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Wahlkampf Amerika : Wettbewerb der Jobwunderversprecher

  • -Aktualisiert am

Zur Mitte? Michele Bachmann war kaum noch gefragt, Mitt Romney und Rick Perry (von links) dominierten die Debatte Bild: REUTERS

Es scheint, als begriffen die Republikaner, dass sie Obama nur in der Mitte besiegen können. Die Debatte der Kandidaten dominierten drei frühere Gouverneure. Trotz inhaltlicher Differenzen waren sie sich in einem Punkt einig: Obamas Fehler.

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          Der Debütant hatte nach Überzeugung des Publikums einen starken Auftritt. Aber auch der bisherige Hauptdarsteller zeigte sein Können. Schließlich bot sich der Inhaber einer Nebenrolle für größere Aufgaben an. Der Rest waren Statisten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Rick Perry, seit Dezember 2000 Gouverneur von Texas und damit der mit Abstand am längsten dienende Regierungschef aller 50 Bundesstaaten, nahm in der Nacht zum Donnerstag erstmals an einer Debatte republikanischer Präsidentschaftskandidaten teil. Die Diskussion fand im Präsidentenmuseum von Ronald Reagan in Simi Valley im Süden Kaliforniens statt. Nancy Reagan, die Witwe des einstigen Präsidenten, inzwischen 90 Jahren alt und mitunter wackelig auf den Beinen, saß im roten Kostüm in der ersten Reihe und verfolgte die zweistündige Debatte aufmerksam.

          Weltanschauliche Differenzen

          Seine Kandidatur hatte Perry, der inzwischen 61 Jahre alt ist, aber mit seinen markanten Zügen und dem unglaublich dichten dunklen Haupthaar beinah jugendlich wirkt, erst vor gut drei Wochen angekündigt – und war gleich an die Spitze der Beliebtheitsskala aller republikanischen Präsidentschaftskandidaten geschossen. Das musste vor allem dem vorherigen Spitzenreiter Mitt Romney missfallen, dem früheren Gouverneur von Massachusetts. Noch mehr aber sah sich Michele Bachmann, Abgeordnete aus Minnesota und Favoritin der konservativen Tea-Party-Bewegung, aus dem Rampenlicht gedrängt. Sie hatte Ende Juni, ebenfalls relativ spät, ihre Kandidatur verkündet und war sogleich Romney auf den Fersen. Der Kampagne Frau Bachmanns aber scheint schon die Luft auszugehen: Ihr Manager, ein erfahrener Wahlkampfveteran, ist soeben zurückgetreten, und auch beim Spendensammeln geht es nicht mehr voran wie vordem. Frau Bachmann hatte am Mittwochabend wenig Substanz zu bieten – wurde von den Moderatoren aber auch kaum zu Wort gebeten.

          Der frühere „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Newt Gingrich, der temperamentvoll und eloquent die weltanschaulichen Differenzen der versammelten acht Kandidaten einzuebnen versuchte und seine Angriffe auf Präsident Barack Obama konzentrierte, dürfte weiter ebenso chancenlos sein wie der ehemalige Senator aus Pennsylvania Rick Santorum, der libertäre texanische Abgeordnete und Dauerpräsidentschaftskandidat Ron Paul und der Unternehmer Herman Cain.

          Mit Sachverstand und Schlagfertigkeit

          Der frühere Gouverneur von Utah Jon Huntsman wiederum leidet darunter, dass ihn zu wenige Amerikaner kennen. Als telegener Kandidat mit Erfahrung auch als Unternehmenslenker und amerikanischer Botschafter in Peking, der mit seinen gemäßigten Positionen etwa in der Sozial- und Umweltpolitik die wahlentscheidenden Wechselwähler in der politischen Mitte anspricht, verfügt er aber über das vollständigste Paket aller Kandidaten.

          Auch diese Debatte stand wie bald jede politische Auseinandersetzung dieser Tage im Zeichen der Düsternis am Arbeitsmarkt. Nicht zufällig entwickelte sich die Diskussion zu einem Dreierwettkampf zwischen Romney, Perry und Huntsman, wer als Regierungschef seines jeweiligen Bundesstaates die meisten Arbeitsplätze geschaffen habe. Perry wie Romney vermochten im direkten Wechselgespräch mit Sachverstand und Schlagfertigkeit zu überzeugen, wobei vor allem Romney gelöster und volksnäher wirkte als ehedem. Huntsman rief dazwischen, er habe als Gouverneur von Utah von 2005 bis 2009 in allen Bundesstaaten relativ zur Bevölkerungsgröße die meisten neuen Jobs schaffen können – mehr als in Texas und schon gar in Massachusetts. Wenn man die Nummer eins haben könne, sollte man sich nicht mit weniger zufriedengeben, sagte Huntsman, an „meine Freunde“ Perry und Romney gerichtet.

          „DasLand wieder zum Laufen bringen

          Seine Haltung als Zentrist bekräftigte Huntsman auch im Schlagabtausch zum Klimawandel. „Wenn die Republikanische Partei gewinnen will, dann können wir nicht vor der Wissenschaft davonlaufen“, sagte er und erinnerte daran, dass 98 Prozent der Klimaforscher glaubten, der Mensch und sein Wirtschaften beeinflussten das Klima. Perry erwiderte, die wissenschaftliche Debatte sei noch nicht abgeschlossen: „Die Vorstellung, die amerikanische Wirtschaft wegen ungesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu gefährden, ist in meinen Augen reiner Unsinn.“

          Einig waren sich alle Kandidaten, dass Obamas Gesundheitsreform rückgängig gemacht werden müsse und dass der Präsident und die Demokratische Partei mit ihren schuldenfinanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Krise in der Wirtschaft und vor allem auf dem Arbeitsmarkt verschärft hätten. „Die Amerikaner suchen nach jemandem, der das Land wieder zum Laufen bringt“, sagte Perry, der ein ums andere Mal Texas als Modellstaat pries. Präsident Obama sei „ein netter Kerl“, sagte Romney, „aber er hat keine Ahnung von der Wirtschaft. Ich schon.“ Huntsman schließlich beklagte, dass Obama bei seinen Reden an seinen Teleprompter gekettet scheine, statt „auf eigenen Füßen zu stehen und mit Herz zu sprechen“. Perry sorgte für einige Aufregung, als er die staatliche Rentenversicherung „Social Security“ in der gegenwärtigen Form als „betrügerisches Pyramidensystem“ anprangerte, worauf ihn Romney wegen radikaler Ansichten geißelte. Millionen Senioren finanzierten schließlich ihren Lebensabend wesentlich mit Rentenzahlungen aus der „Social Security“-Kasse – so einseitig wie Perry dürfe man da nicht argumentieren, sagte Romney.

          Präsident Obama wird am Vorabend seiner großen Rede vor dem Kongress nervös bemerkt haben, dass die Republikaner ihm gefährlicher werden. Die Bewegung zur Mitte hat begonnen.

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