventionen für die fossilen Brennstoffe jährlich bremsen den Übergang in eine klimaschonende Zukunft ebenso wie der Unwillen aufseiten der größten Banken und Konzerne, den Lippenbekenntnissen ausreichend schnell Investitionen folgen zu lassen. Das zeigen neue Studien.

          Das gleiche Muster wiederholt sich immer wieder. Die Bereitschaft von 19 EU-Ländern, die Erholung der Wirtschaft nach der Pandemie mit einer Summe von 13 Milliarden Euro zu fördern, ist bisher kaum für die Abwendung der noch viel umfassenderen Klimakatastrophe genutzt worden. Nur sechs Prozent dieses Geldes fließen in den Klimaschutz. Das Phlegma erweist sich also allen Zusagen zum Trotz weiter als wahrheitsresistent.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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