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Wahl im Kosovo : Amselfelder Männerdämmerung

Siegesgewiss: Vjosa Osmani lässt sich von ihren Anhängern in Prishtina feiern. Bild: Reuters

Seit 1999 haben im Kosovo einstige Freischärlerführer die Macht, doch ihre Ära könnte bei der Parlamentswahl am Sonntag enden. Denn eine als unbestechlich geltende Frau fordert sie heraus.

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          Es ist Wahlkampfzeit, und in der Parteizentrale der Demokratischen Liga des Kosovos, kurz LDK genannt, geht es hektisch zu. Ständig telefoniert irgendwer mit irgendwem, Plakate werden gebracht oder abgeholt, Wahlkampfauftritte koordiniert, schnell soll alles gehen und noch schneller, alle sind wie aufgedreht. Beim Kampf um Stimmen gibt es keine Pause, wie die in den Büros ausliegenden Werbezettel eines Pizzadienstes zeigen, der rund um die Uhr liefert.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das zeigt auch, wie enorm sich die kosovarische Hauptstadt Prishtina verändert hat, seit vor ziemlich genau zwei Jahrzehnten der dreimonatige Luftkrieg der Nato gegen Jugoslawien damit endete, dass alle serbischen Truppen aus dem Kosovo abzogen. Damals war das Kosovo ein Trümmerfeld in jeder Hinsicht: Massengräber, Hunderttausende Vertriebene, zerstörte Dörfer und zerstörte Seelen.

          Für die Frauen im Kosovo

          Zumindest die Dörfer sind längst wiederaufgebaut. Aus dem trübseligen und finsteren Prishtina, obschon es noch immer keine Schönheit ist und schwerlich je eine werden wird, ist eine quirlige Stadt geworden. Viele neue Hotels, Restaurants, Cafés und Geschäfte sind entstanden, die Fußgängerzone in der Innenstadt unterscheidet sich von ihren westeuropäischen Vorbildern kaum. Im renovierten Fußballstadion der Hauptstadt, das seit kurzer Zeit internationalen Standards genügt, feiert das kosovarische Nationalteam ungeahnte Erfolge. Übernächste Woche kommt die Mannschaft von Montenegro, und bei einem Sieg darf das Kosovo weiter von der Teilnahme an der Europameisterschaft träumen.

          Eine neue Autobahn verbindet Prishtina mit Tirana und der albanischen Adriaküste, eine weitere führt seit Mai in Nordmazedoniens Hauptstadt Skopje, von wo aus es nicht mehr weit ist bis zum griechischen Thessaloniki. Der Bau dieser Autobahnen verschlang mehrere Milliarden Euro und war hochumstritten, da es erhebliche Korruption bei der Auftragsvergabe gegeben haben soll.

          Gesicht der Hoffnung: Vjosa Osmani auf einem Wahlplakat

          Zwanzig Jahre nach dem Abzug der Serben und elf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung von 2008 steht dem Kosovo an diesem Sonntag womöglich eine dritte große Zäsur bevor. Denn bei der Parlamentswahl am Sonntag könnte die LDK stärkste Kraft und ihre Spitzenkandidatin Vjosa Osmani Regierungschefin werden, was in mehrfacher Hinsicht ein Einschnitt wäre. Erstens, weil Frauen bisher nichts zu sagen hatten in der kosovarischen Politik. Zwar hatte das kleine Land von 2011 bis 2017 eine Staatspräsidentin, doch die war nur auf Druck der amerikanischen Botschaft in Prishtina auf diesen Posten gehievt worden und hatte nichts zu melden.

          Auch Vjosa Osmani steht, wie es für eine politische Karriere im Kosovo unverzichtbar ist, in gutem Einvernehmen mit den Amerikanern – doch wer sich mit ihr unterhält, merkt nach wenigen Sätzen, dass sich die selbstgewisse Frau mit einer Rolle als Frühstücksdirektorin nicht begnügen würde. „Für eine Gesellschaft, die für so lange Zeit zutiefst patriarchalisch geprägt war, würde es eine wichtige Veränderung bedeuten, wenn die Mehrheit der Menschen einer Frau ihr Vertrauen schenkt – nicht, weil sie eine Frau ist, sondern weil die Menschen an meine harte Arbeit und meinen Dienst am kosovarischen Volk glauben“, sagt die Spitzenkandidatin zur Eröffnung des Gesprächs mit der F.A.Z. in einem Konferenzraum ihrer Parteizentrale. „Für mich ist es wichtig, am Ende meines Mandats die Botschaft zu hinterlassen, dass kein Mädchen und keine Frau im Kosovo mehr glaubt, sie sei in irgendeiner Art unterlegen. Ich bin sicher, dass die Frauen und Mädchen im Kosovo am Ende meines Mandats wissen, dass es nichts gibt, was sie nicht tun können“, verkündet Osmani mit einer Selbstsicherheit, als habe sie die Wahl schon gewonnen. Frauen im Kosovo müssten erkennen, dass sie „so gut wie Männer seien können – oder in vielen Fällen sogar besser“. Die Erfahrung zeige schließlich, dass Frauen nicht korrumpierbar seien und ihren Dienst für das Land und ihr Volk viel ernsthafter nähmen als Männer. „Man schaue sich die politische Erfolgsbilanz von Frauen in der Politik an: Die meisten Themen in der Politik, die im Interesse der Bürger sind, wie Wohlfahrt, Bildung und Gesundheit, werden normalerweise von ihnen aufgebracht“, behauptet Osmani.

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