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Wahlen in Sudan : Babylonische Zettelverwirrung

  • -Aktualisiert am

Ein Helfer erklärt, wie die Wahl funktioniert Bild: AFP

Der alte Mann ist erschöpft. Seit fünf Uhr morgens ist er unterwegs, um im acht Kilometer entfernten Wahllokal seine Stimme abzugeben. Doch die Wahlen in Sudan verlaufen nicht ohne Komplikationen.

          Der alte Mann ist erschöpft. Seit fünf Uhr morgens sei er unterwegs, erzählt er, habe sich früh aufgemacht zu dem acht Kilometer entfernten Wahlbüro in Mogiri, um dem Staub und der Hitze zu entgehen, die sich von Mittag an wie eine Käseglocke über das Land legt. Seine Tochter, die lesen kann, hat ihn begleitet, und nun stehen beide vor dem Wählerverzeichnis, das an einer Strohwand ausgehängt ist, doch sie können seinen Namen nicht finden. Dann stellen die beiden fest, dass er doch draufsteht, allerdings falsch geschrieben. Nicht Salomon Nul Deng Lunumba, sondern Nul Lunumba Salomon Deng.

          Immerhin, das Missverständnis ist schnell ausgeräumt, schließlich hat der Alte die richtige Registrierungsnummer. Er kann wählen und die Wahlhelfer drücken ihm acht Wahlzettel in der Hand, auf denen er sage und schreibe zwölf Mal abstimmen soll. „Das ist alles sehr kompliziert“, stöhnt er.

          16 Millionen Sudanesen sind seit Sonntag und noch bis zum Dienstag aufgerufen, neue Regionalvertretungen zu wählen, neue Gouverneure, ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten. Im halbautonomen Süden kommt noch die Wahl des Präsidenten Südsudans hinzu. Es sind die ersten Mehrparteienwahlen in Sudan seit 24 Jahren, und speziell im Süden des Landes sind es für die Mehrzahl der Menschen die ersten Wahlen überhaupt. Etliche Parteien aus dem muslimischen Norden boykottieren diese Wahlen, weil sie der Regierungspartei von Präsident Omar al Baschir Wahlfälschung unterstellen, was diese zurückweist. Baschir gilt im Norden als Favorit, im Süden hat er nichts zu melden, und ob in der Krisenregion Darfur, wo der Ausnahmezustand herrscht, überhaupt genügend Wahlbüros öffnen, werden erst die kommenden Tage zeigen.

          In der Box: Material für ein Wahllokal

          „Die haben alles verwechselt“

          Der Weiler Mogiri rund 40 Kilometer außerhalb der südsudanesischen Hauptstadt Juba besteht aus einer Ansammlung von Strohhütten. Die einzigen soliden Gebäude sind die Unterkünfte für die südsudanesische Armee, die hier einen Stützpunkt unterhält. Anthony Kamba ist der Chef der Wahlhelfer in Mogiri, ein junger Mann, der sagt, er sei im Hauptberuf „Dichter“. Das Wahllokal hat er unter einer großen Schirmakazie aufgeschlagen und den Eingang mit Absperrband und einen paar Stöcken markiert. Trotzdem guckt Anthony gequält.

          Zwar hat in seinem Wahlbüro im Gegensatz zu vielen anderen die Anlieferung der Wahlunterlagen und der nicht abwaschbaren Tinte geklappt, mit der jeder Wähler markiert wird. Doch kaum einer der 821 in seinem Wahlbüro eingetragenen Wähler findet seinen Namen auf der Liste. Das habe damit zu tun, dass die Namen bei der Registrierung in Englisch erfasst worden seien, dann aber in Khartum von arabischsprachigen Mitarbeitern der Wahlkommission in die Computer eingegeben worden seien. „Die haben natürlich alles verwechselt: den Vornamen mit dem Familiennamen, den Namen des Vaters mit dem des Großvaters“, klagt Anthony. Aber man wähle drei Tage lang. Das werde reichen, um alles auszusortieren, glaubt er.

          Der Alte dreht den Zettel mit den Präsidentenkandidaten hin und her. Er erkennt das Foto von Yassir Arman, dem Kandidaten der ehemaligen südsudanesischen Befreiungsbewegung „Sudan People's Liberation Movement“ (SPLM), der ursprünglich für das Präsidentenamt in Khartum kandidierte, aber dann mit dem Hinweis auf die „mangelnde Transparenz“ der Nationalen Wahlkommission seine Kandidatur zurückzog. Natürlich will der Alte für ihn stimmen, das hier ist schließlich der Süden, hier geht kein Weg an der SPLM vorbei. Doch die Wahlhelfer informieren ihn, dass er weder für Yassir Arman noch für Sadiq al Mahdi von der Umma Party stimmen kann, weil die beiden die Präsidentenwahl boykottieren. Der Mann soll sich einen anderen Kandidaten suchen.

          Kurze Beratschlagung mit der Tochter. Beide beugen sich über den Wahlzettel. Doch derjenige für die Präsidentenwahl ist auf Arabisch verfasst. Das kann auch die Tochter nicht lesen.

          Der Alte lässt den Wahlzettel in den Staub fallen und humpelt zur nächsten Urne. Dort wird der Präsident Südsudans gewählt. Der heißt Salva Kiir - und den kennt der Alte. Sein Gesicht strahlt. „Kiir ist mein Präsident“, sagt er. „Für ihn bin ich heute hergekommen.“

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