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Wahlkampf in Frankreich : Der amtsinhabende Herausforderer

Im Hintertreffen: Nicolas Sarkozy Bild: dapd

Einen Bonus als Staatsmann hat Nicolas Sarkozy im Wahlkampf nie gehabt. Ihm schadet, dass die Franzosen seine Sprunghaftigkeit im Amt schon kennen. Vor seiner Angriffslust ist dabei nicht einmal die eigene Europapolitik sicher.

          4 Min.

          Als Wahlkämpfer ist Nicolas Sarkozy eine „exception française“, eine französische Ausnahme, in der Geschichte seit 1962, als die Direktwahl der Staatspräsidenten eingeführt wurde. Sarkozys Vorgänger im höchsten Staatsamt, die sich um ein zweites Mandat bewarben, zogen alle mit einem Präsidentenbonus in den Wahlkampf. Als erfahrene Staatenlenker gingen Jacques Chirac und François Mitterrand mit einem Vorteil ins Präsidentenrennen, als sie 2002 beziehungsweise 1988 eine zweite Amtszeit anstrebten. Selbst Valéry Giscard d’Estaing, dem die Wähler im Mai 1981 ein zweites Mandat verwehrten, hatte seinen Wahlkampf als Favorit begonnen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Nicolas Sarkozy aber hat sich in der Rolle des Herausforderers in die Kampagne gestürzt. Seiner offiziellen Kandidaturerklärung am 15. Februar waren wochenlang Umfrageergebnisse vorangegangen, die dem Sozialisten François Hollande einen eindeutigen Wahlsieg prophezeiten. Der amtierende Staatspräsident hingegen lag in der Gunst der Franzosen niedriger als sein eigener Premierminister. Gemessen an seinem Rückstand in allen Meinungserhebungen zu Jahresbeginn, hat der Kandidat Sarkozy in den vergangenen Wochen eine atemberaubende Aufholjagd zurückgelegt. Auch das unterscheidet ihn von seinen Amtsvorgängern, die im finalen Sprint vor dem ersten Wahlgang gegenüber ihren Rivalen zurückfielen.

          Ein Sammelsurium an Vorschlägen: „Das starke Frankreich“

          Die jüngste Sarkozy-Biographie heißt „Der Ungestüme“ („L’Impétueux“ von Catherine Nay). In seinem Wahlkampf wird der Präsident diesem Titel gerecht. Anders als 2007, als er mit dem Versprechen einer „rupture“, also eines Bruchs, mit Reformstau und Stillstand die damalige Aufbruchstimmung befeuerte, fehlt ihm 2012 ein Leitmotiv. Unter der Überschrift „Das starke Frankreich“ („La France forte“) hält er ein Sammelsurium von Vorschlägen notdürftig zusammen. Seine Kampagne steht dabei im Bann des erstarkten Populismus. Vom linken und vom rechten Rand werden die Errungenschaften von Sarkozys Präsidentschaft angegriffen und die Franzosen mit utopischen Versprechungen angelockt.

          Besonders spürbar wird das beim Thema Europa. Je besser Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon in den Umfragen dastehen, um so mehr flüchtet Sarkozy vor seiner insgesamt ehrenwerten Bilanz als Europapolitiker. Unter dem Einfluss seiner Berater Patrick Buisson, Emmanuelle Mignon und Henri Guaino hat sich der Kandidat Sarkozy europapolitisch neu positioniert. Vom besten Verbündeten der Bundeskanzlerin ist er zum entschlossenen Kritiker gefühlter europäischer Missstände mutiert. Als selbsterklärter Tabubrecher will er jene Franzosen für sich gewinnen, die 2005 gegen den europäischen Verfassungsvertrag stimmten.

          Deshalb verschweigt Sarkozy im Wahlkampf, dass ihm das Verdienst zukommt, im Zusammenspiel mit Angela Merkel Frankreich aus der europapolitischen Isolierung geholt zu haben, in die das gescheiterte Referendum das Land unter Chirac gestürzt hatte. Den Vertrag von Lissabon erwähnt Sarkozy in keiner Wahlkampfrede. Auch seine frühzeitige Eingebung, über Euro-Gipfeltreffen die Absprachen innerhalb der gemeinsamen Währungszone zu verbessern, taucht nur selten auf. Sogar den europäischen Fiskalpakt, den sein Konkurrent Hollande neu verhandeln will, setzte Sarkozy zuletzt kaum noch als Wahlkampfargument ein.

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