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Wahlkampftour in Paris : Steve Bannon, der neue Liebling

Selbsternannter Chefideologe der rechtspopulistischen Bewegungen in Europa: Steve Bannon in Paris Bild: action press

Steve Bannon macht in Paris Wahlkampf für Marine LePen. Die französischen Medien hofieren den selbsternannten Chefideologen der rechtspopulistischen Bewegungen. Unangenehme Fragen? Fehlanzeige.

          Die französische Presse hat kurz vor den Europawahlen den früheren Berater von Präsident Donald Trump, Steve Bannon, zu ihrem neuen Liebling auserkoren. Seit sich der 65 Jahre alte Amerikaner vergangene Woche in einer Suite des Luxushotels Bristol unweit des Elysée-Palastes niedergelassen hat, vergeht kein Tag ohne Interview mit ihm. Im „Le Parisien“ erläuterte Bannon, warum Paris „the place to be“ ist, um das Ergebnis der Europawahlen abzuwarten. „Von allen Wahlausgängen wird der in Frankreich mit Abstand am wichtigsten sein“, sagte Bannon. Ein möglicher Sieg der Partei Marine Le Pens werde „ein Erdbeben“ auslösen, dessen Folgen nicht nur in der EU, sondern auch in Amerika zu spüren sein würden.

          Präsident Emmanuel Macron verkörpere wie kein anderer die überholten Ideen Jean Monnets von einem vereinigten Europa, das Monnet mit amerikanischer Hilfe aufzubauen half. Jetzt gehe es darum, diesem Projekt ein Ende zu setzen und eine Renationalisierung einzuleiten. „Emmanuel Macron hat aus der Europawahl ein Referendum über seine Person, seinen Führungsstil und seine Vision von Europa gemacht. Deshalb bleibe ich länger in Paris. Hier befindet sich der ground zero der Zukunft Europas“, sagte Bannon der Zeitung „Le Journal du Dimanche“. Im Fernsehsender BFM-TV führte Bannon am Montag seine Idee weiter aus. Der Wahlsieg Macrons im Mai 2017 habe einen Tiefpunkt für die national-populistischen Bewegungen in Europa markiert. Damals sei der Eindruck erweckt worden, dass der gesellschaftliche Umbruch noch aufzuhalten, die Idee des europäischen Einigungsprozesses noch zu retten sei. Die Franzosen hätten jetzt aber die Gelegenheit zu zeigen, dass ein historischer Umbruch bevorstehe.

          Bannon hob hervor, dass der Wahlsieg Donald Trumps durch das Brexit-Votum der Briten erst möglich geworden sei. Ein Erstarken des Rassemblement National (RN) Le Pens würde nun die Wiederwahl Trumps erleichtern. Deshalb sei die Rolle Frankreichs so zentral. Der Strache-Skandal spiele keine Rolle für die Wähler. Von Paris werde ein Signal an die anderen rechtspopulistischen Bewegungen ausgehen. „Es wird eine Renaissance geben“, sagte Bannon, „das wird für Trump nützlich sein.“ In den jüngsten Umfragen zeichnet sich ein knapper Sieg der Partei Le Pens vor Macrons Plattform „Renaissance“ ab. Marine Le Pen nennt Bannon eine „Heldin der Moderne“. Sie könne Schläge einstecken und habe sich nach der Niederlage vor zwei Jahren auf „unglaubliche Weise“ wieder aufgerichtet. „Sie hat dem Front National ein neues Gesicht gegeben“, sagte Bannon.

          Unangenehmen Fragen musste sich der selbsternannte Chefideologe der rechtspopulistischen Bewegungen nicht stellen. Fernsehmoderator Jean-Jacques Bourdin nannte sein Lächeln „außerordentlich sympathisch“ und hofierte ihn wie einen Propheten, der den Franzosen endlich erkläre, was in ihrem Land los sei. Während der „Gelbwesten“-Proteste hatte sich Bannon darüber gefreut, dass „Paris brennt“. Auch das Nachrichtenmagazin „Le Point“ veröffentlichte ein langes Interview, ohne Bannon zu befragen, ob er Finanzhilfen für Le Pens Partei organisiert habe.

          Ein vom staatlichen Fernsehsender France 2 ausgestrahlter Dokumentarfilm hatte ein Treffen zwischen Le Pens Lebensgefährten, dem Abgeordneten Louis Aliot, und einem weiteren RN-Abgeordneten, Jérome Rivière, mit Bannon dokumentiert. Während des Gesprächs boten Aliot und Rivière ihm an, an Geheimtreffen zwischen französischen Spitzenbeamten und Marine Le Pen teilzunehmen. Bannon schlug den beiden RN-Abgeordneten vor, ihnen bei der Finanzierung ihrer politischen Projekte zu helfen. Abgeordnete forderten daraufhin eine parlamentarische Untersuchungskommission, doch der Vorschlag wurde von der Regierungsfraktion nicht weiterverfolgt.

          Bannons Wahlkampfhilfe für Le Pen stößt hingegen auf Empörung in den Reihen der Gefolgsleute Macrons. „Ganz gelassen stellt Steve Bannon seine Koffer in Paris in seiner 2500-Euro-Suite ab. Das ist ein Verstoß gegen unsere Souveränität als Wähler. Zum Kotzen“, entrüstete sich Macrons Kampagnendirektor Stéphane Séjourné. Premierminister Édouard Philippe sagte, er verstehe ja, dass das europäische Einigungsprojekt Bannon und Trump störe. Aber er begreife nicht, dass die selbsternannten Verteidiger des französischen Volkes sich freiwillig fremden Mächten auslieferten, sagte der Regierungschef. Das französische Hauptquartier Bannons, das Hotel Bristol, symbolisiert in Frankreich protzigen Luxus und wird von arabischen Prinzen und neureichen Russen frequentiert. Der Preis der Suite, der laut Recherchen des „Journal du Dimanche“ bei 8000 Euro pro Nacht liegt, entspricht nicht dem Bild eines volksnahen Gastes. Deshalb bemühte sich Le Pens Vertrauensmann, der EU-Abgeordnete Nicolas Bay, die Zusammenarbeit herunterzuspielen. „Bannon hat keinerlei Einfluss auf unser politisches Projekt“, sagte Bay. Marine Le Pen nannte ihn am Montag „einen höchst interessanten politischen Berater“.

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