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Wahlsieg in Venezuela : Chávez im Unentbehrlichkeitswahn

  • -Aktualisiert am

Anhänger von Chávez feiern am Sonntagabend in Caracas. Bild: AFP

Die Venezolaner haben den Präsidenten überraschend klar im Amt bestätigt. Er will seine Revolution vertiefen. So wird auch der Graben durch die Gesellschaft tiefer.

          3 Min.

          Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat noch einmal eine Chance. Er kann in einer vierten Amtszeit zeigen, dass sein „bolivarisches“ Machtmodell doch mehr ist als bloß ein politisches System zur Mehrung seines persönlichen Ruhms.

          Seine Revolution, wenn sie denn je eine war, hat nach fast vierzehn Jahren trotz des erstaunlich eindeutigen Wahlerfolgs ihre Energie allmählich aufgebraucht. Chávez ist, wie alle Erfinder von Revolutionen, dem Irrglauben erlegen, nur er allein könne die staatliche Ordnung, die er seinem Land aufgedrängt hat, steuern, kontrollieren und zur vollen Blüte bringen. Dabei hat ihn die schwere Krebserkrankung, die bei ihm diagnostiziert worden war, nachdrücklich an die Endlichkeit menschlichen Daseins und menschlichen Wirkens erinnert.

          Das „Modell“ birgt den Keim zur Selbstzerstörung

          Autoritäre, populistische Staatschefs wie Chávez halten sich für unentbehrlich oder gar unsterblich, glauben, die von ihnen erreichten vorgeblichen Errungenschaften seien für alle Ewigkeit in ihrem Land etabliert. Sie pflegen aber gerade alles zu tun, um in ihrem gesellschaftlichen „Modell“ den Keim zur Selbstzerstörung zu legen. Wie viele andere Mächtige seines Schlages hat Chávez Gefolgsleute, die ihm zu Konkurrenten hätten werden können, regelmäßig aus seiner Umgebung entfernt. Einen möglichen Nachfolger, der sein Werk weiterführen könnte, hat er bewusst nicht aufgebaut.

          Venezuela : Chávez gewinnt Präsidentenwahl

          Im Lauf der Zeit ist ein beispielloser Personenkult um den „Comandante“ Chávez entstanden. Die Erfolge des von ihm propagierten Gesellschaftsmodells eines „bolivarischen““ Sozialismus blieben eher bescheiden. Allzu viele Vorhaben sind großspurig angekündigt, doch nicht einmal angefangen, in halbfertigem Zustand „eröffnet“, doch nie fertiggestellt worden.

          Chávez beging Fehler, die schon weit mächtigere autoritäre oder totalitäre Systeme zu Fall gebracht haben. Er hat durch Polarisierung seines Landes in eine blind ergebene Anhängerschaft und „Feinde“ Energien verschleudert, die für die Entwicklung seines Landes dringend gebraucht worden wären. Durch willkürliche Enteignungen und Pressionen gegenüber der privaten Wirtschaft hat er die Produktivität ruiniert. Um seine Gefolgschaft bei der Stange zu halten, hat er den Staatsapparat aufgebläht und ein gewaltiges Günstlingssystem aufgebaut, das nicht nur kostspielig zu unterhalten ist, sondern auch Ineffizienz und Korruption Tür und Tor geöffnet hat.

          Lateinamerika hat viele Revolutionen erlebt. Die langlebigste, die kubanische, hat vor allem deshalb den Zusammenbruch der Sowjetunion, ihres einst größten Sponsors, überstanden, weil Chávez sie an den Tropf generöser Erdöllieferungen und anderer Zuwendungen gehängt hat. Das Erdöl ist der Schmierstoff, der vor allem Chávez’ sozialistisches Experiment am Laufen hält. Solange er mit den üppigen Einkünften aus der Förderung des schwarzen Goldes alles, was sein Land nicht zu produzieren vermag, kaufen und finanzieren kann, wird er auch seine bolivarische Revolution am Leben halten können.

          Der Öl-Exporteur leistet sich eine Energiekrise

          Die Einnahmen aus dem Erdöl, schätzungsweise mehr als 700 Milliarden Dollar in den vergangenen 13 Jahren, hätten es ermöglicht, aus Venezuela einen modernen Staat mit einer funktionierenden Infrastruktur und zumindest akzeptablen Wohnverhältnissen für den Großteil der Bevölkerung zu machen. Ineffizienz, sozialistischer Schlendrian und Korruption haben indes einen großen Teil der Erdöleinnahmen einfach versickern lassen.

          Die Erdölförderung ist wegen Missmanagements kontinuierlich zurückgegangen. Praktisch die gesamte Schicht der hochqualifizierten Fachleute des staatlichen Konzerns PdVSA ist ins Ausland abgewandert. Das hat zu der grotesken Situation geführt, dass das Land mit den größten Erdölvorkommen Südamerikas mit einer Energiedauerkrise kämpft und sogar Treibstoffe einführen muss.

          Wahlsieger: der venezolanische Präsident Hugo Chávez
          Wahlsieger: der venezolanische Präsident Hugo Chávez : Bild: AFP

          Für die Länder, die Chávez’ ins bolivarische Boot holen konnte, bedeutet der Wahlsieg, dass sie weiter auf Unterstützung aus Venezuela hoffen dürfen, vor allem das sieche Kuba, das durch die bolivarische Solidarität gerade eben über Wasser gehalten wird, aber auch Nicaragua, Bolivien und Ecuador. Erstaunlich ist, dass sich zuletzt Argentinien, das zweitgrößte Land Südamerikas, zu einem der eifrigsten Nachahmer Venezuelas zu mausern begonnen hat, obwohl der Chavismus Tag für Tag beweist, dass er nicht zu halten vermag, was sein Erfinder vollmundig versprochen hat. Schon jetzt zeigen sich auch in Argentinien die Symptome einer gelähmten Wirtschaft, der durch immer stärkere staatliche Gängelei und Kontrollen die Luft zum Atmen genommen wird.

          Chávez hat zwar in der Euphorie des Wahlsiegs der Opposition, die mit Henrique Capriles einen Achtungserfolg errungen hat, Dialog und Zusammenarbeit angeboten, doch ist kaum zu erwarten, dass er eine Kehrtwendung vollzieht und etwa seine willkürliche Enteignungspolitik korrigiert oder die Inflation und ausufernde Kriminalität nachhaltig bekämpft.

          Viel eher wird er versuchen, sein Lebenswerk, seine „bolivarische“ Revolution, zu retten und weiter zu „vertiefen“. Das bedeutet auch eine weitere Vertiefung der Spaltung des Landes und der wirtschaftlichen Probleme, eine Verlängerung der Agonie der Revolution, mit allen Folgen auch für die Länder, in denen sie Anklang gefunden hat.

          Den Anhängern von Capriles bleibt einstweilen nur die Hoffnung, dass der Revolution vor Ablauf der nächsten sechs Jahre der Atem ausgeht.

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