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Wahlkampf : Stimmenbeschaffer und potentieller Nachfolger

Es dürften ganz ähnliche Motive sein, die Kerry zur Berufung von Senator John Edwards aus dem Südstaat North Carolina bewegt haben. Auch Kerry berief seinen schärfsten Gegner aus den Vorwahlen, mit dem er nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht hatte, um die Partei zu einen und zu motivieren. So war schon Ronald Reagan 1980 verfahren, als er George Bush Vater zu seinem "running mate" machte, obwohl dieser die "Voodoo-Wirtschaftspolitik" von Steuerkürzungen und Staatsrückbau des konservativen Gouverneurs aus Kalifornien scharf angegriffen hatte. Reagan und Bush gewannen 1980 souverän gegen Jimmy Carter und Vizepräsident Walter Mondale.

Komplementär oder gar konträr

Der Sieg des Teams Reagan/Bush von 1984 fiel noch deutlicher aus, und manche sagen, Mondale habe damals nur deshalb Geraldine Ferraro zu seiner "running mate" gemacht, weil er seine Niederlage vorausgesehen hatte und mit der Nominierung der ersten Frau als Kandidatin für dieses Amt wenigstens ein Zeichen setzen wollte. Bush Vater, in acht Jahren als Vizepräsident "gereift", konnte es sich leisten, mit dem unbekannten und wenig inspirierenden Senator Dan Quayle aus Indiana einen jungen "Schwiegermutterliebling" zum "running mate" zu ernennen; Quayle blamierte sich zwar im Fernsehduell gegen den brillanten und erfahrenen texanischen Senator Lloyd Bentsen, brachte aber Bushs Sieg von 1988 gegen Michael Dukakis nie in Gefahr.

Der "running mate", so wollen es die politischen Wahrsager wissen, müsse irgendwie immer komplementär oder gar konträr zum Kandidaten sein - geographisch, politisch, sozial, charakterlich. Doch auch das kann kein Grundgesetz sein. Kandidat Bill Clinton, seinerzeit Gouverneur im Südstaat Arkansas, suchte sich 1992 Al Gore aus, einen fast gleichaltrigen Senator aus dem benachbarten Südstaat Tennessee, und gewann mit seinem "Zwilling" gegen das Gespann Bush/ Quayle.

Unerfahren und „weich“

Wie sich der jugendlich-optimistische John Edwards gegen den staatsmännisch-gravitätischen Vizepräsidenten Dick Cheney in den Fernsehdebatten behaupten wird, bleibt abzuwarten. Die Republikaner werden Edwards als unerfahren in der Außen- und als "weich" in der Sicherheitspolitik hinzustellen versuchen. Ob Edwards im Süden die sich allmählich stabilisierende politische Dominanz der Republikaner erschüttern kann, ist fraglich, denn gerade dort erfreuen sich die in Fragen der nationalen Sicherheit und der Verteidigung als "hart" geltenden Republikaner stabilen Zuspruchs. Dafür dürfte die Botschaft vom Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zum millionenschweren Anwalt, Senator und "running mate" die frustrierten Wähler der unteren Mittelklasse ansprechen - jedenfalls mehr als die Familiengeschichte des betuchten Diplomatensohns Kerry.

John Nance Garner aus Texas hatte das Pech, von 1933 bis 1941 als wenig bedeutsamer Vizepräsident unter einer historischen Riesengestalt wie Franklin D. Roosevelt zu dienen. Er war nur einen Herzschlag und zugleich so weit wie nur irgend jemand vom Präsidentenamt entfernt. Der Job sei weniger wert als "ein Eimer warmer Pisse", sagte er frustriert, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen hatte. Wenn es heute noch so wäre, würden John Edwards und Dick Cheney gewiß nicht so einen Aufwand betreiben.

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