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Wahlkampf in Österreich : Die Zuckerln der kleinen Riesen

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Im Wahlkampf: ÖVP-Spitzenkandidat Wilhelm Molterer (r.) und Umweltminister Josef Pröll Bild: REUTERS

Im österreichischen Wünsch-Dir-was-Wahlkampf scheint derzeit beinahe alles möglich: FPÖ-Chef Strache tanzt für junge Wähler, Haider mimt den Staatsmann, und die Wahlversprechen summieren sich auf sechs Milliarden Euro. Am 28. September wird ein neues Parlament gewählt.

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          Josef Klotz zieht die Augenbrauen hoch. Der Altbürgermeister von Leutasch zweifelt an den Erfolgsaussichten seiner Volkspartei in der Nationalratswahl am 28. September. „So sehr ich ihn mag, aber der Molterer wird wohl nicht Erster“, befindet der seit Jahrzehnten in der ÖVP Engagierte kurz und bündig. Edi Kiefl, sein Nachbar, stimmt zu. Beide sind überzeugt davon, dass Umweltminister Josef Pröll der zugkräftigere Spitzenkandidat gewesen wäre. 30 Prozent der Österreicher denken laut einer Umfrage wie sie, nur 17 Prozent der Befragten hielten demnach ÖVP-Chef Wilhelm Molterer für den geeigneten Kanzlerkandidaten.

          Dabei ist Molterer – „Pater Willi“, wie ihn seines Auftretens halber nicht allein die politischen Gegner nennen – seit 15 Jahren in der österreichischen Bundespolitik tätig, während sein sozialdemokratisches Pendant Werner Faymann vor der Demontage Alfred Gusenbauers außerhalb Wiens so gut wie unbekannt war. Doch der neue SPÖ-Vorsitzende ist dank medialer Unterstützung zweier Massenblätter sowie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der „Kanzlerfrage“ an Molterer vorbeigezogen und kommt bei den Demoskopen auf 24 Prozentpunkte. „Wenn es der Willi nicht schafft, Erster zu werden“ – das ist für die beiden Leutascher „so sicher wie das Amen in der Kirche“ –, dann werde er „von Pröll alsbald nach der Wahl abgelöst“. Schon nach der verlorenen Wahl 2006 hätte es „zur Verjüngung kommen müssen in der ÖVP-Führung“ – das räche sich jetzt.

          Schlappe für ÖVP erwartet

          Eine Schlappe für die Tiroler ÖVP auch in der Nationalratswahl zeichne sich bereits ab, unken Liesel und Irmgard, die Frauen der beiden Ruheständler: „Den Dinkhauser hätt’s gor nit erscht braucht.“ Der vormalige Arbeiterkammer-Präsident ist jener über die Grenzen Tirols hinaus bekannt gewordene Parteirebell, der in der Landtagswahl im Juni bei erstmaliger Kandidatur auf Anhieb 18 Prozent der Stimmen erhielt. Doch seine „Liste Fritz“ werde es in der Nationalratswahl ungleich schwerer haben, prognostizieren die beiden ÖVP-Anhänger. Die ihn gewählt hätten zwischen Kufstein und Arlberg, zahlten es ihm am 28. September heim, dass ihm „Tirol zu klein geworden“ sei, er das Innsbrucker Landhaus verschmähen und stattdessen gleich an die Wiener Ringstraße übersiedeln wolle.

          Agiert wie weiland Haider: Heinz-Christian Strache (FPÖ)

          Tatsächlich hat es Dinkhauser nicht leicht. Fehlende Parteistrukturen machen ihm bei der bundesweiten Kandidatur zu schaffen, wie er zugibt. Zwischen Vorarlberg und Burgenland ordentlich Wahlkampf zu machen, sei ein „enormer und kostspieliger Aufwand“, außerdem sei „die Wahrnehmung über das Fernsehen“ für Kleinparteien schwieriger, fügt er bedauernd hinzu. Dennoch glaubt er an einen „Stimmenanteil von vier bis sechs Prozent“. Dinkhauser zählt auf das „Gspür der Leut’, die einen totalen Neuanfang herbeisehnen“. Und setzt darauf, dass er „als dritte Kraft in einer Dreier-Koalition gebraucht“ werde.

          Bauunternehmer für höhere Spitzensteuersätze

          Diese Rolle übernähme gern auch das Liberale Forum (LiF). Heide Schmidt möchte gerne mitregieren. Vor allem aber möchte sie eine Koalition ermöglichen, der weder die Freiheitlichen (FPÖ) unter Hans-Christian Strache angehören noch das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), für das der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider wieder bundesweit in den Ring gestiegen ist. Frau Schmidt spricht landauf, landab von einer „historischen Wahl“. Sie hatte einst in der FPÖ ihre politische Karriere begonnen, bevor sie 1994 nach Konflikten mit dem damaligen Parteichef Haider das LiF gründete. In Kärnten erhofft sie sich für ihre Partei eine Art Initialzündung, in Wien dann den Durchbruch, um die Vier-Prozent-Hürde für die Rückkehr ins Parlament zu überwinden, dem die Liberalen zuletzt 1999 angehörten.

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