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Wahl im Kosovo : Amselfelder Männerdämmerung

In Prishtina sowie in Pittsburgh studiert

Will sie diese vermeintliche weibliche Überlegenheit auch Politikerinnen wie Serbiens Ministerpräsidentin Ana Brnabić zubilligen, die Albaner unlängst als „buchstäblich aus dem Wald gekommen“ verunglimpfte? Dazu sagt sie nichts, aber es stimmt ja: Seit der Vertreibung des serbischen Staates aus dem Großteil des Kosovos im Sommer 1999 haben Männer das Amselfeld regiert – und das Ergebnis ist, trotz aller Fortschritte, kein Ruhmesblatt. Die albanische Enthüllungsjournalistin Jeta Xharra, eine andere erfolgreiche Frau im Kosovo, hat dieser Tage zusammengefasst, wie es um den jüngsten Staat Europas bestellt ist: „Wir leben in einem Land, in dem etwa 25 Prozent der Bevölkerung immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und 45 Prozent ohne ein funktionierendes Abwassersystem leben.“

Die von der Politik in den Vordergrund gerückten Statusfragen – Grenzziehungen, der Dialog mit Serbien, die Anerkennung der Unabhängigkeit durch andere Staaten – seien nur eine spanische Wand, hinter der die Machthaber sich schamlos bereicherten und ihre Clans mit Sinekuren auf Kosten der Steuerzahler versorge, sagt nicht nur Xharra. Täuschen die Umfragen nicht, hält eine relative Mehrheit der Kosovaren Frau Osmani für am besten geeignet, das Kosovo zu regieren. Sie verdankt das wohl nicht zuletzt ihrem Ruf, unbestechlich zu sein. Auch deshalb konnte es ihr gelingen, die LDK, die Partei von Ibrahim Rugova, des 2006 gestorbenen Vaters des gewaltlosen Widerstands gegen das serbische Apartheidsregime im Kosovo, wieder in höhere Umfrageregionen zu führen.

Ein Wahlplakat in Prishtina zeigt Ramush Haradinaj.
Ein Wahlplakat in Prishtina zeigt Ramush Haradinaj. : Bild: Reuters

Die Juristin, die in Prishtina sowie in Pittsburgh studiert hat und ein amerikanisches Englisch spricht, als sei sie gestern aus Pennsylvania angereist, verspricht der Bevölkerung einen Kampf gegen die Korruption ohne Rücksicht auf Rang und Namen. Das wäre die zweite und potentiell entscheidende Neuerung, sollte sie tatsächlich Ministerpräsidentin werden. Denn in ihrer Heimat sind seit 1999 in wechselnden Formationen stets zwei ehemalige Führer der „Befreiungsarmee Kosovo“ (UCK) an der Macht beteiligt: Hashim Thaçi, einst Regierungschef, derzeit Präsident, sowie Ramush Haradinaj, bis vor kurzem Ministerpräsident. Haradinaj trat im Juli zurück, nachdem er zu einer Befragung vor dem Sondertribunal für Kriegsverbrechen im Kosovo vorgeladen worden war. Beide werden mit Korruption, Nepotismus, Rauschgifthandel und noch übleren Delikten in Verbindung gebracht.

„Für uns ist die Republik Kosovo ein dauerhaftes Projekt“

Gerichtsfest bewiesen ist davon nichts, doch scheint eine wachsende Zahl von Kosovaren ihrer Helden aus dem Krieg gegen Serbien müde zu sein. Es sei an der Zeit, sagt Osmani in diesem Sinne, dass Thaçis „Demokratische Partei des Kosovos“ für lange Zeit in die Opposition geschickt werde „wegen des großen Schadens, den sie angerichtet hat – Schaden für die Institutionen und für das Interesse der Menschen über so lange Zeit“. Allzu lang sei der größte Teil des kosovarischen Haushalts in den Bau von Autobahnen und die Finanzierung von Staatsdienern geflossen. „Ich möchte sicherstellen, dass wir künftig in unsere Menschen investieren. Die Jugend ist das größte Potential des Kosovos“, sagt die prospektive Regierungschefin des Staates mit der jüngsten Bevölkerung Europas. Die Voraussetzung für jeden Erfolg sei aber eine unabhängige Justiz. Deshalb müsse es im Kosovo zu einer umfangreichen Überprüfung der Richter und Staatsanwälte kommen. „Wir müssen sicherstellen, dass wir kriminelle und politische Einflüsse aus dem Justizsystem verdrängen. Wenn das geschieht und das Justizsystem des Landes funktioniert, wird alles andere einfacher sein“, mutmaßt die ehemalige Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Doch wenn es immer noch so viel zu tun gibt in der kosovarischen Justiz – was hat die im Kosovo angesiedelte europäische Rechtsstaatsmission Eulex, die teuerste Auslandsmission in der Geschichte der Europäischen Union, dann eigentlich all die Jahre getan? Schließlich hatte Eulex für ein Jahrzehnt die Aufsicht über die kosovarische Justiz inne.

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