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England als Exil : Putins Feinde und Freunde in London

Ein Stückchen Moskau in England: ein Blick auf die russische Botschaft in London Bild: Reuters

Großbritannien ist attraktiv für Russen: Seit dem Beginn der Ära Putin haben sich Kritiker und Gefährten des Präsidenten das Land als Exil ausgesucht. Die einen wollen ihr Leben retten – die anderen ihr Geld.

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          Vor 116 Jahren schlenderten zwei Russen am Parlament in London vorbei, und der eine, ein Mann namens Wladimir Iljitsch Lenin, sagte: „Das ist ihr berühmtes Westminster.“ Der andere, Leo Trotzki, schrieb später, dass sich Lenins „ihr“ natürlich nicht auf die Briten bezogen habe, sondern auf die herrschende Klasse im Königreich. Abschätzigkeit lag also in Lenins Hinweis, aber immerhin machte das politische System des Klassenfeindes es den beiden jungen Revolutionären möglich, an der Themse den Umsturz im fernen Russland vorzubereiten. Ein paar Monate später hielten die russischen Kommunisten ihren Londoner Kongress ab, der schließlich, über lange Umwege, in die Oktoberrevolution von 1917 mündete.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Freiheiten, die das liberale Königreich Andersdenkenden und politischen Außenseitern ermöglichte, waren schon vor Lenin und Trotzki legendär. Als die politischen Verlierer der kontinentaleuropäischen 1848er-Revolutionen Zuflucht suchten, halfen die Briten anstandslos. Nicht, weil sie besondere Sympathien gehegt hätten für die Vorstellungen des russischen Sozialisten Alexander Herzen oder des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Mazzini; und schon gar nicht schätzten sie die Ansichten der deutschen Flüchtlinge Marx und Engels. Es war simpler. „Unsere heilige Pflicht der Gastfreundschaft steht Personen aller Meinungen offen“, sagte Premierminister Lord Russell damals. Geschützt wurde, wer politisch in Not war: Nach der russischen Oktoberrevolution waren es deren Opfer, zwei Jahrzehnte später die Verfolgten der Nazi-Diktatur.

          Das Königreich als sicherer Hafen

          Diese Tradition hilft zu verstehen, warum sich seit dem Beginn der Ära Putin so viele russische Regimekritiker London als Exil ausgesucht haben. Nicht der erste, aber der erste namhafte war der schillernde Geschäftsmann Boris Beresowskij, der vor fünfzehn Jahren politisches Asyl erhielt. Die Weigerung Londons, Beresowskij auszuliefern, nachdem russische Richter ihn in Abwesenheit verurteilt hatten, ließ das Königreich als sicheren Hafen erscheinen. Viele folgten Beresowskij – einige waren prominent, wie der Tschetschenen-Führer Achmed Sakajew, andere erlangten erst durch ihren Tod traurige Berühmtheit. Alexander Litwinenko, ein früherer Offizier des russischen Geheimdienstes FSB, wurde 2006 von ehemaligen Kollegen in einem Londoner Hotel vergiftet. Sergej Skripal, der 2010 durch einen Agentenaustausch ins Königreich gelangt war, wurde vor zwei Wochen in Salisbury Opfer eines Mordversuchs; er und seine Tochter kämpfen seither in einem Krankenhaus gegen den Tod. Nikolaj Gluschkow, auch er ein Freund Beresowskijs, wurde am Montag leblos in seiner Londoner Wohnung aufgefunden; es wird wegen Mordes ermittelt.

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