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Verteidigungsausgaben der Nato : Warum Trumps Beitragskritik überzogen ist

Das Gros geben die Vereinigten Staaten dabei mit schätzungsweise 24,3 Milliarden Dollar für ihre signifikante Militärpräsenz in Europa aus. Im Herbst vergangenen Jahres zählten zum Europäischen Kommando der Vereinigten Staaten (US Eucom) rund 65.800 aktive Soldaten, 2000 Reservisten sowie 16.000 zivile Mitarbeiter des Pentagon. Hinzu kommen noch einmal 4,8 Milliarden Dollar für die Europäische Abschreckungsinitiative. Das restliche Geld sind direkte Unterstützungszahlungen an die Nato, für die Amerika mit 22,1 Prozent der größte Beitragszahler ist. Hierzu zählen auch Leistungen im Rahmen des Nato-Raketenabwehrschilds, des strategischen Lufttransports des Bündnisses und der Kommandostruktur.

Die IISS-Forscher lassen erkennen, dass sie angesichts ihrer Ergebnisse die beißende Kritik des amerikanischen Präsidenten offenkundig für überzogen halten. Die Zahlen stellten die Ausgaben der europäischen Nato-Mitglieder in jedem Fall in ein etwas anderes Licht, hieß es am Rande der Zusammenkunft vergangene Woche nahe Aylesbury, westlich von London. Das gelte auch dann, wenn manche EU-Staaten (in geringerem Maße) Geld für Engagement außerhalb der Allianz ausgäben und die direkten Kosten die Nato-Aufwendungen naturgemäß ähnlich deutlich unterzeichnen wie die gesamten Verteidigungsausgaben sie überzeichnen würden.

Die Warnung der Forscher hängt mit dem Status der Vereinigten Staaten als letzte verbliebene Supermacht zusammen. Schließlich profitieren die europäischen Verbündeten von einer ganzen Reihe militärischer Ressourcen, über die Amerika angesichts seines globalen Geltungsanspruchs ohnehin verfügt. Das gilt allem voran für den nuklearen Schild. Es gilt aber auch für große Teile der Marine, Luftstreitkräfte oder die 82. Fallschirmjägerdivision, die alle im Krisenfall binnen kürzester Zeit nach Europa verlegt werden können. Ebenso für Informationen amerikanischer Militärsatelliten, Übungen in den Vereinigten Staaten, Schutzmaßnahmen im Cyberspace – die Liste ließe sich fortführen.

Auch wenn die genaue Bestimmung des Beitrags der Amerikaner zur Nato am Ende kaum zu ermitteln ist – es ist offenkundig, dass die Vereinigten Staaten bei weitem nicht die 3,75 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die Nato ausgeben. Mehr noch: Es ist sogar zweifelhaft, ob sie überhaupt die Zwei-Prozent-Marke überspringen, die Präsident Trump so vehement von den europäischen Staaten einfordert. Eine vorsichtige Schätzung, die die IISS-Forscher anführen, beziffert den Europaanteil des amerikanischen Verteidigungsetats auf 25 Prozent. Das wäre knapp ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Mögen diese Zahlen die Kritik des amerikanischen Präsidenten an den europäischen Partnern auch relativieren, ändern sie aber nichts daran, dass die meisten europäischen Nato-Länder die eigene Selbstverpflichtung trotz Ausgabesteigerungen weiter deutlich verfehlen werden. Und dass die Europäer aufgrund gewaltiger Fähigkeitslücken ohne die Amerikaner nicht in der Lage sein werden, den eigenen Kontinent zu verteidigen. Ohne sie wäre die Abschreckung gegenüber Russland kaum noch gegeben. In Deutschland stehen selbst die 1,5 Prozent, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Nato bis 2024 verbindlich zugesichert hat, zur Disposition. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat vor wenigen Tagen angekündigt, den Anstieg des Wehretats deutlich bremsen zu wollen. Das dürfte auch Donald Trump nicht verborgen bleiben. Für den Nato-Gipfel in Washington verheißt das nichts Gutes.

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