https://www.faz.net/-gpf-9rvl2

Wahl im Kosovo : Amselfelder Männerdämmerung

Siegesgewiss: Vjosa Osmani lässt sich von ihren Anhängern in Prishtina feiern. Bild: Reuters

Seit 1999 haben im Kosovo einstige Freischärlerführer die Macht, doch ihre Ära könnte bei der Parlamentswahl am Sonntag enden. Denn eine als unbestechlich geltende Frau fordert sie heraus.

          6 Min.

          Es ist Wahlkampfzeit, und in der Parteizentrale der Demokratischen Liga des Kosovos, kurz LDK genannt, geht es hektisch zu. Ständig telefoniert irgendwer mit irgendwem, Plakate werden gebracht oder abgeholt, Wahlkampfauftritte koordiniert, schnell soll alles gehen und noch schneller, alle sind wie aufgedreht. Beim Kampf um Stimmen gibt es keine Pause, wie die in den Büros ausliegenden Werbezettel eines Pizzadienstes zeigen, der rund um die Uhr liefert.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das zeigt auch, wie enorm sich die kosovarische Hauptstadt Prishtina verändert hat, seit vor ziemlich genau zwei Jahrzehnten der dreimonatige Luftkrieg der Nato gegen Jugoslawien damit endete, dass alle serbischen Truppen aus dem Kosovo abzogen. Damals war das Kosovo ein Trümmerfeld in jeder Hinsicht: Massengräber, Hunderttausende Vertriebene, zerstörte Dörfer und zerstörte Seelen.

          Für die Frauen im Kosovo

          Zumindest die Dörfer sind längst wiederaufgebaut. Aus dem trübseligen und finsteren Prishtina, obschon es noch immer keine Schönheit ist und schwerlich je eine werden wird, ist eine quirlige Stadt geworden. Viele neue Hotels, Restaurants, Cafés und Geschäfte sind entstanden, die Fußgängerzone in der Innenstadt unterscheidet sich von ihren westeuropäischen Vorbildern kaum. Im renovierten Fußballstadion der Hauptstadt, das seit kurzer Zeit internationalen Standards genügt, feiert das kosovarische Nationalteam ungeahnte Erfolge. Übernächste Woche kommt die Mannschaft von Montenegro, und bei einem Sieg darf das Kosovo weiter von der Teilnahme an der Europameisterschaft träumen.

          Eine neue Autobahn verbindet Prishtina mit Tirana und der albanischen Adriaküste, eine weitere führt seit Mai in Nordmazedoniens Hauptstadt Skopje, von wo aus es nicht mehr weit ist bis zum griechischen Thessaloniki. Der Bau dieser Autobahnen verschlang mehrere Milliarden Euro und war hochumstritten, da es erhebliche Korruption bei der Auftragsvergabe gegeben haben soll.

          Gesicht der Hoffnung: Vjosa Osmani auf einem Wahlplakat
          Gesicht der Hoffnung: Vjosa Osmani auf einem Wahlplakat : Bild: EPA

          Zwanzig Jahre nach dem Abzug der Serben und elf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung von 2008 steht dem Kosovo an diesem Sonntag womöglich eine dritte große Zäsur bevor. Denn bei der Parlamentswahl am Sonntag könnte die LDK stärkste Kraft und ihre Spitzenkandidatin Vjosa Osmani Regierungschefin werden, was in mehrfacher Hinsicht ein Einschnitt wäre. Erstens, weil Frauen bisher nichts zu sagen hatten in der kosovarischen Politik. Zwar hatte das kleine Land von 2011 bis 2017 eine Staatspräsidentin, doch die war nur auf Druck der amerikanischen Botschaft in Prishtina auf diesen Posten gehievt worden und hatte nichts zu melden.

          Auch Vjosa Osmani steht, wie es für eine politische Karriere im Kosovo unverzichtbar ist, in gutem Einvernehmen mit den Amerikanern – doch wer sich mit ihr unterhält, merkt nach wenigen Sätzen, dass sich die selbstgewisse Frau mit einer Rolle als Frühstücksdirektorin nicht begnügen würde. „Für eine Gesellschaft, die für so lange Zeit zutiefst patriarchalisch geprägt war, würde es eine wichtige Veränderung bedeuten, wenn die Mehrheit der Menschen einer Frau ihr Vertrauen schenkt – nicht, weil sie eine Frau ist, sondern weil die Menschen an meine harte Arbeit und meinen Dienst am kosovarischen Volk glauben“, sagt die Spitzenkandidatin zur Eröffnung des Gesprächs mit der F.A.Z. in einem Konferenzraum ihrer Parteizentrale. „Für mich ist es wichtig, am Ende meines Mandats die Botschaft zu hinterlassen, dass kein Mädchen und keine Frau im Kosovo mehr glaubt, sie sei in irgendeiner Art unterlegen. Ich bin sicher, dass die Frauen und Mädchen im Kosovo am Ende meines Mandats wissen, dass es nichts gibt, was sie nicht tun können“, verkündet Osmani mit einer Selbstsicherheit, als habe sie die Wahl schon gewonnen. Frauen im Kosovo müssten erkennen, dass sie „so gut wie Männer seien können – oder in vielen Fällen sogar besser“. Die Erfahrung zeige schließlich, dass Frauen nicht korrumpierbar seien und ihren Dienst für das Land und ihr Volk viel ernsthafter nähmen als Männer. „Man schaue sich die politische Erfolgsbilanz von Frauen in der Politik an: Die meisten Themen in der Politik, die im Interesse der Bürger sind, wie Wohlfahrt, Bildung und Gesundheit, werden normalerweise von ihnen aufgebracht“, behauptet Osmani.

          In Prishtina sowie in Pittsburgh studiert

          Will sie diese vermeintliche weibliche Überlegenheit auch Politikerinnen wie Serbiens Ministerpräsidentin Ana Brnabić zubilligen, die Albaner unlängst als „buchstäblich aus dem Wald gekommen“ verunglimpfte? Dazu sagt sie nichts, aber es stimmt ja: Seit der Vertreibung des serbischen Staates aus dem Großteil des Kosovos im Sommer 1999 haben Männer das Amselfeld regiert – und das Ergebnis ist, trotz aller Fortschritte, kein Ruhmesblatt. Die albanische Enthüllungsjournalistin Jeta Xharra, eine andere erfolgreiche Frau im Kosovo, hat dieser Tage zusammengefasst, wie es um den jüngsten Staat Europas bestellt ist: „Wir leben in einem Land, in dem etwa 25 Prozent der Bevölkerung immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und 45 Prozent ohne ein funktionierendes Abwassersystem leben.“

          Die von der Politik in den Vordergrund gerückten Statusfragen – Grenzziehungen, der Dialog mit Serbien, die Anerkennung der Unabhängigkeit durch andere Staaten – seien nur eine spanische Wand, hinter der die Machthaber sich schamlos bereicherten und ihre Clans mit Sinekuren auf Kosten der Steuerzahler versorge, sagt nicht nur Xharra. Täuschen die Umfragen nicht, hält eine relative Mehrheit der Kosovaren Frau Osmani für am besten geeignet, das Kosovo zu regieren. Sie verdankt das wohl nicht zuletzt ihrem Ruf, unbestechlich zu sein. Auch deshalb konnte es ihr gelingen, die LDK, die Partei von Ibrahim Rugova, des 2006 gestorbenen Vaters des gewaltlosen Widerstands gegen das serbische Apartheidsregime im Kosovo, wieder in höhere Umfrageregionen zu führen.

          Ein Wahlplakat in Prishtina zeigt Ramush Haradinaj.
          Ein Wahlplakat in Prishtina zeigt Ramush Haradinaj. : Bild: Reuters

          Die Juristin, die in Prishtina sowie in Pittsburgh studiert hat und ein amerikanisches Englisch spricht, als sei sie gestern aus Pennsylvania angereist, verspricht der Bevölkerung einen Kampf gegen die Korruption ohne Rücksicht auf Rang und Namen. Das wäre die zweite und potentiell entscheidende Neuerung, sollte sie tatsächlich Ministerpräsidentin werden. Denn in ihrer Heimat sind seit 1999 in wechselnden Formationen stets zwei ehemalige Führer der „Befreiungsarmee Kosovo“ (UCK) an der Macht beteiligt: Hashim Thaçi, einst Regierungschef, derzeit Präsident, sowie Ramush Haradinaj, bis vor kurzem Ministerpräsident. Haradinaj trat im Juli zurück, nachdem er zu einer Befragung vor dem Sondertribunal für Kriegsverbrechen im Kosovo vorgeladen worden war. Beide werden mit Korruption, Nepotismus, Rauschgifthandel und noch übleren Delikten in Verbindung gebracht.

          „Für uns ist die Republik Kosovo ein dauerhaftes Projekt“

          Gerichtsfest bewiesen ist davon nichts, doch scheint eine wachsende Zahl von Kosovaren ihrer Helden aus dem Krieg gegen Serbien müde zu sein. Es sei an der Zeit, sagt Osmani in diesem Sinne, dass Thaçis „Demokratische Partei des Kosovos“ für lange Zeit in die Opposition geschickt werde „wegen des großen Schadens, den sie angerichtet hat – Schaden für die Institutionen und für das Interesse der Menschen über so lange Zeit“. Allzu lang sei der größte Teil des kosovarischen Haushalts in den Bau von Autobahnen und die Finanzierung von Staatsdienern geflossen. „Ich möchte sicherstellen, dass wir künftig in unsere Menschen investieren. Die Jugend ist das größte Potential des Kosovos“, sagt die prospektive Regierungschefin des Staates mit der jüngsten Bevölkerung Europas. Die Voraussetzung für jeden Erfolg sei aber eine unabhängige Justiz. Deshalb müsse es im Kosovo zu einer umfangreichen Überprüfung der Richter und Staatsanwälte kommen. „Wir müssen sicherstellen, dass wir kriminelle und politische Einflüsse aus dem Justizsystem verdrängen. Wenn das geschieht und das Justizsystem des Landes funktioniert, wird alles andere einfacher sein“, mutmaßt die ehemalige Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Doch wenn es immer noch so viel zu tun gibt in der kosovarischen Justiz – was hat die im Kosovo angesiedelte europäische Rechtsstaatsmission Eulex, die teuerste Auslandsmission in der Geschichte der Europäischen Union, dann eigentlich all die Jahre getan? Schließlich hatte Eulex für ein Jahrzehnt die Aufsicht über die kosovarische Justiz inne.

          Unterstützer von Ramush Haradinaj Anfang Oktober in Prishtina
          Unterstützer von Ramush Haradinaj Anfang Oktober in Prishtina : Bild: AFP

          Eine berechtigte Frage, antwortet Vjosa Osmani. „Viele Jahre lang hat die EU uns kritisiert für das, was in unserem Justizsystem nicht gut funktioniert. Aber meist wird vergessen, dass Eulex viele exekutive Vollmachten hatte in diesem Gebiet.“ Nach 20 Jahren internationaler Präsenz in der kosovarischen Rechtsprechung sei die Justiz immer noch nicht in der Lage, sich der Fälle anzunehmen, in die ranghohe Verdächtige verwickelt sind. „Es ist offensichtlich, dass da einiges schiefgelaufen ist.“ Sie wolle als Ministerpräsidentin sicherstellen, dass die kosovarische Justiz wirklich unabhängig werde, „damit hier nie wieder ein Politiker einen Richter oder Staatsanwalt anruft, sie unter Druck setzt oder sogar ihr Leben und das Leben ihrer Familien bedroht“.

          Ohne die Unterstützung der EU könne das allerdings nicht gelingen, weiß die auslandserfahrene Juristin aus der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Kosovos. Zu lange Zeit habe die Staatengemeinschaft im Kosovo auf Politiker wie Thaçi oder Haradinaj gehört, die mit Unruhen für den Fall drohten, dass ihr Wille nicht erfüllt werde. Allerdings zeigen dieselben Umfragen, die der LDK einen Erfolg bei der Parlamentswahl am Sonntag nahelegen, dass die Partei mindestens einen Partner brauchen wird. Vjosa Osmani will mit der Partei Vetevendosje („Selbstbestimmung“) des ehemaligen Studentenführers Albin Kurti koalieren. Der ist Wortführer einer Vereinigung des Kosovos mit Albanien. Zwar rückt Kurti solche Pläne in jüngster Zeit nicht mehr in den Vordergrund, sondern erklärt den Kampf gegen Korruption und eine Reform der Justiz ebenfalls zum wichtigsten Ziel. Losgesagt hat er sich von seinen großalbanischen Träumen aber nie. Darüber werde man reden müssen, kommentiert Vjosa Osmani die Ideen ihres potentiellen Regierungspartners: „Für uns ist die Republik Kosovo ein dauerhaftes Projekt. Wir sehen sie nicht als eine Zwischenstation auf dem Weg zu einem anderen Ziel.“

          Weitere Themen

          Zweite Amtszeit für Guterres Video-Seite öffnen

          UN-Generalsekretär : Zweite Amtszeit für Guterres

          Guterres wurde von der 193 Mitglieder zählenden UN-Generalversammlung für weitere fünf Jahre ernannt. Er ist ein großer Befürworter des Klimaschutzes, von COVID-19-Impfstoffen für alle sowie der digitalen Zusammenarbeit.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.