https://www.faz.net/-gpf-94tfb

Aufrüstung der Streitkräfte : Besorgnis über Russland

  • -Aktualisiert am

Der russische Kampfpanzer T-14 „Armata“ bei einer Parade in Moskau 2015. Bild: AFP

Der Kreml forciert die Aufrüstung, um den technologischen Rückstand auf die Nato wettzumachen. Experten warnen, dass Russland schon heute jeden Nachbarstaat außer China besiegen könnte.

          4 Min.

          Es war ein peinlicher Vorfall für die russische Armee, der sich am Vortag der Siegesparade am 8. Mai 2015 auf dem Roten Platz in Moskau abspielte. In der Generalprobe blieb der „Armata“, der neueste und angeblich beste Kampfpanzer der Welt, wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen. Soldaten und Fahrzeuge mussten um den acht Millionen Euro teuren Havaristen herum marschieren. Das Verteidigungsministerium erklärte den Fahrer zum Sündenbock, er habe nicht mehr gewusst, wie die Handbremse zu lösen sei. Kein Wunder, erwiderten westliche Militärexperten. Der „Armata“ sei ein Computer auf Panzerketten und so komplex, dass Bedienungsfehler schnell passierten.

          Der Vorfall brachte dem Kreml weltweit Häme ein. Doch von ihrem Kurs ließen sich die Machthaber in Moskau dadurch nicht abbringen. Präsident Wladimir Putin ließ verkünden, die Streitkräfte sollten schon bald wieder auf Augenhöhe mit dem Westen agieren. Um das zu erreichen, hatte er einige Jahre zuvor der Rüstungsindustrie den Auftrag gegeben, neue Waffen zu entwickeln. Das Ergebnis erschreckt inzwischen selbst die bisher weit überlegene Nato. „Russland kann sich schon heute in einem konventionellen Krieg gegen jeden Gegner verteidigen und jeden Nachbarstaat außer China besiegen“, schreibt der Russland-Experte Dmitry Gorenburg in einer Studie der Harvard-Universität.Nun steht die Aufrüstung vor einer neuen Phase.

          Auf Augenhöhe mit der Konkurrenz

          Bis Ende 2017 wird Putin das Rüstungsprogramm für die kommenden zehn Jahre genehmigen. Der Investitionsumfang soll bei 19 Billionen Rubel liegen, das entspricht 270 Milliarden Euro. „Die Schwerpunkte sind so gelegt, dass Russland mit den technischen Fortschritten seiner direkten Konkurrenten, der Nato und China, mithalten kann“, sagt Gorenburg. Dazu sollen die Waffensysteme, die in den vergangenen Jahren entwickelt wurden, in die Serienproduktion gehen.

          Das fällt schwer, wie das Beispiel des Kampfpanzers „Armata“ zeigt. Nach der Parade auf dem Roten Platz im Mai 2015 kündigte das Verteidigungsministerium an, bis 2020 knapp 2300 Panzer zu beschaffen. Davon ist keine Rede mehr. In so kurzer Zeit kann der Kreml diese große Zahl nicht finanzieren. Zudem läuft die Produktion wegen anhaltender technischer Schwierigkeiten nur stockend an. Beim „Armata“ wie bei vielen anderen neu entwickelten Waffensystemen handelt es sich um Hochtechnologie, die sich für eine kostengünstige Massenproduktion kaum eignet. Bis 2020 könnten allenfalls 470 „Armata“ ausgeliefert werden, schätzt der britische Rüstungsbranchendienst „Jane’s“.

          Russlands Finanzprobleme haben sich schon vor einigen Jahren in einem Konflikt zwischen dem Finanz- und dem Verteidigungsministerium gezeigt. Die Militärs rechneten vor, dass sie von 2018 bis 2025 zur Modernisierung der Streitkräfte 22 bis 24 Billionen Rubel benötigten. Putins Finanzverwalter wollten allenfalls die Hälfte akzeptieren. Schließlich einigte man sich auf 19 Billionen Rubel über einer Laufzeit von zehn Jahren. Das Geld solle vor allem Heer, Luftwaffe und den Atomstreitkräften zugutekommen. Moskaus Ziel sei es, bis 2027 zwei große Kriege gleichzeitig führen zu können, schreibt die Carnegie-Stiftung in einer Studie über die russische Aufrüstung.

          Einen ersten Eindruck, was unter paralleler Kriegsführung zu verstehen ist, gab der Kreml in den vergangenen Jahren. Zur selben Zeit wie in der Ukraine kämpfte die Armee auch in Syrien und machte dort, wie Generalstabschefs Waleri Gerassimow begeistert feststellte, „unbezahlbare Kampferfahrungen“. Dieses Wissen setzt der Kreml nun um. Der Konflikt in der Ukraine, erklärt Russland-Experte Gorenburg, habe Moskau gezeigt, dass Bodentruppen nach wie vor eine große Rolle spielten. Deshalb gelte das Augenmerk der Militärplaner agilen, kampfstarken und gut geschützten Waffensystemen wie dem „Armata“.

          Außerdem setzt der Kreml auf eine moderne Artillerie mit Präzisionsmunition und Zielaufklärungsdrohnen. In der Ukraine hat das Heer demonstriert, wozu diese Systeme in der Lage sind. Sie haben mehrere ukrainische Panzerbataillone nur kurze Zeit nachdem diese von unbemannten Flugzeugen entdeckt worden waren, aus großer Entfernung vernichtet. Die Drohnen hatten die Zielkoordinaten in Echtzeit an die Geschütze übermittelt, deren Computer in Bruchteilen von Sekunden die Entfernung berechneten und feuerten.

          Ein erweiterter Einsatzradius

          Modernisiert wird auch die Luftwaffe, der Schwerpunkt ändert sich aber. In den zurückliegenden Jahren wurden vor allem Kampfflugzeuge und Hubschrauber beschafft, nun will der Kreml große Transportflugzeuge mit hoher Reichweite kaufen. Tankflugzeuge vergrößern zudem den Einsatzradius von Kampfjets. Die Luftwaffe soll von 2019 an jährlich zehn bis zwölf Flugzeuge vom Typ Iljuschin Il-76 bekommen. Damit würde sich die Einsatzfähigkeit der russischen Streitkräfte insgesamt deutlich verbessern, schreibt Gorenburg.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Umstritten ist das Programm, mit dem Russland seine Nuklearkräfte modernisieren will. Präsident Putin hat nach einem Vierteljahrhundert atomarer Abrüstung vor gut zweieinhalb Jahren angekündigt, neue Interkontinentalraketen beschaffen zu wollen. Dabei bleibt es nicht. Mitte des nächsten Jahrzehnts sollen jederzeit zwölf von 14 strategischen U-Booten in den Weltmeeren unterwegs sein. Sie sind mit atomar bestückbaren, ballistischen Raketen ausgerüstet. Ihre Hauptaufgabe ist, im Falle eines Angriffs die Fähigkeit Russlands zu einem vernichtenden Gegenschlag sicherzustellen.

          Russland holt seinen Rückstand weiter auf

          Ob sich das russische U-Boot-Programm aufgrund der finanziellen Engpässe im geplanten Zeitrahmen realisieren lässt, ist ebenso unklar wie andere, teure Vorhaben. So soll die Luftwaffe neue und modernisierte Langstreckenbomber vom Typ TU-160 und TU-95 erhalten, die mit dem neuen Marschflugkörper Kh-55 ausgerüstet werden. Die TU-160 ist mit 54 Meter Länge das größte Kampfflugzeug der Welt. Sie kann Raketen und Bomben im Gesamtgewicht von 40 Tonnen transportieren. Die Entwicklung einer neuen Version wurde zuletzt von technischen und finanziellen Problemen begleitet.

          Gorenburg erwartet, dass Russland seinen technologischen Rückstand auf die Nato in den kommenden zehn Jahren weiter aufholen kann, so lange dem Kreml das Geld nicht ausgeht. In der Carnegie-Studie heißt es, Russland werde schon bald in der Lage sein, militärisch weltweit zu intervenieren. Daraus erwachse, so Gorenburg, die Gefahr, dass Moskau künftig stärker politische Konflikte mit militärischen Mitteln eskalieren könnte. Carnegie empfiehlt der Nato, sich dringend mit den neuen russischen Fähigkeiten auseinanderzusetzen – und wieder die vernetzte Kriegsführung von Land-, Luft-, See- und Cyberstreitkräften zu üben. Die habe sie seit 1989 verlernt.

          Weitere Themen

          Drei Jahre, kein Ergebnis Video-Seite öffnen

          Brexit-Rückschau : Drei Jahre, kein Ergebnis

          Nachdem das britische Unterhaus seine Abstimmung über das neue Brexit-Abkommen am Wochenende verschoben hat, geht die seit mehr als drei Jahren währende Zitterpartie um den EU-Austritt Großbritanniens abermals in eine neue Runde.

          Topmeldungen

          Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile

          Anschlag von Halle : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag

          Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Eine Spurensuche in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann – oder bitterer Ernst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.