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Wahlsieger Erdogan : Kann der Polarisierer versöhnen?

Nach seinem Wahlsieg äußerte sich Recep Tayyip Erdogan versöhnlich. Bild: REUTERS

Bei der Präsidentenwahl ist die Strategie der türkischen Opposition grandios gescheitert. Alle sind jetzt gespannt, wie Wahlsieger Erdogan sein neues Amt interpretiert.

          Wäre es nach den Leuten in Soma gegangen, dürfte Recep Tayyip Erdogan am 28. August nicht den Amtseid als neuer türkischer Staatspräsident ablegen. In dem Ort, der traurige Berühmtheit erlangte durch das Grubenunglück, bei dem im Mai mehr als 300 Bergleute ums Leben kamen, haben sie mehrheitlich für Ekmeleddin Ihsanoglu gestimmt. Der ehemalige Generalsekretär der Organisation für islamische Zusammenarbeit, gemeinsamer Verlegenheitskandidat der beiden größten Oppositionsparteien, der „Republikanischen Volkspartei“ (CHP) und der „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP), erhielt in der Bergarbeiterstadt 51,1 Prozent der Stimmen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Aber Soma ist nur eine Stadt von weniger als 80.000 Einwohnern, und an dem Wahlausgang in diesem Ort lässt sich studieren, wie kolossal die Strategie der Opposition fehlgeschlagen und warum der Meisterpolarisierer Erdogan noch immer der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes ist. Bei der Kommunalwahl im März hatte die MHP in Soma mehr als 29, die CHP gut 22 Prozent erhalten. Macht zusammen 51 Prozent, während die AKP zwar stärkste Kraft wurde, mit 43 Prozent der Stimmen aber schwächer war als die beiden Oppositionsparteien gemeinsam. So ungefähr lautete die Rechnung hinter der Überlegung von CHP und MHP, einen gemeinsamen Kandidaten gegen Erdogan aufzubieten. In Soma ist sie knapp aufgegangen, wobei die Erinnerung an Erdogans gefühlskaltes Auftreten nach dem Grubenunglück eine Rolle gespielt haben mag. Doch in den meisten anderen Gegenden ist die Strategie gescheitert. Vor allem die Basis der kemalistischen CHP fremdelte mit Ihsanoglu.

          Ishanoglu in vielen Provinzen politisch irrelevant

          Erdogan dagegen konnte seine Anhänger mobilisieren. Es war in Soma, wo der Ministerpräsident noch vor drei Monaten von verzweifelten, wütenden Angehörigen der verunglückten Bergleute ausgepfiffen wurde. Und dennoch hat Erdogan selbst in dieser Stadt mehr als 46 Prozent der Stimmen erhalten. Das ist der größte Unterschied zwischen Erdogan und seinen Mitbewerben. Seine Herausforderer haben ihre Hochburgen, spielen aber in einigen anderen der 81 türkischen Provinzen keine Rolle. Erdogan ist selbst da noch stark, wo er nicht der populärste Politiker ist. Ein Drittel der Stimmen ist ihm fast überall sicher.

          Siegesfeier: Anhänger Erdogans in den Straßen Istanbuls

          Das zeigt ein Blick auf die Ergebnisse der Wahlen in allen Provinzen. Wie immer war die Opposition stark in dem an Bulgarien und Griechenland grenzenden Grenzgebiet im Norden sowie in den Küstenprovinzen. In 15 westlichen Provinzen und in Eskisehir stimmten sie mehrheitlich für Ihsanoglu. In Edirne erhielt der islamische Gelehrte 65 Prozent der Stimmen (Erdogan 32), in Izmir 59 Prozent (Erdogan 33). Dafür war Ishanoglu in vielen anderen Provinzen politisch irrelevant. In Rize am Schwarzen Meer zum Beispiel, von wo aus einst Erdogans Vater nach Istanbul kam. Für Erdogan stimmte hier mehr als 80 Prozent der Wähler, nur 18 Prozent für Ihsanoglu. Auch in vielen zentralanatolischen Provinzen fuhr Erdogan Siege ein wie die CSU in ihren besten Tagen. Nur die südostanatolischen Kurdengebiete waren wie üblich ein Sonderfall. Hier erhielt Selahattin Demirtas, Kandidat der vor allem von Kurden gewählten „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP), mit Abstand den stärksten Zuspruch, so in Hakkari an der Grenze zum Irak und zu Iran: Fast 82 Prozent der Stimmen für Demirtas, 16 Prozent für Erdogan, 2 Prozent für Ihsanoglu.

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