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Katastrophe in Griechenland : Feuerwehr, die kein Feuer löschen darf

Das Feuer frisst sich bis zur Küste: Anwohner blicken am Montagabend auf die Brände in Rafina. Bild: AFP

In Griechenland wüten Waldbrände, die bisher mindestens 70 Menschen das Leben gekostet haben. Mitschuldig an der Katastrophe könnte auch eine Gesetzesänderung von 2014 sein.

          Naht etwa ein Gewitter? Wer am Montag um die Mittagszeit in Athen zum Himmel schaute, konnte glauben, es braue sich ein Unwetter zusammen. Seltsam dunkel war der Himmel geworden, wenn auch verdunkelt von einem ungewöhnlichen, leicht gelblichen Farbton. Auch der aufkommende Wind trug zu dem Eindruck eines nahenden Wetterumsturzes bei. Doch der wahre Grund für die Verfinsterung waren die größten Waldbrände, die Griechenland seit 2009 erlebt hat.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nach bisherigen Erkenntnissen brachen die Feuer an den östlichen Abhängen des Pendeli aus, eines für seinen Marmor berühmten Berges nordöstlich von Athen. Sie breiteten sich dann ostwärts Richtung Küste aus und erfassten Teile der Vorstadtgemeinden Neos Voutsas, Mati und Kokkino Limanaki. Viele Menschen flohen vor den Flammen an die Strände, gar ins Meer. Doch nicht für alle bedeutete das Wasser die Rettung. Für manche war es nur ein anderer Tod. Hunderte Menschen konnten von Schiffen der griechischen Marine, von Jachten oder Fischkuttern aufgenommen werden, einige Opfer aber ertranken. Die See war nicht ruhig am Montag.

          Insgesamt forderten die Feuer nach vorläufigen Angaben vom Dienstag mindestens 70 Todesopfer. Mehrere europäische Regierungen hatten Griechenland Hilfe angeboten. Bojko Borissow, Ministerpräsident von Griechenlands Nachbarstaat Bulgarien und ein ehemaliger Feuerwehrmann, versprach die Entsendung von 50 Feuerwehrleuten und zwei Löschfahrzeugen. Die griechischen Einsatzkräfte versuchten unterdessen, mit Hilfe von Drohnen besonders brandgefährdete Landstriche besser zu überwachen, um Einsatzkräften ein schnelles Anrücken zu ermöglichen und die Arbeit der Feuerwehrleute am Boden besser zu koordinieren.

          Spekulationen über Ursache

          Über die Ursachen des Feuers gab es, wie stets in solchen Fällen, heftige Spekulationen. Spielte auch Brandstiftung eine Rolle? Es war am Dienstag eindeutig zu früh, um auch nur vorläufige Antworten auf diese Fragen geben zu können. In früheren Jahren hatte es das oft gegeben. „Geschäftsleute“ bezahlten andere Verbrecher dafür, ein attraktiv gelegenes Areal in Brand zu stecken. Später wurde durch Bestechung eine Umwandlung des abgebrannten Gebiets in Bauland erreicht. Doch das ist nicht mehr so einfach wie früher, die Gesetze sind verschärft worden. Außerdem liegt die Bauwirtschaft trotz der leichten Erholung der griechischen Wirtschaft darnieder. Für die großflächige Anlage von Bungalows in neuen Naherholungssiedlungen gäbe es derzeit schwerlich einen Markt. Dennoch wurde Bürgerschutzminister Nikos Toskas am Dienstag mit der vieldeutigen Äußerung zitiert, die Feuer seien „nicht so unschuldig“. Was das bedeuten sollte, blieb zunächst unklar.

          Sollte zutreffen, was Nikos Sachinidis, Leiter des Verbandes Freiwilliger Feuerwehren in Griechenland, dieser Zeitung in einem Gespräch am Dienstag berichtet hat, dann wäre die Aussage des Ministers tatsächlich korrekt – allerdings nicht so, wie sie vermutlich gemeint war. Sachinidis ist Chef eines Verbands, der sich „Griechische Freiwillige Feuerwehr und Wiederaufforstung“ nennt, kurz Esepa. Es ist die größte Organisation ihrer Art in Griechenland. Sie wurde nicht zuletzt mit Unterstützung aus Deutschland und Österreich aufgebaut und ist auf die Bekämpfung von Waldbränden spezialisiert. Ihr Chef behauptet nun im Gespräch mit der F.A.Z., Esepa sei vor einigen Jahren systematisch und aus politischen Gründen geschwächt worden.

          Löschen ist Berufsfeuerwehr vorbehalten

          „Zu unseren guten Zeiten haben wir viele Dutzend Wachen in ganz Griechenland und um die 100 Löschfahrzeuge gehabt, sowie immerhin 2000 Mitglieder“, sagt Sachinidis. Sogar eine eigene Feuerwehrschule für die Fortbildung Freiwilliger konnte aufgebaut werden. Sie hatte ihren Sitz in dem nordgriechischen Ort Rizomata. „Diese Schule war wie ein Juwel für die Waldbrandbekämpfung in Griechenland“, schwärmt Sachinidis. Die Schule hat Esepa in eigener Regie betrieben, in Kooperation mit der Kapodistrias-Universität Athen, unterstützt von vielen freiwilligen Lehrkräften, die in ihrem Urlaub auf eigene Kosten nach Griechenland kamen. Durch die Zuwendungen einer griechischen Bank konnte Esepa zudem den Fuhrpark erweitern und modernisieren. „So konnten wir alle Tanklöschfahrzeuge überholen und auf den neuesten Stand bringen. Aber heute gibt es das alles nicht mehr“, sagt Sachinidis.

          Die schwersten Brände seit mehr als einem Jahrzehnt: In Mati am Dienstag

          Im Februar 2014 sei in Griechenland eine Gesetzesänderung beschlossen worden, die „katastrophale Folgen“ für die freiwilligen Wehren des Landes gehabt habe. „Seither dürfen wir de facto keine Feuer mehr löschen – das ist nun allein den Berufsfeuerwehren vorbehalten. Wenn es brennt, darf nur die Berufsfeuerwehr entscheiden, ob sie unsere Hilfe anfordern will oder nicht.“ Aber bis sie den Brandherd erreicht habe, hätten Freiwillige in vielen Fällen schon längst an Ort und Stelle sein können, so Sachinidis. Die Berufsfeuerwehr in Griechenland habe nur etwa 270 Wachen im Lande, mitunter dauere die Anfahrt zu einem Brand bis zu einer Stunde.

          „Aber selbst, wenn wir Kräfte in der Nähe hätten, dürften wir nicht auf eigene Initiative ausrücken“, kritisiert Sachinidis. Doch wenn das stimmt – in wessen Interesse liegt eine solche Regelung? „Nach unserer Kenntnis ist die Gesetzesänderung auf Verlangen der Berufsfeuerwehren zustande gekommen, da sie in uns eine Konkurrenz gesehen haben.“ Das sich um 2012 gut entwickelnde Netz freiwilliger Feuerwehren habe schließlich Erfolge vorweisen können. Oft seien Freiwillige vor den Profis am Brandherd gewesen, hätten mitunter Feuer gar gelöscht, bevor diese eingetroffen seien. Das habe offenbar einige gestört, mutmaßt Sachinidis.

          Löscharbeiten hätten glimpflicher ablaufen können

          Seit der Gesetzesänderung sei nun alles anders. Die Schule in Rizomata ist geschlossen. Nach einer anonymen Anzeige vor einigen Jahren wurden Ermittlungen gegen ihn und Esepa wegen des Verdachts der Unterschlagung von Spendengeldern eingeleitet. „Doch in jahrelangen Untersuchungen hat die Sondereinheit des Finanzministeriums keinen Missbrauch nachweisen können. Schließlich sind sie, im Gegenteil, sogar zu dem Schluss gekommen, dass ich privat absolut sauber bin und Esepa auch. Sie sagten sogar, der Umgang mit Finanzen bei Esepa könne als Beispiel für andere griechische Organisationen dienen“, behauptet Sachinidis.

          Er gibt sich überzeugt, dass die Feuerkatastrophe vom Montag glimpflicher hätte ablaufen können, wenn Esepa noch die alten Rechte und ihre einstige Stärke gehabt hätte. „Das ist absolut sicher. Ich kenne die Gegend, in der die Feuer gewütet haben. Wir hatten dort einst Freiwillige. Die hätten sofort löschen können.“ Doch seit Esepa vom Brandschutz ausgeschlossen worden sei, seien von einst 2000 Mitgliedern nur noch wenige Dutzend geblieben – so stellt Sachinidis es dar. „Griechenland verlangt jetzt Hilfe von anderen Ländern, obwohl wir diese Hilfe im eigenen Land hätten organisieren können.“

          Alles erinnert an 2007

          Esepa habe zuletzt noch 70 Tanklöschfahrzeuge gehabt, „im besten Zustand. Die sind aber alle abgemeldet, damit wir nicht Versicherung und KFZ-Steuer dafür bezahlen müssen.“ Seit Jahren versuche er, die Politik dazu überreden, die Gesetzgebung wieder zu ändern, um den Freiwilligen eine aktivere Rolle zu ermöglichen. Doch es gelinge ihm nicht, zu dem zuständigen Minister vorzudringen. Er vermute, das liege an einer starken Lobby der Berufsfeuerwehren, die den Minister abschirme. „Das Gesetz von 2014 hat das Engagement für die freiwilligen Feuerwehren zerstört. Obwohl dieses Land ein solches Engagement dringend bräuchte“, lautet sein Fazit. Das ist, wohlgemerkt, nur die Version von Sachinidis. Es ist möglich, dass ihm in den kommenden Tagen widersprochen werden wird. Sollte Sachinidis aber glaubhaft nachweisen können, dass eine andere Struktur der Feuerwehren Leben hätte retten können, wird die griechische Regierung womöglich Schwierigkeiten bekommen.

          Die Lage erinnert an die verheerenden Brände von 2007, die ebenfalls viele Todesopfer forderten. Vor elf Jahren hatte eine langanhaltende, von einer Hitzewelle begleitete Dürre den Balkan geplagt und auch in Serbien, Bulgarien und Mazedonien Großbrände ausgelöst. Am schlimmsten waren die Feuer jedoch in Griechenland. Dort hatten sie auch politische Folgen: Als die Feuer gelöscht waren, machten Griechen bei Demonstrationen ihrem Ärger gegen die Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis und seines Innenministers Prokopis Pavlopoulos Luft. Sie sahen in Karamanlis und Pavlopoulos (dem heutigen Staatspräsidenten), die Hauptverantwortlichen für ein als mangelhaft empfundenes Krisenmanagement und die als unzureichend bewertete Einsatzfähigkeit der Feuerwehren. Eine der Forderungen von Fachleuten lautete damals: Griechenland muss ein leistungsfähiges Netz freiwilliger Feuerwehren erhalten.

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