https://www.faz.net/-gpf-9atag

Frust im Gazastreifen : Wie ein Fußball zwischen der Hamas und Israel

Gewaltbereit: Palästinensische Demonstranten im April am Grenzzaun Bild: Reuters

In Gaza verbrennt sich ein junger Mann aus Protest gegen die Hamas. Die Zahl der Selbstmorde nimmt zu. Doch in der muslimischen Gesellschaft sind sie ein Tabu.

          6 Min.

          Am Samstag gegen Mitternacht ging Fathi Harb noch einmal aus dem Haus. Er wollte die fünfzig Schekel abholen, die ihm ein Bekannter schuldete. Der Bekannte hat ein Catering-Unternehmen, und wenn er Hilfe brauchte, dann schenkte Fathi Harb Tee auf Hochzeiten aus. Fünfzig Schekel sind zwölf Euro.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Harb war arbeitslos, manchmal fand er so einen Gelegenheitsjob für einen Tag. Es reichte kaum. Seine Frau war schwanger. Er komme bald wieder, sagte er ihr. Doch eine halbe Stunde später stand Harb auf der Hauptstraße, übergoss sich mit Benzin und zündete sich an. „Verdammt sei die Regierung“, schrie Harb, „verdammt sei die Regierung“ – so lange, bis er zusammenbrach. Die „Regierung“ ist hier in Gaza die islamistische Hamas.

          Die Leute auf der Straße versuchten, die Flammen mit Wasserflaschen zu löschen und mit Decken zu ersticken. Zwei filmten mit ihren Mobiltelefonen. „Warum hast du dir das angetan?“, sagt ein Mann. Mit schwersten Brandverletzungen kam Fathi Harb ins Krankenhaus. Vergangene Woche ist er gestorben. Harb wurde zweiundzwanzig Jahre alt. Tage später brachte seine Frau einen Jungen zur Welt.

          „Ich weiß nicht, warum er es getan hat“

          Jetzt sitzt Doaa Harb auf dem Bett, fast noch ein Mädchen, und schaut mit leerem Blick auf den schwarzen Kleiderschrank. Gedankenverloren pult sie an einem Mobiltelefon in ihrer Hand. Die Schwiegermutter ist mit auf das Bett gesunken und hält das Neugeborene im Arm. Fathi und Doaa kannten sich neun Monate, eigentlich erst seit der Hochzeit, die Fathis Großvater arrangiert hatte. Doaa sagt, Fathi sei ein normaler Mann gewesen. Er habe Videos auf seinem Telefon angeschaut und sich mit Freunden getroffen. Er sei nicht depressiv gewesen, und an dem Tag sei vorher auch nichts Besonderes passiert. Bis er sagte, er gehe noch mal aus dem Haus. „Ich weiß nicht, warum er es getan hat“, sagt seine Witwe.

          Die Zahl der Selbstmorde im Gazastreifen nimmt zu. Das sagt der Chef der UN-Behörde für Palästinaflüchtlinge im Gazastreifen (UNRWA), das sagen Ärzte in Gaza und Menschen auf der Straße. Die Gesundheitsbehörden der Hamas geben darüber keine Auskunft. Selbstmorde sind in muslimischen Gesellschaften ein Tabu, weswegen sie in Gaza oft als Unfall getarnt werden. Es gibt Berichte über absichtliche Autounfälle, Schnittverletzungen, Selbstverbrennungen, von Menschen, die von Dächern und Masten gefallen seien.

          Seit einiger Zeit werden Patienten in den 22 UNRWA-Gesundheitszentren bei derartigen Unfällen auch psychologisch untersucht. Jassir Abu Jamei, der Direktor der größten privaten psychologischen Betreuungseinrichtung in Gaza, spricht von fünfhundert Selbstmordversuchen im vergangenen Jahr. Andere vermuten eine weit höhere Dunkelziffer, die längst nicht nur die Schwächsten der Gesellschaft trifft.

          Enttäuschung und Perspektivlosigkeit

          Es gibt Universitätsabgänger mit guten Noten, die sich umbrachten, weil sie in Gaza keine Zukunft sahen, aber die verschlossene Enklave so wie neunundneunzig Prozent der Bevölkerung auch nicht verlassen durften. „Ein Mädchen hat den zweiten Preis eines Literaturwettbewerbs gewonnen und dafür eine Einladung einer Organisation in Dubai erhalten“, sagt Matthias Schmale, der UNRWA-Chef in Gaza. „Aber Israel hat ihr keine Ausreisegenehmigung erteilt.“ Talentierten jungen Menschen Chancen zu verweigern sei eine „kurzsichtige Politik“, so Schmale. „Dieses Mädchen könnte jetzt auch an den Zaun gehen, um ihrer Enttäuschung und Perspektivlosigkeit Ausdruck zu verleihen.“

          Weitere Themen

          Nun geht es darum, die Verantwortung anzunehmen Video-Seite öffnen

          Bundesparteitag der Grünen : Nun geht es darum, die Verantwortung anzunehmen

          Die Parteispitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck wurde mit jeweils mehr als 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Nun soll auf dem Erfolg der letzten zwei Jahre aufgebaut werden. F.A.Z. Politikredakteurin Dr. Helene Bubrowski berichtet vom zweiten Tag des Bundesparteitages aus Bielefeld.

          Topmeldungen

          Steht unter Handlungsdruck: Bundesfinanzminster Olaf Scholz (SPD)

          Cum-Ex : Scholz rüstet sich zum Kampf gegen den Steuerbetrug

          Kurz vor der Entscheidung über den SPD-Vorsitz geht Olaf Scholz in die Offensive. Der Bundesfinanzminister gründet eine Spezialeinheit gegen Steuerbetrügereien wie „Cum-Ex“. Das aber ist ein Kernthema seines parteiinternen Kontrahenten Norbert Walter-Borjans.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.