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Wege aus der Klimakrise : Wieso ein Baum auch schaden kann

  • -Aktualisiert am

Regenwald in Uganda Bild: Reuters

Einen Baum zu pflanzen für das Klima, das ist etwas Gutes. Das ist die schöne Geschichte. Doch es gibt auch eine andere – die ist nicht so schön und spielt in den ärmeren Ländern.

          7 Min.

          Wenn es um Bäume für das Klima geht, gibt es zwei Geschichten. Die erste ist laut und schön, in Deutschland hören wir sie ununterbrochen. Sie erzählt, dass es nur genug Bäume auf der Welt geben muss, um den Klimawandel zu stoppen. Es ist kinderleicht, sich an dieser Weltrettung zu beteiligen. Man benutzt die Suchmaschine Ecosia, und schon pflanzt das Unternehmen einen Baum. Man bestellt sich bei McDrive einen Rindfleischburger und eine Cola und ordert bei Bedarf noch einen Baum dazu. Man sammelt bei Edeka Punkte für Nachhaltigkeit, und ab zehn pflanzt der Supermarkt einen Baum.

          Wer Bäume pflanzt, tut etwas Gutes. Das ist die Hauptbotschaft der Geschichte. Gut soll es sein, weil alle, die daran beteiligt sind, profitieren. Die Menschen oder Unternehmen in Deutschland, weil sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen. Leute in der ganzen Welt, weil sie nun Bäume vor ihrer Haustür haben, meist noch mit Früchten, die sie essen oder verkaufen können. Und natürlich das Klima, weil Bäume CO2 binden.

          Müssen wir nur aufforsten?

          Bäume helfen in dieser Geschichte, sie schaden niemandem. Ihr (erhofftes) Potential hat 2019 eine viel beachtete, aber später heftig kritisierte Studie der ETH Zürich verdeutlicht: Auf dem gesamten Erdball gibt es demnach noch Platz für fast eine Milliarde Hektar Wald, also gut ein Viertel mehr als jetzt. Diese zusätzliche Fläche wäre dann in der Lage, zwei Drittel der von Menschen verursachten CO2-Emissionen zu speichern. Der Forscher schrieb damals, die Bäume könnten „das Klima retten“, Wälder zu pflanzen sei „derzeit die beste verfügbare Lösung gegen den Klimawandel“. Später musste er zurückrudern und diese Aussagen einkassieren. Sie waren wissenschaftlich nicht haltbar. Aber durch die Studie blieb ein Bild hängen: Da ist genügend Land. Wir müssen es nur aufforsten.

          Es gibt aber keine weiße Flecken auf dieser Welt, fast kein brachliegendes Land, das niemand nutzt. Selbst wo sich nur kilometerweise karge Steppe erstreckt, weidet dort wahrscheinlich jemand seine Schafe. Bäume zu pflanzen bedeutet also nicht nur, von oben mit Satelliten zu definieren, wo Platz ist. Sondern unten zu schauen, wer dort schon ist. Aufforstung ist damit oft ein Kampf um Landverteilung. Und das ist die zweite Geschichte, sie ist viel leiser, weil sie so weit weg stattfindet. Und sie ist nicht so schön.

          Ist es egal, wo der Baum gepflanzt wird?

          Die zweite Geschichte spielt im sogenannten globalen Süden, also in den ärmeren Staaten dieser Erde. Denn das Recht, CO2 auszustoßen, ist nach den Abkommen von Kyoto und Paris eine Ware, die international gehandelt wird. Der Ablauf ist denkbar einfach: Es gibt Anbieter von CO2-Zertifikaten, und es gibt Käufer. Anbieten können etwa Investoren, die mit ihren Projekten den CO2-Ausstoß mindern, wie durch Aufforstung.

          Diese Zertifikate werden dann von Unternehmen gekauft, die ihre CO2-Bilanz verbessern wollen. Man nennt ein solches Verrechnen von CO2-Ausstoß Klimakompensation. Der Ausstoß an einem Ort wird durch die Einsparung an einem anderen Ort getilgt. Da das Klima den gesamten Erdball betrifft, ist es egal, wo ausgestoßen und wo eingespart wird. Ein Unternehmen wie VW kann somit in Deutschland ein Auto verkaufen, das es „klimaneutral“ an den Kunden gibt, weil es das CO2, das bei der Fertigung entsteht, durch ein Waldschutzprojekt in Borneo kompensiert.

          Umkämpfter Boden

          Die ökonomische Logik dahinter ist, dass der Markt so die günstigste Möglichkeit findet, das weltweite CO2 zu reduzieren. Die meisten Projekte mit Bäumen werden im globalen Süden realisiert. Dort gibt es aber oft kein klares Eigentumsrecht. Uganda etwa, das in den vergangenen zwanzig Jahren ein beliebtes Ziel für viele Projektentwickler wurde, verstaatlichte 1975 das gesamte Land. Die Menschen siedelten überall, auch in den Wäldern. Im Laufe der Jahre gab es Reformen, sodass nun vier verschiedene Formen von Eigentum existieren. Dazu gehört auch das „customary tenure“, eine Art traditionelles Recht, das es in vielen Entwicklungsländern infolge der Kolonialgeschichte gibt. Hat jemand schon seit Jahren und über viele Generationen auf einem Stück Land gelebt und es bewirtschaftet, gehört es praktisch ihm. Davon existiert nur meist kein Beleg.

          In Uganda zeigte ein Fall, der 2015 vom Magazin Der Spiegel aufgegriffen wurde und den die Forscherin Mareike Blum genau untersucht hat, was es bedeuten kann, wenn Klimaschutzinvestoren in Länder mit unklaren Besitzverhältnissen kommen. Im Jahr 2001 schloss ein deutscher Holzkonzern einen Pachtvertrag über 50 Jahre mit der ugandischen Regierung. Der Konzern malte sich eine doppelte Einnahmequelle aus: Durch Aufforstung generiert er Kohlenstoffkredite und verkauft regelmäßig das Holz. Das Projekt wurde vom Gold-Standard zertifiziert, einem Unternehmen, das Qualität und Nachhaltigkeit prüft. Die Zertifizierung wird von den Projektentwicklern bezahlt.

          Um das verpachtete Gebiet herum lagen 20 Dörfer, drei Viertel der Menschen verdienten weniger als einen Dollar am Tag. Diese Menschen nutzten das Land seit langer Zeit. Sie sammelten Feuerholz und Heilpflanzen, sie bauten Nahrungsmittel an, sie ließen ihre Kühe weiden, produzierten Holzkohle oder fällten Bäume zum Verkauf. Mit dem Pachtvertrag kamen nun einige Dutzend Wachleute auf das Gebiet, um die Menschen fernzuhalten. „Wir treiben sie jeden Samstag raus . . . wir treiben sie zurück in ihre Häuser“, sagte einer der Sicherheitsleute Blum in einem Interview 2018. Entdeckten sie Holzfäller, wurde das Holz konfisziert und verbrannt. Kuhhirten wurden zur Polizei gebracht, sie mussten hohe Strafen bezahlen.

          Das Land, zuvor ein Mix aus Wäldern und Wiesen, war nun eine chemisch gedüngte Plantage aus Pinien und Eukalyptus geworden. Die Menschen, die dort lebten, wurden ausgeschlossen, gleichzeitig hatten sie Angst, dass der hohe Wasserverbrauch des Eukalyptus ihr Grundwasser beeinflusst, der Dünger ihren Tieren schadet. An einigen Stellen des Gebietes gab es immer wieder Auseinandersetzungen darüber, wem das Land gehörte. 2013 schließlich verprügelten Sicherheitsleute einen Viehzüchter samt seinem erwachsenen Sohn und brannten ihre Hütte nieder. Sie hatten ihre Tiere auf Land mit noch jungen Bäumen weiden lassen, was verboten war. Der Bauer argumentierte, es sei sein eigenes Land, das von dem Konzern bebaut worden war.

          Wo sind die Brachflächen? Bauern in Kambodscha
          Wo sind die Brachflächen? Bauern in Kambodscha : Bild: Reuters

          Durch den Zwischenfall und die öffentliche Aufmerksamkeit änderte sich das Narrativ über „illegale Aktivitäten“, das der Investor verbreiten wollte. Für viele Menschen hieß es jetzt: „Bäume gegen Essen“, analysiert Blum. Eine ugandische NGO beschrieb es ihr so: „Leute müssen kämpfen, um zu überleben. Unser Überleben hier hängt von den natürlichen Ressourcen ab. Wenn du also jemanden am Zugang zu diesen natürlichen Ressourcen hinderst, dann kommt es automatisch zu einem Konflikt.“

          Bäume oder Menschen

          Ein anderes Beispiel spielt in Kambodscha. Dort hat der Staat zusammen mit der amerikanischen Organisation Wildlife Alliance das Projekt Southern Cardamon REDD+ entwickelt. REDD+ ist ein Programm der Vereinten Nationen, das primär dem Waldschutz dient, aber mitunter auch der Wiederaufforstung. Das Gebiet des Southern-Cardamon-Projekts ist eines der letzten Regenwälder in Südostasien. Viele Unternehmen, auch große deutsche, kompensieren ihre realen CO2-Emissionen hier mit der Hypothese, dass ohne das Schutzprojekt der Regenwald abgeholzt würde. Und tatsächlich, es sieht aus wie ein Vorzeige-, ein Erfolgsprojekt. Die Wildlife Alliance hat es durch rigide Kontrollen in den vergangenen Jahren geschafft, Brandrodungen und den Handel mit bedrohten Tieren fast komplett zu stoppen. Gleichzeitig wurden durch Ökotourismus alternative Einnahmequellen und soziale Programme für viele Menschen geschaffen.

          Aber nur für die, die bereit waren, bei diesem Plan mitzumachen. Der Aktivist Chris Lang führt einen kritischen Blog über REDD+-Projekte und hat auch über das Southern-Cardamon-Projekt recherchiert. Im Jahr 2011 berichtete die Phnom Penh Post, wie Wachleute der Wildlife Alliance zusammen mit der Polizei die Hütten von neun Familien verbrannten. Sie hatten sich illegal im Regenwald niedergelassen, hatten ein Feld gerodet, um Reis anzubauen. Im vergangenen Jahr brannten die Wachleute den Traktor einer Bäuerin nieder, weil sie illegales Holz transportiert haben soll. Sie sprach von „Feuerholz“.

          Wildlife Alliance: „Kein Einverständnis erforderlich“

          Als im Jahr 2018 ein Auditor die Zertifizierung des Projektes überprüfte, wurde ihm gesagt, dass in einer bestimmten Gemeinde nur noch zehn Prozent der Leute dem Projekt zustimmten. Die Zustimmung der Bevölkerung ist aber wichtig, sie muss zuvor, frei und informiert einem Projekt zustimmen, sonst wird es nicht zertifiziert. Als der Auditor nachfragte, wie die Wildlife Alliance mit dieser Information umzugehen gedenke, antwortete diese: Die Gemeinden hätten keine Eigentumsrechte, insofern sei ihre Beteiligung am Projekt komplett freiwillig. „Wir denken deshalb, dass ein formelles Einverständnis der Gemeinden in der Projektzone nicht notwendig ist.“

          Bäume oder Menschen. In Laos wurden in den Neunzigerjahren auch mit Verweis auf Brandrodungen Tausende Menschen vom bergigen Hochland in die Ebene umgesiedelt. In Belize rebellierten Einheimische, weil ihnen ein Waldschutzprojekt ihr traditionelles Recht nehmen sollte, bestimmte Bäume zu fällen und Forstprodukte zu sammeln. In Bolivien und Mexiko war es ähnlich.

          „Kommt nicht hierher und bestraft Leute hier dafür“

          Alle Baum-Projekte sind unterschiedlich, und es wäre falsch, sie über einen Kamm zu scheren. Die Geschichte von den Bäumen, die das Klima retten, ist ebenso wahr wie die von den Nöten der Menschen an Ort und Stelle. Es gibt Projekte, oft kleine, transparente, wo Mensch und Klima profitieren. Immer wieder allerdings wird über den Besitz und das Land von Menschen hinweggegangen, sind sie die Verlierer eines globalen Klimamarktes.

          Und sie merken das. Eine Studie von 2016 verglich in zwei Projekten in Uganda die Auffassungen von Gerechtigkeit der Menschen vor Ort. Ein Projekt fand in einem dünn besiedelten Gebiet statt, die Besitzverhältnisse waren weitgehend klar. Die Kleinbauern wurden gefragt, ob sie auf jeweils mindestens einem Hektar ihres Privatlandes Bäume pflanzen würden. Sie wurden mit sechzig Prozent an den Erlösen aus den Kohlenstoffkrediten beteiligt. Das Projekt lief gut. Als die Forscher Gerechtigkeitsauffassungen abgefragten, fanden sie heraus, dass es den Menschen hauptsächlich um das Verhältnis zwischen ihnen und dem Projektentwickler ging – die dritte Partei, die Länder im Norden, die den Kohlenstoff kauften, spielte für sie keine entscheidende Rolle.

          Ganz anders im zweiten Projekt. Das Gebiet war stark besiedelt und bereits in der Vergangenheit immer wieder umkämpft. Es lag in einem Nationalpark, der Anfang der 1990er Jahre gegründet worden war. Forscher schätzen, dass dabei hunderttausend Menschen aus dem Wald vertrieben wurden, ohne jede Kompensation. Die holländischen Projektentwickler versprachen den Leuten Arbeitsplätze, es waren letztlich aber weit weniger als erwartet. Nach wenigen Jahren wurde das Projekt, das 99 Jahre dauern sollte, beendet. Die Menschen gaben dem globalen Norden die Schuld an der Misere. Die Studie zitiert einen Mann, der einem holländischen Journalisten sagte: „Soll Holland doch mit einer Lösung kommen. Wenn die Industrie für die Holländer ein Problem wird, dann kommt nicht hierher und bestraft Leute hier dafür.“

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