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Wahlkampf in Russland : Mit Kuhknochen gegen Putin

  • -Aktualisiert am

Doppelmonarchie: Putin und Medwedjew Bild: dpa

Dmitrij Gudkow kämpft in Russlands Provinz für die Opposition und greift dabei zu ungewöhnlichen Mitteln. Er lässt keine Möglichkeit aus, Moskau zu attackieren.

          3 Min.

          Der Kommunist in der Politikerrunde fordert die Verstaatlichung der Rohstoffindustrie. Wenn das erledigt sei, würden für Rentner, hier im Gebiet Tambow wie überall in der Föderation, Milch und Honig fließen. Ein Politiker der Putin-Partei Einiges Russland behauptet, im Gesundheitswesen habe es in der Provinz große Fortschritte gegeben. Dann greift Dmitrij Gudkow von Gerechtes Russland unter den Tisch, nestelt an einem Karton und hält plötzlich einen großen Knochen in die Kamera.

          "Das", sagt Gudkow in der Fernsehdebatte in der zentralrussischen Gebietshauptstadt Tambow, "ist der Knochen einer Kuh, und zwar einer, der wahrscheinlich imstande wäre, eine Katastrophe auszulösen." Deshalb sei er in luftdichter Plastikfolie verpackt. Der Knochen stamme von einem Tierfriedhof, auf dem einst auch Tiere verscharrt worden seien, die gefährlichen Seuchen zum Opfer gefallen seien. Geldgierige Bürokraten hätten das Gelände dennoch zum Abbau von Sand an eine Firma verkauft. Jetzt kämen die Knochen Zug um Zug ans Tageslicht. Da in der Nähe eine Wasserentnahmestelle sei, könnten Niederschläge dafür sorgen, dass gefährliche Keime ins Trinkwasser gerieten. Er habe Umweltschützer informiert, die hätten das alles in einer Blitzkontrolle herausgefunden und Knochen geborgen. Beamte des Gouverneurs hingegen hätten zuvor vom bloßen Hinsehen gewusst, dass Menschen keine Gefahr drohe. Lasse sich ein besseres Beispiel finden, dass im Staatsapparat "Diebe und Betrüger" sitzen? "Wir würden sie zum Teufel jagen, wenn ihr Bürger uns eure Stimmen gebt."

          „Diebe und Betrüger“

          Die Formel, Putins Partei Einiges Russland sei die Partei der "Diebe und Betrüger", stammt von dem bekannten Blogger Aleksej Nawalnyj und hat in Russland schnell weite Verbreitung gefunden. Gerechtes Russland hat diese Losung für den eigenen Wahlkampf aufgegriffen, um das Etikett abzustreifen, es sei nur eine von oben gegründete "zweite Kreml-Partei". Die Partei will sich nun als echte Opposition darstellen - hat in ihrer Wahlkampfversion von Nawalnyjs Losung aber darauf verzichtet, das Etikett "Diebe und Betrüger" direkt der Putin-Partei anzuheften.

          Gudkow lässt keine Möglichkeit aus, im regionalen Radio oder Fernsehen von Tambow die "Diebe und Betrüger" zu attackieren. Namen von Personen und Parteien meidet er dabei - sie zu nennen hieße, sich selbst die Wahlkommission oder gar den Staatsanwalt selbst auf den Hals zu hetzen. Auch so verstehe jeder, wer gemeint sei, sagt Gudkow. Immer mehr Menschen würden daher auch begreifen, dass Gerechtes Russland sich gewandelt habe, hofft er.

          Die Erfahrung als Wahlkämpfer in der Provinz zwischen Tambow und Rjasan hat den 30 Jahre alten Politiker gelehrt, dass es riskant ist, über Forderungen wie die Wiedereinführung der Volkswahl der Gouverneure oder die Umwandlung Russlands in eine parlamentarische Demokratie öffentlich zu diskutieren: "Die Menschen hier sind sehr konservativ und glauben, was ihnen eingetrichtert wurde, dass nämlich Wandel nur im Chaos enden könne." Mit dem Kuhknochen vom Tierfriedhof lasse sich aber beispielhaft verdeutlichen, wohin dieses Land treibe, wenn man einfach nur zuschaue.

          Firmen unter Druck gesetzt

          In seinen Wahlkampfzeitungen, die der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist spätabends im Café oder im Kleinbus zwischen zwei Wahlkampfterminen selbst entwirft, greift er einen anderen Skandal auf. Dieser müsse eigentlich jeden Russen "vom Stuhl hauen" und zu kritischen Fragen an die Obrigkeit führen, ganz gleich, wo er wohne. Gudkow schreibt über eine riesige Öllache von mehr als 2000 Tonnen bei Nowosibirsk. Die sei aber nur eine von etwa hundert dieser Art in Russland, die allesamt durch leckende Ölleitungen verursacht werden und Natur und Menschen schädigen.

          Auch berichtet er, wie Staatskonzerne die Probleme unter den Teppich kehren und die Staatsmacht wegschaut. Schon vor dem Wahlkampf hatte Gudkow gemeinsam mit Umweltschützern versucht, die Politik zum Handeln zu bewegen, war gegen die Lobby der Konzerne aber machtlos. So sehr ist Gudkow manchen Mächtigen mittlerweile auf die Nerven gegangen, dass er weiß, wie die Arrestzellen der Polizei von innen aussehen, in denen festgenommene Demonstranten "gegart" werden. Auch darüber schreibt er.

          Die Verteilung seiner Wahlzeitungen wird Gudkow schwergemacht: Die Firmen, die sie ausliefern sollten, würden von den Behörden unter Druck gesetzt - sie sollten die Verträge doch lieber rückgängig machen. Und im Fernsehen, dem für die Wahlkämpfer wichtigsten Medium, gebe es keine echten Debatten. Seit Politiker von Einiges Russland zu Beginn einige Male keine gute Figur gemacht hätten, dürften die Kandidaten zwar ihre Position darstellen - dann aber sei Schluss, diskutiert werde nicht.

          "Dima" Gudkow, der in der russischen Jugendnationalmannschaft Basketball spielte, bevor er vor zehn Jahren mit 20 in die Politik ging, hofft trotz aller Hindernisse, in diesem politischen Match einen Korbleger zu landen, der ihn am kommenden Sonntag in die Duma bringt.

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