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Proteste im Libanon : Nadelstiche gegen das alte System

Die Beerdigung Alaa Abu Fakhers, des ersten Toten bei den Demonstrationen im Libanon. Bild: EPA

Die Proteste im Libanon reißen nicht ab. Dabei gab es nun einen Toten. Immer wieder fordern Demonstranten den Rücktritt des Präsidenten – doch der will nicht weichen.

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          Khalil Helou strahlt die Nüchternheit eines Mannes aus, der sein Leben in der Armee verbracht hat. Wenn der General im Ruhestand der libanesischen Streitkräfte über die Lage in seinem Land spricht, referiert er klar strukturiert. Zuerst über die große geopolitische Lage, dann über die Regionalmächte, bis er am Ende auf die Kräfte im eigenen Land zu sprechen kommt. Schließlich kommt er zu den Chancen des Volksaufstands gegen das korrupte Kartell der früheren Warlords aus dem Bürgerkrieg an der Staatsspitze, die nicht weichen wollen. „Wir dürfen uns nichts vormachen“, sagt er. „Unsere Gegner sind skrupellos und bis an die Zähne bewaffnet.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Da spricht dann nicht mehr der Kommentator, der im libanesischen Fernsehen kühle Analysen abliefert, sondern der Aktivist einer Gruppe von Soldaten im Ruhestand. Sie haben sich der Protestbewegung angeschlossen, die seit knapp einem Monat, die Mächtigen vor sich hertreibt. Die früheren Militärs gingen auf die Barrikaden, als die Regierung ihre bescheidenen Pensionen kürzen wollte, um die Staatskasse zu sanieren, aus der sich die Politiker großzügig bedienen. Die Pensionäre sind Teil eines Flickenteppichs der Empörten. Junge Leute aus linken Gruppen gehören ebenso dazu wie Bürgerbewegungen. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehen seit Wochen immer wieder im ganzen Land auf die Straße. Es ist eine Bewegung ohne Anführer, die darin eine Stärke sieht: Denn wenn es Wettbewerb gibt, gibt es Spaltung. Und die Menschen wollen ein widerstandsfähiges System zu Fall zu bringen.

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