https://www.faz.net/-gpf-9lgm8

Stimmung im Gazastreifen : Die Wut liegt tiefer

Aufruhr: Palästinensische Demonstranten am Samstag im Gazastreifen Bild: EPA

Der „Marsch der Million“ zum ersten Jahrestag der Proteste am Zaun im Gazastreifen fällt vergleichsweise ruhig aus. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

          Dreihundert Meter vor dem Zaun kommt die Menge plötzlich in Bewegung. Die Israelis haben wieder eine Ladung Tränengasgranaten rübergeschossen. Hassan Radwan hat seinen Dreijährigen auf dem Arm. Das Kind beginnt zu schreien, Radwan laufen die Tränen aus den gereizten Augen, seine Frau hält den Fünfjährigen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Warum nimmt Radwan seine Kinder mit an jenen Ort, an dem über die vergangenen Monate mehr als 250 seiner Landsleute erschossen wurden? „Wir müssen klarmachen, dass wir unsere Situation nicht akzeptieren“, sagt Radwan. „Es ist gefährlich, aber trotzdem müssen sich meine Kinder an unseren Widerstand gewöhnen.“ Ohne die Demonstrationen, sagt Radwan, hätte man von Israel gar nichts bekommen.

          Plötzlich unterbrechen Männer in schwarzen Bomberjacken: Die innere Sicherheit der Hamas will Ausweise sehen, Radwan und seine Familie gehen weiter. Dutzende Leute in orangefarbenen Westen kontrollieren zwischen Sandwällen die Zugänge zum unmittelbaren Bereich vor dem Zaun, der Gaza und Israel trennt. Seit einem Jahr strömen jede Woche Tausende Palästinenser in Gaza an den Zaun. Das blutige Spektakel läuft unter dem Aufruf „Marsch der Rückkehr“. Als ob es wirklich darum ginge, zurück in die Dörfer zu kommen, die heute israelisches Hoheitsgebiet sind und aus dem die Vorfahren der meisten Einwohner Gazas geflohen waren.

          Hamas und Israel nähern sich an

          Für die Hamas, die sich der Proteste rasch bemächtigte, sind sie ein Mittel, um von Israel eine Lockerung der Blockade des Gazastreifens zu erreichen. Die von Ägypten vermittelten indirekten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas stockten. Dann schossen Militante zwei Raketen aus Gaza in den Großraum Tel Aviv. Israel antwortete mit massiven, doch vergleichsweise symbolischen Luftangriffen. Die Unterhändler kamen einander wieder näher. Sowohl Israel als auch die Hamas erklärten die beiden Raketenabschüsse zu einem „Versehen“. Die Hamas weiß, dass in Israel am 9. April gewählt wird und die Regierung einen Krieg vermeiden will.

          Am Wochenende wurde von einem Durchbruch berichtet: Qatar darf statt 15 Millionen nun vierzig Millionen Dollar Bargeld jeden Monat nach Gaza transportieren, Israel erlaubt zusätzliche Strom- und Wasserlieferungen. Der Grenzübergang wird für ein wenig mehr Warenverkehr geöffnet, und Bauern sollen jetzt auch nach Israel und ins Westjordanland ausführen dürfen. Im Gegenzug fällt der von der Hamas angekündigte „Marsch der Million“ zum ersten Jahrestag der Zaunproteste weitgehend aus.

          Rund 40.000 Menschen ziehen in den Matsch vor die Visiere der israelischen Scharfschützen, gerade zwei Prozent der Bevölkerung in Gaza. Die Zugkraft der Hamas hat nachgelassen. Und die Hamas selbst sorgte dafür, dass es dieses Mal vergleichsweise ruhig blieb. Drei 17 Jahre alte Palästinenser wurden am Samstag getötet. Die israelische Armee spricht von einem der ruhigsten Tage seit Beginn der Demonstrationen.

          Mehr als ein Schuldiger

          „Wir wollen zurückkehren“ steht auf dem Hemd eines alten Mannes, der dort steht, wo Händler Nüsse und Saft aus fahrenden Holzwägelchen verkaufen. Im Innern des Gazastreifens wurde dieses Motto zuletzt von einem ähnlichen und doch ganz anderen verdrängt: „Wir wollen leben“ – so lautete die Losung eines Protests gegen die Hamas selbst. Vor Tagen gingen an verschiedenen Orten des Gazastreifens vorwiegend junge Menschen gegen „die Regierung“ auf die Straße.

          Weitere Themen

          Zusammenprall der Temperamente

          Vor der Wahl in Israel : Zusammenprall der Temperamente

          Bei der Parlamentswahl an diesem Dienstag in Israel tritt der frühere Generalstabschef Gantz gegen Amtsinhaber Netanjahu an. Doch selbst wenn er gegen den Ministerpräsidenten gewinnen sollte – einen fundamentalen Politikwechsel gäbe es nicht.

          Fist Bump mit Barack Obama Video-Seite öffnen

          Greta Thunberg in Washington : Fist Bump mit Barack Obama

          Die junge schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat sich in Washington mit dem früheren amerikanischen Präsidenten Barack Obama getroffen. Er bezeichnete die 16-Jährige als „eine der größten Verteidigerinnen unseres Planeten“.

          Im Land der 120 Putins

          Russische Israelis : Im Land der 120 Putins

          Mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten in Israel sprechen Russisch. Der wachsende Einfluss der orthodoxen Juden bereitet ihnen Sorgen – für Benjamin Netanjahu ist das keine gute Nachricht.

          Topmeldungen

          Brexit-Debatte : Schottland droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

          Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon hat ein Unabhängigkeitsreferendum für das kommende Jahr angekündigt, sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen. EU-Kommissionspräsident Juncker will konkrete schriftliche Vorschläge von Premierminister Johnson.

          Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

          Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
          Mieten sollen durch die Maßnahme günstiger werden: Balkone eines Mietshauses in Hamburg

          Kabinettsbeschluss : Mietspiegel soll neu berechnet werden

          117 Millionen Euro sollen Mieter durch diesen Kabinettsbeschluss sparen. Ob das so kommt, ist aber ungewiss – der Mieterbund hält die Maßnahme für nicht ausreichend. Mietern schaden könnte auch noch etwas anderes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.