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Dominic Cummings : Warum Johnsons neuer Berater polarisiert

Kann im Streit um den Brexit einen guten Berater gebrauchen: Premierminister Boris Johnson. Bild: EPA

Der parteilose Berater gilt als kreativer und politischer Kopf hinter der „Leave“-Kampagne. Viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, sehen in ihm Irrsinn und Genius vereint. Nun könnte er beim Brexit eine wichtige Rolle spielen.

          Wenn sich Fernsehdramen mit Politik beschäftigen, steht meistens eine Persönlichkeit aus der ersten Reihe im Mittelpunkt, ein Staatslenker oder ein Revolutionär. Dominic Cummings ist es gelungen, als Mann im Hintergrund zum Helden zu werden. Kein Geringerer als der Schauspieler Benedict Cumberbatch machte den bis dato weitgehend unbekannten Berater unlängst zur Hauptfigur eines BBC-Films: „Brexit – The uncivil War“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Cummings, der nun vom neuen britischen Premierminister Boris Johnson zu dessen „special advisor“ ernannt worden ist, leitete die „Leave“-Kampagne. Offiziell war er der „Direktor“, aber Cummings galt als der kreative und politische Kopf hinter der Strategie, den Slogans und – wie ihm viele vorhalten – den Lügen.

          Der siegreiche Schlachtruf der Kampagne „Take Back Control“ soll von ihm stammen. Selbst seine Gegner geben zu, dass Cummings in diesen drei Wörtern die Botschaften des Brexit-Lagers auf wirkungsvollste Weise verdichtet hat.

          Viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, sehen in ihm Irrsinn und Genius zusammenfließen: Dominic Cummings

          Fast alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder ihm auch nur begegnet sind, sehen in ihm Irrsinn und Genius zusammenfließen. David Cameron bezeichnete ihn einmal als „Karrierepsychopath“. Cummings, der nie einer Partei beigetreten ist, beschreibt sich als „Idealisten“. Vor 47 Jahren in Durham geboren, wuchs er in einer Mittelklasse-Familie auf und studierte Geschichte in Oxford.

          Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, eine Fluggesellschaft in Russland zu gründen, schloss er sich der Kampagne „Sterling for Business“ an, die sich vor zwanzig Jahren erfolgreich gegen den Beitritt zur Eurozone starkmachte. Beratung und Strategie blieben fortan sein Fach. Erst arbeitete er für den damaligen Tory-Chef Iain Duncan Smith, der in den vergangenen Monaten viel für Johnsons Sieg getan hat, dann für Michael Gove. In dessen Zeit als Bildungsminister wurde auch Cummings zu einer Figur in Westminster.

          Schauspieler Benedict Cumberbatch spielt im BBC-Film „Brexit – The uncivil War“ Dominic Cummings – und hat ihn damit bekannt gemacht.

          Gove, der das britische Schulsystem umkrempelte, festigte damals seinen Ruf als radikaler Vordenker, und viele sahen in seinem Büroleiter den Spiritus Rector. In einem Essay warb Cummings dafür, das Königreich in eine „meritokratische Technopolis“ zu verwandeln. Ein Rezensent nannte das Werk „entweder verrückt oder schlecht oder brillant – und wahrscheinlich ein bisschen von allem“.

          In Downing Street wird er an der Seite des Johnson-Vertrauten Edward Lister arbeiten, der „Chief of Staff“ geworden ist. Viele vermuten, dass Cummings’ Berufung auf eine weitere Kampagne hindeutet. Er könnte derjenige sein, der den nächsten Wahlkampf aus der Machtzentrale heraus steuert – oder sogar ein weiteres Referendum.

          Johnson hat zwar wiederholt eine Neuauflage des Plebiszits ausgeschlossen, aber wenn der Brexit abermals am Parlament scheitern sollte, ist nicht auszuschließen, dass Johnson die Flucht nach vorn antritt. Cummings hatte schon Anfang des Jahres zu den Waffen gerufen und in einem Blog vorausgesagt, dass eine weitere Volksabstimmung mit einem noch höheren Sieg des Brexit-Lagers ausgehen werde.

          1964 wurde Johnson, der von vielen einfach „Boris“ genannt wird, in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson geboren. Schon als Kind habe er den Wunsch geäußert, einmal „König der Welt“ zu werden. Diesen Kindheitstraum verriet seine Schwester Rachel einem Biographen. Bilderstrecke

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