https://www.faz.net/-gpf-8m55h

Wahlkampf in Amerika : Die Medien haben ihren Auftrag vergessen

  • -Aktualisiert am

Journalisten verfolgen die erste TV-Debatte im Pressezentrum Bild: Reuters

Im amerikanischen Wahlkampf kommen viele Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht nicht mehr nach. Sie setzen die erfahrene Clinton und den politischen Dilettanten Trump gleich. Doch diese Komplexitätsreduktion gibt es nicht nur in Amerika. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Nach der Präsidentschaftsdebatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hielt man ihn endgültig für erledigt. Clinton argumentierte sachlich und mit politischem Verstand. Ihr republikanischer Konkurrent schniefte, als habe er gerade gekokst, fiel Clinton ins Wort und fabulierte ziemlich viel zusammen. Kurzum, Trump war der Rüpel, den man nicht auf seiner Party haben will, geschweige denn im Weißen Haus. Sieben Tage später, liegen die Ergebnisse einer von CNN in Auftrag gegebenen Umfrage vor. Ist es das Aus für Donald Trump? Weit gefehlt. Immer noch wollen 42 Prozent der Amerikaner ihn wählen. Clinton führt mit nur mageren fünf Prozentpunkten.

          Gunda Trepp ist Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule und lebt als Autorin in Berlin und San Francisco.

          Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, dass ein Prahlhans neben einer in der Weltpolitik erfahrenen Frau wie Hillary Clinton überhaupt bestehen kann? Dass jemand wie er ernsthafte Aussichten hat, das wichtigste Amt der Welt zu übernehmen? Jemand, den Nicholas Kristof in der „New York Times“ vor kurzem als „Verrückten“ bezeichnete. Jemand, der zumindest eine so starke narzisstische Störung hat, dass er ihren Impulsen alles unterordnet, wie er 80 Millionen Fernsehzuschauern in der Debatte eindrücklich bewies?

          Wir kennen die üblichen Begründungen: Die Regierung hat sich in den vergangenen Jahren vor allem auf Minderheiten fokussiert, während sich die Mittelschicht finanziell in die Enge getrieben fühlt. Ganze Industrien sind weggestorben. Die Arbeitslosen werden ins System eingepreist und verwaltet. Menschen fühlen sich von Politikern nicht mehr respektiert. Sie sehnen sich nach etwas völlig Anderem. Doch dass die amerikanischen Bürger diese Alternative in Trump sehen, haben auch Journalisten zu verantworten. Monatelang haben vor allem die großen Fernsehsender und Massenmedien den Amerikanern suggeriert, dass Clinton aus genau demselben Holz wie er geschnitzt sei.

          Jede ihrer politischen Dummheiten wurde zum Skandal aufgeblasen. Aufgeregte Moderatoren kauten selbst Vorwürfe, die sich bald als substanzlos erwiesen, wochenlang wieder, wie jenen, dass sie in Entscheidungen als Außenministerin Interessen der Clinton- Stiftung berücksichtigt habe.

          Und plötzlich stand sie gleichauf mit einem politischen Dilettanten, der den russischen Autokraten Putin bewundert, für mehr Atomwaffen plädiert, Frauen, Muslime und Lateinamerikaner beleidigt, Spenden an seine Stiftung für private Zwecke nutzt und nachweislich in mehr als der Hälfte seiner Behauptungen lügt. Dennoch halten ihn 45 Prozent der Wähler für ehrlich und vertrauenswürdig. Clinton? Gerade mal 41 Prozent.

          Sie hat zweifellos Fehler gemacht. E-Mails einer Außenministerin auf einem privaten Server zu horten, ist wahrscheinlich nicht nur dämlich, sondern riskant. Doch der Satiriker John Oliver bringt es wunderbar auf den Punkt. Wenn man Charaktermängel von Hillary Clinton und Donald Trump mit Rosinen vergleiche, sagt Oliver – gerade mit einem Emmy ausgezeichnet – dann könne man sich Hillary als einen dieser Cookies mit eingebackenen Rosinen vorstellen. Charaktermängel, die keiner möge, die jeder Politiker aber leider nun mal habe, sie wohl mehr als andere. „Trump dagegen?“, faucht Oliver in die Kamera, während er in herunterregnenden Rosinen zu verschwinden droht, „He is a fucking raisin monsoon.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist verärgert: der Künstler Gerhard Richter

          Gerhard Richter verärgert : „Lästig und unerfreulich“

          Unbekannte versuchen seit Jahren, Arbeiten von Gerhard Richter, die aus den 1950er Jahren stammen sollen, für eine hohe Millionensumme zu verkaufen. Der Künstler ist sauer und sagt: „Die meisten Sachen sind nicht von mir.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.