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Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

  • -Aktualisiert am

Justin Trudeau im September in Truro Bild: Reuters

Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.

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          Justin Trudeau steht im Gang des Flugzeugs, das ihn eigentlich von einem umjubelten Wahlkampfauftritt zum nächsten bringen soll und blickt zerknirscht in die Kameras. „Ich denke, ich hätte das nicht tun sollen und es tut mir wirklich leid“, sagt der kanadische Premierminister, dessen liberale Partei am 21. Oktober wieder auf die Mehrheit der Stimmen hofft.

          Wenige Stunden zuvor veröffentlichte das „Time“-Magazine ein Foto von Trudeau, auf dem er mit dunkel geschminktem Gesicht und weißem Turban zu sehen ist. Das Bild stammt von einer Party im Jahr 2001, als Trudeau 29 Jahre alt war und als Lehrer arbeitete. Die Feier, die an der West Point Grey Academy in Vancouver stattfand, trug das Motto „Arabian Nights“. Das Foto stamme aus einem Jahrbuch und sei einem Geschäftsmann aufgefallen, der es an die Redaktion geschickt habe, schrieb das „Time“-Magazine und nannte den Auftritt „Brownface“.

          Ob Trudeau wegen des Fotos nun mit ähnlich viel Kritik rechnen muss wie kürzlich etwa Ralph Northam, der demokratische Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates Virginia, bleibt abzuwarten. Northam hatte fast sein Amt verloren, als angebliche Jahrbuch-Fotos von ihm in „Blackface“ aufgetaucht waren.

          In den Vereinigten Staaten geht „Blackface” auf die rassistischen „Minstrel“-Shows aus der Zeit der Sklaverei zurück und steht für die Geschichte systematischer Unterdrückung und ihre Verharmlosung. In Kanada ist die Geschichte des „Blackface“ weniger bekannt, es gab laut Philip Howard von der McGill Universität in Montreal aber auch hier „Minstrel“-Shows. Trudeau verkleidete sich allerdings nicht als Angehöriger einer in Kanada jahrhundertelang systematisch unterdrückten Gruppe, wie etwa der First Nations.

          Allerdings gilt es nicht nur in Amerika, sondern auch in anderen Ländern als rassistisch, wenn Weiße sich als Angehörige von Gruppen verkleiden, die grundsätzlich wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Er erkenne, dass es rassistisch gewesen sei, sich „als Aladdin“ zu kostümieren, sagte Trudeau in dem Video-Interview im Flugzeug. „Ich war damals nicht der Ansicht, dass das rassistisch sei, aber heute erkenne ich, dass es rassistisch war, das zu tun, und es tut mir zutiefst leid.“

          Oppositionsführer Andrew Scheer von den Konservativen sagte: „Ich war extrem geschockt und enttäuscht, als ich heute Abend von Justin Trudeaus Verhalten erfahren habe.“ Dessen Auftritt sei 2001 genauso als rassistisch zu werten gewesen wie im Jahr 2019. Der Premier sei „nicht dazu geeignet, dieses Land zu regieren“, so Scheer, der gern Trudeaus Nachfolger werden würde.

          Der Konservative Andrew Scheer würde gerne Kanadas Premierminister werden.

          Viele Menschen bewundern den 47 Jahre alten Trudeau nach wie vor als Shootingstar der Politik. Er brachte seiner Partei 2015 einen historischen Sieg ein, als die Wähler sie von 36 auf 184 Sitze im kanadischen Unterhaus katapultierten. Der Sohn des ehemaligen Premiers Pierre Trudeau galt schnell als progressiver Vorzeigepolitiker, wurde auch international als Gegenmodell zu Donald Trump in den Vereinigten Staaten und zu den Rechtspopulisten in Europa gefeiert. Trudeau war der erste Premierminister, der die Hälfte der Kabinettsposten an Frauen vergab. Die meisten Minister, die er berief, waren unter 50 Jahre alt, zwei stammten aus den First Nations des Landes und drei waren Sikhs. Es sei wichtig, dass das Kabinett mehr aussehe wie das Land, sagte Trudeau damals. Er hielt auch einige andere Versprechen, wie etwa die Legalisierung von Marihuana oder den Ausbau der Finanzhilfen für Eltern.

          Trudeaus positives Image bekam allerdings mit dem täglichen Regierungshandeln Risse. Auch ohne einen drohenden „Brownface“-Skandal gibt es in diesem Wahlkampf genug Angriffspunkte für seine Gegner. Mit einigen seiner wichtigsten Vorhaben scheiterte Trudeau bislang. So wollte er den Haushalt konsolidieren, was ihm nicht gelang – und auch eine Wahlrechtsreform konnte er nicht voranbringen. In der Asylpolitik enttäuschte der Premier viele, als er in diesem Jahr die Regeln für Menschen verschärfte, die bereits einen Antrag in einem sicheren Drittland stellten. Die Einwanderungspolitik ist eines der Felder, auf denen sich Trudeau gern deutlich von Trump absetzt. Immer wieder betont er, dass Kanada eine offene Gesellschaft sei und Flüchtlinge willkommen heiße.

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