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Verteidigung des Westens : Warum Deutschland die freie Welt nicht anführen kann

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Deutschlands Vorliebe für den Frieden ist völlig verständlich angesichts seiner Geschichte. Leider Gottes macht sie das Land aber ungeeignet dafür, die freie Welt in einer Zeit anzuführen, in der autoritäre Kräfte ihren Willen mit militärischer Macht durchsetzen. Mit seiner Entscheidung, sich 2011 im UN-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen zu enthalten, als die Truppen von Muammar al-Gaddafi mit der Zerstörung der Stadt Bengasi drohten, stand Berlin im Widerspruch zu seinen amerikanischen und europäischen Alliierten. Das gilt auch für die Weigerung, die Bemühungen der Nato zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung zu unterstützen.

Auslandseinsätze ohne Gefechte

Obwohl Merkel die Europäische Union bei den Sanktionen gegen Russland wegen der Annektion der Krim und des andauernden Kriegs in der Ostukraine angeführt hat, weigert sie sich unnachgiebig, Kiew Waffen zu seiner Verteidigung zu schicken. Und bei den seltenen Anlässen, bei denen Deutschland sein Militär im Ausland einsetzt wie in Afghanistan, geschieht dies unter so engen Einsatzregeln, dass deutsche Soldaten nur selten in Gefechte verwickelt werden.

Bei aller berechtigten Angst, dass Trump die internationale Politik durch „gute Geschäfte“ mit Moskau erschüttern wird, ist Deutschland das letzte Land, dem jemand die Führung der westlichen Politik gegenüber Russland anvertrauen sollte, dem die Tugenden der „freien Welt“ wichtig sind. Eine Schuld aus der Kriegszeit, umfangreiche Geschäftsbeziehungen und besagter Pazifismus haben Deutschland schon seit langem zu Europas schwächstem Glied im Widerstand gegen russische Bestechung  gemacht. Die deutsche Regierung betreibt derzeit Lobbyarbeit für den Bau der Nordstream 2-Pipeline, die die Ukraine und andere verwundbare Staaten in Mittel- und Osteuropa umgehen und russisches Gas direkt nach Deutschland transportieren soll. Solch eine Vereinbarung würde diese Staaten nicht nur ihrer lebenswichtigen Transiteinnahmen berauben, sondern es dem Kreml auch ermöglichen, durch politisch motivierte Energie-Erpressung größeren politischen Einfluss auf Europa auszuüben.

Eine Nation, die auch sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg dem Pazifismus verpflichtet ist: Angela Merkel im Juli mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Triest
Eine Nation, die auch sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg dem Pazifismus verpflichtet ist: Angela Merkel im Juli mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Triest : Bild: AFP

Indem sie die Bemühungen der EU schwächt, ihre Energieversorgung zu diversifizieren, kleinere Staaten Moskaus Launen ausliefert und eine gemeinsame Politik gegenüber Russland und der Ukraine vereitelt, ist die Nordstream-2-Pipeline der Inbegriff eines außenpolitischen Unilateralismus. Genau die Sorte kurzsichtiger und selbstsüchtiger Unternehmungen also, die die Deutschen so gern beklagen, wenn es um die Vereinigten Staaten geht.

Deutschland zum neuen Führer der freien Welt auszurufen passt zu einem besonders üblen deutschen Wesenszug: Selbstgerechtigkeit. „Dass es ausgerechnet Kaugummi kauende GI waren, die uns die Demokratie brachten, haben viele im Land von Goethe und Schiller nie ganz verwunden“, hat Jan Fleischhauer in der Zeitschrift „Spiegel“ geschrieben und sich auf die amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg bezogen. „Nun sind wir es, denen die Aufgabe zufällt, dem Faschismus die Stirn zu bieten und den neuen Führer im Weißen Haus niederzuringen – welche Pointe der Geschichte!“

Paris : Merkel und Trump zu Gast bei Macron

Es gibt keinen anderen

Die Geografie Amerikas, seine schiere Größe, seine militärischen Fähigkeiten und seine einzigartige Geschichte als eine „propositional nation“ von Einwanderern mit universellen Werten machen es zum einzigen Land, das in der Lage ist, die Gemeinschaft demokratischer Nationen gegen die vielen erklärten Feinde der freien Welt anzuführen.

Das ist der Grund, warum Trumps Verzicht auf die traditionelle amerikanische Führungsrolle so schwerwiegend und so gefährlich ist: Es gibt niemanden, der darauf vorbereitet wäre, Amerika zu ersetzen. Nicht einmal eine wohlmeinende deutsche Kanzlerin.

James Kirchick ist Gastdozent bei der Brookings Institution, einer Denkfabrik in Washington D.C. Der Text ist im Original zuerst auf „The Daily Beast“ erschienen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Oliver Georgi.

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