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Wahlkampf in Kenia : Die Normalität des Absurden

  • -Aktualisiert am

Kopf-an-Kopf-Rennen um die Präsidentschaft: Herausforderer Raila Odinga auf einer Wahlkampfveranstaltung Bild: AFP

Das Leben ist hart geworden, der Wunsch nach Wandel hängt über dem Wahlkampf in Kenia – am Dienstag wird gewählt. Noch stärker ist aber ein anderes Gefühl: die Angst, dass wieder gewalttätige Machtkämpfe ausbrechen.

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          Vor der Markthalle von Nunguni hält ein teurer Geländewagen. Direkt dahinter stoppt ein Pick-up-Truck mit monströs großen Lautsprechern und einem Stromgenerator auf der Ladefläche. Durch das Schiebedach des Geländewagens quetscht sich der Oberkörper von Kivutha Kibwana. Jedenfalls sieht der halbe Mann genauso aus wie der Typ auf den Plakaten, der für das Amt des Gouverneurs von Mukueni County kandidiert.

          In Kenia herrscht Wahlkampffieber. Am Dienstag wählt das Land ein neues Parlament, neue Lokalvertretungen und einen neuen Präsidenten. Präsident Uhuru Kenyatta und seine Jubilee-Partei treten dabei gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Raila Odinga an, der als Spitzenkandidat eines Oppositionsbündnisses namens Nasa (National Super Alliance) ins Rennen geht. Glaubt man den Umfragen, wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

          Amtsinhaber Uhuru Kenyatta wirbt um das Vertrauen der Wähler für weitere fünf Jahre.

          Der Nasa-Kandidat Kibwana knipst sein freundlichstes Lächeln an, dann legt er los: dass mit ihm als Gouverneur alles besser werde, die Lebensmittelpreise sinken werden und alle einen Job bekommen. Sein Fahrer macht sich derweil nicht einmal die Mühe, den Motor auszuschalten. Die Klimaanlage soll weiterlaufen. Zum Schluss entsteigt dem verbeulten Pick-up ein vornehm wirkender Herr in einen hellbraunen Anzug und stimmt ein Gebet an. Nach genau acht Minuten schließt sich das Schiebedach mit einem leisen Surren, und der frisch polierte Land Cruiser rauscht davon.

          Winifred Mwongesa schaut der Kolonne mit spöttischem Blick hinterher. „Wenigstens weiß der Mann jetzt, wo Nunguni liegt“, frotzelt die junge Frau mit dem keltischen Vornamen. Das ist nicht selbstverständlich, denn freiwillig verläuft sich kaum einer in die Mbooni Hills, rund drei Autostunden südöstlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Der Weg in das knapp 2000 Meter hoch gelegene Nunguni führt über die Schnellstraße Nairobi–Mombasa bis nach Salama, dann links in die nebelverhangenen Berge. Dort, wo nach knapp vierzig Kilometern die Asphaltstraße endet, beginnt Nunguni.

          Winifred Mwongesa

          Winifred Mwongesa betreibt ein Fastfood-Restaurant am nördlichen Ausgang von Nunguni, also zweihundert Meter von dem südlichen Ortseingang. Ein Becher Tee mit heißer Milch kostet bei ihr 20 Kenia-Shilling (15 Cent), ein Teller Reis mit gebratenem Ziegenfleisch und ordentlich Sauce umgerechnet einen Euro. Niemand drängt sich an den fünf Tischen. Die Geschäfte laufen schlecht. „Keiner hat Geld“, sagt Winifred und zuckt mit den Schultern. Was sie sich von den Wahlen verspricht? „Change“, kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück, ein Wechsel. „Es ist so viel, was im Argen liegt: Wasserversorgung, Sicherheit, Lebensmittelpreise, die kaputten Straßen, die schlechte Schulbildung.“ Dann setzt sie wieder diesen spöttischen Blick auf. „Hier wählt niemand Uhuru“, wie Präsident Kenyatta genannt wird, „wir wählen Nasa.“

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