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Wahlkampf : Stimmenbeschaffer und potentieller Nachfolger

Edwards und Kerry wollen die Demokraten einen und motivieren Bild: REUTERS

Die Ernennung von John Edwards zu seinem Vize hat dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Kerry nach neuesten Umfragen auf Anhieb mehr Popularität verschafft.

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          Es heißt, wer diesen Job habe, sei immer nur einen Herzschlag vom Präsidentenamt entfernt. Wenn der Präsident nämlich einen hat. Dann wird der Vizepräsident sein Nachfolger. Es ist nicht überliefert, daß einer der acht Präsidenten der Vereinigten Staaten, die während ihrer Amtszeit starben und im Weißen Haus dem Vizepräsidenten Platz machten, an einem Herzschlag gestorben wäre.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dagegen wurden immerhin vier Präsidenten erschossen, zuletzt John F. Kennedy am 22. November 1963. Das ist eine ziemlich hohe Rate bei 42 Männern, die seit 1789 das Amt bekleidet haben. Insgesamt wurden 14 Vizepräsidenten später selbst Präsidenten. Neben den acht, die einem Ermordeten oder Verstorbenen nachfolgten, wurden fünf selbst ins höchste Amt gewählt - zuletzt George Bush Vater 1988. Einer kam ins Amt, weil sein Vorgänger hatte zurücktreten müssen. Das war Gerald Ford, der im August 1974 die Nachfolge von Richard Nixon antrat.

          Rolle des "running mate"

          Bedenkt man, welche umfassenden Befugnisse dem amerikanischen Präsidenten von der Verfassung gegeben sind, wird der Vizepräsident ausgesprochen schlecht behandelt. Der Vizepräsident ist Präsident des Senats, hat aber nur dann ein Stimmrecht, wenn unter den hundert Senatoren keine Mehrheit zustande kommt. Das erste Patt im Senat brach 1789 der erste Vizepräsident John Adams, der 1796 wenigstens selbst zum Präsidenten gewählt wurde. Die zweite von der Verfassung vorgesehene Aufgabe ist es, dem Präsidenten nachzufolgen, wenn dieser - aus welchen Gründen auch immer - seine Amtszeit nicht ausfüllen kann. Alles andere ist informelle Auslegungssache des Amtsinhabers; der gegenwärtige, Dick Cheney, pflegt nach allgemeiner Überzeugung eine recht umfassende Auslegung seiner Kompetenzen und seines Einflusses, was er nur tun kann, wenn der Präsident ihn läßt oder gar dazu ermuntert.

          Welche Rolle der "running mate", also der vom Präsidenten oder dessen Herausforderer auserkorene Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, im Wahlkampf und bei den Wahlen selbst spielt, darüber wird seit je diskutiert. Grundsätzlich kann man sagen, daß die Wähler für den Präsidenten oder für dessen Herausforderer stimmen und nicht für den einen oder den anderen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Der "running mate" kann aber dem Präsidentschaftskandidaten bei den Wahlen in bestimmten Staaten zu Stimmen verhelfen, in welchen dieser einen besonders schweren Stand gegen seinen Gegner hat.

          Schärfster Gegner

          So war es bei den Wahlen 1960, als Lyndon B. Johnson dem mit knappem Vorsprung vor Richard Nixon gewählten John F. Kennedy seinen Heimatstaat Texas auftragsgemäß "lieferte" und die dort zu vergebenden Wahlmännerstimmen einfuhr. Kennedy, katholischer Senator aus dem neuenglischen "Aristokraten"-Staat Massachusetts wie John F. Kerry heute, hatte mit der Berufung Johnsons genau dieses Ziel verfolgt: ein bodenständiger Südstaatler sollte den Süden halten. Zudem wollte Kennedy zeigen, daß er mit der Nominierung seines schärfsten Widersachers bei den Vorwahlen, mit dem er sich heftige Wortgefechte und auch Gerüchteschlachten über den Gesundheitszustand des jeweils anderen geliefert hatte, die Demokratische Partei wieder zu einen vermochte.

          Es dürften ganz ähnliche Motive sein, die Kerry zur Berufung von Senator John Edwards aus dem Südstaat North Carolina bewegt haben. Auch Kerry berief seinen schärfsten Gegner aus den Vorwahlen, mit dem er nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht hatte, um die Partei zu einen und zu motivieren. So war schon Ronald Reagan 1980 verfahren, als er George Bush Vater zu seinem "running mate" machte, obwohl dieser die "Voodoo-Wirtschaftspolitik" von Steuerkürzungen und Staatsrückbau des konservativen Gouverneurs aus Kalifornien scharf angegriffen hatte. Reagan und Bush gewannen 1980 souverän gegen Jimmy Carter und Vizepräsident Walter Mondale.

          Komplementär oder gar konträr

          Der Sieg des Teams Reagan/Bush von 1984 fiel noch deutlicher aus, und manche sagen, Mondale habe damals nur deshalb Geraldine Ferraro zu seiner "running mate" gemacht, weil er seine Niederlage vorausgesehen hatte und mit der Nominierung der ersten Frau als Kandidatin für dieses Amt wenigstens ein Zeichen setzen wollte. Bush Vater, in acht Jahren als Vizepräsident "gereift", konnte es sich leisten, mit dem unbekannten und wenig inspirierenden Senator Dan Quayle aus Indiana einen jungen "Schwiegermutterliebling" zum "running mate" zu ernennen; Quayle blamierte sich zwar im Fernsehduell gegen den brillanten und erfahrenen texanischen Senator Lloyd Bentsen, brachte aber Bushs Sieg von 1988 gegen Michael Dukakis nie in Gefahr.

          Der "running mate", so wollen es die politischen Wahrsager wissen, müsse irgendwie immer komplementär oder gar konträr zum Kandidaten sein - geographisch, politisch, sozial, charakterlich. Doch auch das kann kein Grundgesetz sein. Kandidat Bill Clinton, seinerzeit Gouverneur im Südstaat Arkansas, suchte sich 1992 Al Gore aus, einen fast gleichaltrigen Senator aus dem benachbarten Südstaat Tennessee, und gewann mit seinem "Zwilling" gegen das Gespann Bush/ Quayle.

          Unerfahren und „weich“

          Wie sich der jugendlich-optimistische John Edwards gegen den staatsmännisch-gravitätischen Vizepräsidenten Dick Cheney in den Fernsehdebatten behaupten wird, bleibt abzuwarten. Die Republikaner werden Edwards als unerfahren in der Außen- und als "weich" in der Sicherheitspolitik hinzustellen versuchen. Ob Edwards im Süden die sich allmählich stabilisierende politische Dominanz der Republikaner erschüttern kann, ist fraglich, denn gerade dort erfreuen sich die in Fragen der nationalen Sicherheit und der Verteidigung als "hart" geltenden Republikaner stabilen Zuspruchs. Dafür dürfte die Botschaft vom Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zum millionenschweren Anwalt, Senator und "running mate" die frustrierten Wähler der unteren Mittelklasse ansprechen - jedenfalls mehr als die Familiengeschichte des betuchten Diplomatensohns Kerry.

          John Nance Garner aus Texas hatte das Pech, von 1933 bis 1941 als wenig bedeutsamer Vizepräsident unter einer historischen Riesengestalt wie Franklin D. Roosevelt zu dienen. Er war nur einen Herzschlag und zugleich so weit wie nur irgend jemand vom Präsidentenamt entfernt. Der Job sei weniger wert als "ein Eimer warmer Pisse", sagte er frustriert, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen hatte. Wenn es heute noch so wäre, würden John Edwards und Dick Cheney gewiß nicht so einen Aufwand betreiben.

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