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Weg aus der Pandemie : Warum die EU nicht mehr Impfdosen bestellt hat

Der Covid-19-Impfstoff von Biontech-Pfizer wird aufbereitet. Bild: dpa

Während Israel und Großbritannien im Eiltempo ihre Einwohner impfen, verläuft der Impfauftakt in der EU vergleichsweise schleppend. Agierte Brüssel zu schwerfällig?

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          Ein wenig defensiv klingen die Argumente, mit denen die EU-Kommission am Wochenende ihre „Impfstrategie“ gegen Kritik aus Deutschland rechtfertigte. Zwei Milliarden Dosen von sechs Herstellern habe sie für die ganze Europäische Union bestellt, in dieser Woche werde der zweite Impfstoff – jener des amerikanischen Herstellers Moderna – zugelassen, die EU sorge dafür, dass auch der Rest der Welt versorgt werde, und zudem hätten alle 27 Mitgliedstaaten die Brüsseler Impfstoffstrategie unterstützt, teilte die EU-Behörde auf Twitter mit.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          All das ist nicht falsch, aber es beantwortet Fragen aus Deutschland – etwa von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) – nur teilweise. Warum etwa hat die EU-Kommission nicht mehr Impfstoff von Biontech-Pfizer bestellt, obwohl das Unternehmen das angeboten hatte? Hätte die EU nicht so viel Impfstoff wie möglich ordern sollen, egal wie viel das kostet? Und: Warum sind in der EU bisher so viel weniger Menschen geimpft worden als in Großbritannien oder Israel? Jede dieser Fragen hat ihre Berechtigung. Einerseits. Andererseits gilt für jede von ihnen auch, dass es leicht ist, im Nachhinein alles besser zu wissen. Weil nicht klar war, ob und wann ein Hersteller ein marktreifes Produkt zur Verfügung stellen könnte, setzten die EU-Mitgliedstaaten in ihrer Impfstrategie im Sommer auf Risikostreuung.

          Das Portfolio, welches die EU-Kommission bis zum November verhandelte, umfasst bis zu 405 Millionen Dosen des Tübinger Herstellers Curevac, je 400 Millionen vom britisch-schwedischen Unternehmen Astra-Zeneca und vom amerikanischen Hersteller Johnson & Johnson, je bis zu 300 Millionen Dosen von Biontech-Pfizer und vom französischen Unternehmen Sanofi-GSK sowie 160 Millionen Dosen von Moderna. Hätte Brüssel mehr ordern sollen? Vor allem von den Vakzinen von Biontech und Moderna, als sich abzeichnete, dass diese als erste zugelassen werden würden? Die heute etwas wohlfeile Antwort lautet: Wahrscheinlich schon.

          Die Chefs beider Unternehmen gaben in den vergangenen Tagen zu Protokoll, sie hätten der EU bei Vertragsabschluss im November mehr Dosen zur Verfügung stellen können. Die Zurückhaltung der EU-Kommission hatte wohl drei Gründe. Der erste war, dass die Brüsseler Unterhändler den neuen mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna misstrauten und kein Risiko eingehen wollten. Der zweite Grund bestand in den großen Preisdifferenzen. Je Dosis kostet das Moderna-Vakzin 18 Euro, jenes von Biontech-Pfizer 12, für beide sind zwei Impfungen notwendig. Der Astra-Zeneca-Impfstoff, von dem nur eine Dosis nötig ist, kostet dagegen nach Angaben der belgischen Regierung nur 1,76 Euro. Eine Moderna-Impfung ist damit zehnmal so teuer wie eine Astra-Zeneca-Impfung, bei vorausgesetzter gleicher Wirksamkeit. Hochgerechnet auf 450 Millionen EU-Bürger ergibt sich damit ein Kostenunterschied von 16,2 Milliarden Euro (Moderna) zu 792 Millionen Euro (Astra-Zeneca).

          Stand die EU-Kommission unter dem Druck der Mitgliedstaaten?

          Drittens gab es zum Zeitpunkt der Vertragsabschlüsse mit den teuren Herstellern Anfang November immer noch Hoffnung, dass das Astra-Zeneca-Vakzin am schnellsten auf den Markt kommen würde. Erst Ende November war klar, dass die Astra-Zeneca-Impfstudie neu aufgesetzt werden musste. Offenbar lag es auch an den vermeintlich guten Astra-Zeneca-Perspektiven, dass sich die EU-Verhandler in den Gesprächen mit Biontech-Pfizer und Moderna zurückhielten. Sie fürchteten wohl den Vorwurf, EU-Mittel zu verschwenden.

          Immer wieder ist in Brüssel zu hören, vor allem osteuropäische Staaten hätten Druck ausgeübt, nicht zu viel Geld auszugeben. Agierte die Kommission zu schwerfällig, stand sie unter dem Druck der Mitgliedstaaten? Schon länger sieht sie Vorwürfen aus dem EU-Parlament ausgesetzt, ihre Verhandlungsstrategie sei intransparent, sie müsse die Verträge mit den Unternehmen öffentlich machen. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hat dazu nie viel gesagt. Sie betont etwas anders. Das Impf-„Nadelöhr“ gehe derzeit nicht auf die Bestellungen zurück, sondern auf knappe Produktionskapazitäten.

          Dass in Großbritannien schon mehr geimpft wurde als in der EU, hat demnach seinen Grund darin, dass der Biontech-Pfizer-Impfstoff in Großbritannien früher genehmigt wurde. Da die Kontingente aber schon länger feststanden, werde die EU nunmehr gegenüber den Briten aufholen. Zudem will die Kommission bei Biontech nachbestellen. Insgesamt reicht die von der EU bestellte Menge der drei Mittel von Biontech/Pfizer, Moderna und Astra-Zeneca – insgesamt 860 Millionen Dosen – für alle erwarteten Impfungen in Europa. Bis diese produziert sind, wird es noch einige Monate dauern – unabhängig von den Bestellungen.

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