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Walter Veltroni : Der Feinsinnige

Zugleich nutzt sich aber bei Veltroni jeden Tag mehr der Eindruck des Neuen ab. Der Wahlkampfgegner Berlusconi hat längst herausgestellt, dass Veltroni schon seit Jahrzehnten Politik mache und gar nicht so frisch sei, wie er vorgebe. Mit seinen 52 Jahren wirkt Veltroni zudem auch nicht mehr so jung wie 1996 bei seinem ersten nationalen Wahlkampf um eine Spitzenposition - an der Seite von Prodi. Doch Veltroni hat Geduld und sieht noch viele Jahre in der italienischen Politik vor sich. Vorbei sind die Zeiten, in denen er sagte, nach acht Jahren als römischer Bürgermeister werde er genug haben von der politischen Karriere und danach als Entwicklungshelfer nach Afrika gehen.

Der Sturz der Mitte-links-Regierung von Romano Prodi, die Bemühungen um eine kurzlebige Übergangsregierung und die Vorbereitung eines neuen Wahlkampfs bilden jedoch nur die Rahmenhandlung für den Strategietest, den Walter Veltroni zu bestehen hat. Seit Oktober 2007 ist er der erste Sekretär der „Demokratischen Partei“, hervorgegangen aus einer schwierigen Vereinigung einerseits der Linksdemokraten, mit historischen Wurzeln in der kommunistischen Partei Italiens, und andererseits der „Margherita“, einer Sammelpartei mit dem linken Flügel der ehemaligen Christdemokraten.

Damit sollen die Wunschträume von mehr als zehn Jahren verwirklicht werden, die um eine starke Sammelpartei auf der linken Seite des Parteienspektrums kreisten, losgelöst von altem ideologischem Ballast und voller frischem Reformgeist. Doch eigentlich müsste Veltroni der neuen Partei erst Leben einhauchen, die Differenzen zwischen den Flügeln überwinden helfen und zuvor auch noch die Gräben einebnen, die Machtkämpfe in Regionen oder Provinzen aufgerissen haben.

Verbrannte Erde

Parteifreunde und Verbündete haben aber die Pläne durchkreuzt. Der gescheiterte Romano Prodi sieht sich zwar selbst als der eigentliche Urheber der Idee von einer reformerischen Sammelpartei, doch brachte er immer nur Wahlbündnisse zustande. Nun musste er eifersüchtig zuschauen, wie andere die herbeigesehnte Partei tatsächlich gründeten, wie die Demokratische Partei die mühsam ausbalancierten Gleichgewichte in der Zehn-Parteien-Koalition durcheinanderbrachte und wie in Walter Veltroni ein Konkurrent heranwuchs. Deshalb zeigte sich Prodi am Schluss so starrköpfig, als eine Splitterpartei der Koalition die Unterstützung entzog.

Deswegen bestand Prodi darauf, sich im Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, das Misstrauensvotum auch tatsächlich abzuholen. Statt geräuschlos das Feld zu räumen und seiner Mitte-links-Koalition noch eine Chance zum Weitermachen zu lassen, hat Prodi verbrannte Erde hinterlassen: Veltroni muss sich nun wohl viel schneller als erwünscht in Neuwahlen bewähren. Und Prodi hat dafür gesorgt, dass bei den Italienern eine lebhafte Erinnerung an das Scheitern der Mitte-links-Regierung haftenbleibt. Die Konsequenzen für die nächsten Wahlergebnisse soll aber Veltroni tragen.

Auch Massimo D'Alema will an die Macht

Die Konkurrenten aus den Zeiten der kommunistischen Partei bestätigen zudem die alte Weisheit, dass Parteigenossen die schlimmsten Feinde sein können. Massimo D'Alema, seit Jahren Konkurrent um die Macht, zuletzt Außenminister und Vizepremier in der Regierung Prodi, arbeitete zum Schluss offen gegen Veltroni. Der wollte eine Verständigung mit Oppositionsführer Silvio Berlusconi über ein neues Wahlgesetz, das die großen Parteien begünstigen sollte.

Dagegen profilierte sich Massimo D'Alema mit Forderungen zum Wahlgesetz, die genau das Gegenteil von Veltronis Vorschlägen für Berlusconi darstellten. Zuletzt präsentierte D'Alema den Plan, vor Neuwahlen noch schnell eine Volksabstimmung über das Wahlgesetz abzuhalten. Die würde ein System mit nur noch zwei großen Parteien übriglassen und den Demokraten helfen, auch noch Berlusconis eben befriedetes Wahlbündnis durcheinanderzuwirbeln. Wieder einmal hat der Nebenbuhler D'Alema bewiesen, dass er taktisch schlauer und gerissener ist als sein Konkurrent. Veltroni bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als die schwierige Rolle des Spitzenkandidaten gegen Berlusconi zu übernehmen.

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