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Wahlkampf in der Ukraine : Poroschenko kriegt seinen Herausforderer nicht zu fassen

Petro Poroschenko wartet auf seinen Herausforderer Bild: dpa

Der ukrainische Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj scheint sich seines Sieges bei der Präsidentenwahl sicher zu sein. Amtsinhaber Petro Poroschenko lässt er einfach abblitzen.

          In der Ukraine geht die Diskussion über eine mögliche Wahlkampfdebatte weiter: Vor der Stichwahl zum Amt des Staatspräsidenten am kommenden Sonntag versuchte Amtsinhaber Petro Poroschenko am Sonntag, seinen Herausforderer zu fassen zu bekommen, den Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj. Doch er griff ins Leere: Während Selenskyj den 19. April, den vorletzten Abend vor der Wahl, als Termin ins Gespräch gebracht hatte, schlug Poroschenko zusätzlich den 14. April vor. Er selbst kam tatsächlich zum Kiewer Olympiastadion, vor dem viele Anhänger und eine Rockgruppe ihn erwarteten. Wer nicht kam, war der Herausforderer. Der Komiker scheint sich des Sieges sicher sein zu können: Umfragen zufolge liegt er mit etwa 30 Prozentpunkten Vorsprung vorne.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Selenskyj hat inhaltliche Debatten und Interviews fast völlig vermieden und ganz auf seine Bekanntheit aus dem Fernsehen gesetzt. Nicht einmal auf seinen Wahlplakaten war sein Gesicht zu sehen. Dafür strahlt der Privatsender 1+1 am Tag vor der Wahl über mehrere Stunden Sendungen aus der Produktionsfirma Selenskyj aus, teilweise wird auch der Schauspieler selbst zu sehen sein. Das gleiche hatte der Sender am Tag vor dem ersten Wahlgang getan; dem Vorwurf, damit werde das Gesetz verletzt, wonach der Wahlkampf am Tag vor der Wahl zu ruhen hat, entgegnete der Sender, hier werde Selenskyj „als Schauspieler“ gezeigt und nicht als Präsidentschaftskandidat.

          Poroschenko unternimmt derweil alles, um dem debattenscheuen politischen Neuling doch noch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er kündigte für den Fall eines Wahlsiegs umfassende Entlassungen in der Regierung an (mit Ausnahme der Minister für Äußeres und Verteidigung) und machte mit einem umstrittenen stellvertretenden Geheimdienstchef schon mal einen Anfang. Zugleich verkündete er, das seit langem im Aufbau befindliche Antikorruptionsgericht sei jetzt endlich eröffnet. Dass Deutschland der Ukraine 85 Millionen Euro versprochen habe, um das Schicksal der Flüchtlinge aus der besetzten Ostukraine zu lindern, wertete er als „Signal der Unterstützung für unser Land“.

          Auf sehr gemischte Reaktionen stieß jedoch eine neue Plakatkampagne des Poroschenko-Teams. Das Motiv zeigt den Amtsinhaber und Russlands Präsidenten Wladimir Putin, die sich in die Augen blicken, dazu die Worte: „Die entscheidende Wahl“. Zu den Appellen an Patriotismus und Wehrhaftigkeit gegenüber Russland passte auch die vom Verteidigungsministerium verbreitete Nachricht, Selenskyj sei in den vergangenen Jahren viermal zur Musterung vorgeladen worden, habe die Vorladungen jedoch ignoriert.

          Im Stadion rief Poroschenko den Herausforderer auf, mit ihm an diesem Montag eine Fernsehdebatte zu bestreiten – er selbst werde im Studio sein. Er spielte auch auf die Auslandsreisen beider am Freitag an – Poroschenko und Selenskyj waren beide getrennt in Paris von Präsident Emmanuel Macron empfangen worden, Poroschenko außerdem in Berlin von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Der Urlaub in Paris ist vorbei“, sagte der Amtsinhaber, jetzt sei Debattenzeit. Darauf ging Selenskyj nicht ein. Stattdessen lobte er seine erste Begegnung mit Macron: „Eine sehr konstruktives Treffen. Ich habe einen Anführer des vereinten Europas getroffen. Es hat mir gefallen.“

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