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Kritik an Corona-Politik : Warum Johnson nicht auf die Wissenschaftler hörte

Boris Johnson am Dienstag in London Bild: AFP

Kritiker werfen dem britischen Premierminister vor, sein „Drei-Stufen-System“ reiche im Kampf gegen Corona nicht aus. Fachleute hatten ihm zu schärferen Maßnahmen geraten. Die Opposition fordert den sofortigen Lockdown.

          3 Min.

          Boris Johnsons Ungemach begann spätestens auf der Pressekonferenz am Montagabend. Ein Journalist fragte den wissenschaftlichen Chefberater der Regierung, Chris Whitty, ob das soeben von Johnson vorgestellte „Drei-Stufen-System“ tauge, um die Verbreitung der Corona-Infektionen zu bremsen. Mit einem kurzen Seitenblick auf den Premierminister sagte Whitty: „Ich bin nicht zuversichtlich, niemand ist zuversichtlich, dass die Vorschläge für die höchste Stufe drei – wenn wir nur den Basismaßnahmen folgen und nicht mehr machen – ausreichen, um die Dinge in den Griff zu bekommen.“ Da stand er wieder im Raum, der gefährliche Vorwurf, Johnson würde zu wenig, zu spät tun – vorgebracht ausgerechnet von seinem Chefberater.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Für viele festigte sich dieser Eindruck, als wenig später ein Exzerpt des offiziellen Corona-Beratungsgremiums veröffentlicht wurde. Es datierte vom 21. September und hielt fest, dass die Wissenschaftler schon vor drei Wochen deutlich strengere Maßnahmen empfohlen hatten. Sie rieten zu einem sofortigen, auf kurze Zeit begrenzten Lockdown, um das Infektionsniveau abzusenken. Johnson sollte verbieten, dass sich Mitglieder verschiedener Haushalte in Innenräumen treffen, und alle Bars, Restaurants und Betriebe wie etwa Friseursalons schließen. Obendrein verpassten ihm die Wissenschaftler einen Nackenschlag. Das Test- und Kontaktverfolgungssystem, das Johnson als „weltführend“ angepriesen hatte, habe nur „marginalen Einfluss“ auf das Abbremsen der Infektionen.

          Ein Signal an die Gegenseite?

          Für das Bekanntmachen des Papiers bieten sich nur zwei Erklärungen an. Entweder erhoffte sich die Regierung vom ungewöhnlichen Zeitpunkt der Veröffentlichung, dass sie niemand wahrnimmt, oder Johnson wollte bewusst ein Signal an die Gegenseite senden. Da sind die einen, die ihm einen zu sanften Kurs vorwerfen. Nicht so zahlenstark, aber politisch mindestens so gefährlich sind die anderen, die Johnsons Maßnahmen für viel zu weitgehend halten. Sie sitzen auf den Bänken seiner Fraktion, in den Redaktionsstuben Tory-naher Publikationen, aber auch in manchem Bürgermeisteramt. Mit dem Papier vom 21. September ist nun aktenkundig, dass Johnson noch sehr viel weiter hätte gehen können.

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          Johnson ist erkennbar um Mittellage bemüht. Schon am Montag hatte er vor den Abgeordneten argumentiert, dass er weder etwas von einem zweiten Lockdown halte, noch von der Idee, die Pandemie sich selbst zu überlassen und nur die Risikogruppen zu schützen. Statt einem dieser „Extreme“ zu folgen, habe er sich für einen „moderaten Ansatz“ entschieden. Nach Kritik aus der Labour Party versicherte Wohnungsbauminister Robert Jenrick am Dienstag, dass die Regierung sehr wohl weiterhin „auf die Wissenschaft hört“. Aber es gelte, ein „balanciertes Urteil“ zu fällen und alle Erwägungen miteinzubeziehen.

          Die Opposition hatte Johnson vorgehalten, dem Einfluss seines Schatzkanzlers Rishi Sunak erlegen zu sein. Diesem wird nachgesagt, die Interessen der Wirtschaft auch nach innen sehr erfolgreich zu vertreten. Er gilt als Gegenspieler von Gesundheitsminister Matt Hancock, der wiederum vor allem die Infektionszahlen im Blick hat.

          Unmut in den Regionen

          Ob sich Johnson die Lockdown-Forderungen dauerhaft vom Leib halten kann, wird gerade auf der Straße entschieden. Er forderte die Bürgermeister der besonders betroffenen Städte auf, vor Ort für die Durchsetzung der Maßnahmen zu sorgen. Bisher ist nur Liverpool auf Stufe drei gesetzt worden, aber weitere Kommunen dürften bald folgen. Unmut lässt sich selbst in Regionen beobachten, die nur den Auflagen der Stufe zwei folgen müssen.

          Andy Street etwa, der Bürgermeister für den Großraum Birmingham, sieht nicht ein, dass seine Stadt auf eine Stufe mit Manchester gestellt wird, obwohl dort die Infektionsrate mehr als doppelt so hoch liegt. In beiden Städten dürfen sich Freunde und Verwandte, die nicht im selben Haushalt leben, nicht mehr in Pubs oder Restaurants treffen. In Birmingham gebe es aber keine Hinweise darauf, dass sich das Virus über die Gastronomie verbreitet, versichert Street.

          Die Zahl der Infektionen ist auf mehr als 14.000 am Tag gestiegen, auch die Zahl der Patienten wächst täglich. Die Zahl der Toten – am Dienstag starben mehr als 100 Covid-Patienten – liegt zwar noch zehnmal niedriger als im April, aber laut Nationalem Statistikbüro verdoppelt sie sich alle 14 Tage. Labour-Chef Keir Starmer, der bisher auf Schlingerkurs gefahren war, äußerte sich am Dienstagabend ungewohnt klar: Er forderte den sofortigen Lockdown für ganz England. Johnsons Strategie sei „gescheitert“.

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