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Präsidentschaftswahl : Warum sind die Russen so zufrieden mit Putin?

  • -Aktualisiert am

Ein Wahlplakat in St. Petersburg, das den russischen Präsidenten Putin zeigt. Auf dem Plakat steht: „Ein starker Präsident – ein starkes Russland“. Bild: dpa

Wladimir Putin ist die nächste Amtszeit als Präsident nicht mehr zu nehmen. Einen echten politischen Wettbewerb gibt es nicht – doch den Großteil der russischen Bürger stört das nicht.

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          Kurz vor der Präsidentenwahl am Sonntag ist die Lage in Russland angespannt. Machtdemonstrationen wie die Annexion der Krim, die Bombardements in Syrien oder die Aussagen über das neue Atomwaffenarsenal können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftliche Lage alles andere als rosig ist. Zudem droht die diplomatische Krise nach der Nervengift-Attacke auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal zu eskalieren. Großbritannien hat am Mittwoch angekündigt, alle bilateralen Kontakte mit Moskau auszusetzen. 23 russische Diplomaten müssen das Land verlassen. Russland kündigte seinerseits Vergeltung für die Strafmaßnahmen an. Unter diesen Umständen könnte man meinen, dass die Popularität des russischen Präsidenten leiden müsste. Doch die Stimmung unter den Wählern spricht eine andere Sprache.      

          Umfragen des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada zeigen ein klares Bild: Über 80 Prozent der Befragten sind mit der Arbeit von Wladimir Putin als russischem Präsidenten zufrieden. 66 Prozent gaben außerdem an, dass sie Putin nach der Wahl wieder im Amt sehen wollen. Gefragt nach der Person des öffentlichen Lebens, der sie am meisten vertrauen, antworteten 55 Prozent: Putin. Wie schafft es der Mann, der seit 18 Jahren die Geschicke Russlands lenkt, immer noch derart hohe Zustimmungswerte zu erreichen?  

          Ein Grund dafür ist sicherlich die allgemeine Stimmung in der russischen Gesellschaft. Jene Bürger, die sich einen liberaleren Kurs bei der Innenpolitik und eine Verringerung der Konfrontation mit dem Westen auf der außenpolitischen Bühne wünschen, sind klar in der Minderheit. „Sehr viele Russen wollen auf keinen Fall, dass die chaotischen neunziger Jahre zurückkommen“, sagt die Direktorin der Forschungsstelle für Osteuropa an der Universität Bremen, Susanne Schattenberg, im Gespräch mit FAZ.NET.

          „Gar nicht so wenige Russen sagen, dass die freie Demokratie nicht unbedingt etwas für sie ist. Eine freie liberale Demokratie scheint keinen absoluten Wert wie im Westen zu haben. Man ist mittlerweile auch stolz auf ein eigenes politisches System, das einen gewissen Grad an Stabilität gebracht hat und wieder Stärke nach außen bringt.“ Den noch Anfang der neunziger Jahre weit verbreiteten Gedanken, dass Demokratie per se erstrebenswert sei, müsse man heute relativieren, sagt Schattenberg. Diese liberale Idee sei mittlerweile bei einem Großteil der russischen Bevölkerung diskreditiert. 

          Die „russische Stärke“ als Argument

          Auch die schlechte wirtschaftliche Lage Russlands spiele bei der politischen Meinungsbildung kaum eine Rolle. „Historisch bedingt war der Lebensstandard immer niedrig. Im Gegensatz zu Deutschland war das Bruttosozialprodukt nie etwas, worauf die Politik gebaut hat“, sagt Russland-Fachfrau Schattenberg. Hinzu komme, dass Putin und seine Vertrauten die „Nationalstolzkarte“ gekonnt einsetzten – und gezielt Ängste schürten, dass Feinde von außen Russland schaden wollten.

          Auch der Konflikt mit Großbritannien im Fall Skripal könnte Putin in diesem Zusammenhang in die Hände spielen. Denn so kann er von einer weiteren äußeren Bedrohung und einer unfairen Behandlung Russlands sprechen – vor der nur er sein Land schützen kann.

          Die Feindbilder Vereinigte Staaten, EU und allgemein der Westen beziehungsweise die Nato kommen bei russischen Wählern relativ gut an. Spätestens seit dem sogenannten Euromajdan 2013, der ukrainischen Protestwelle gegen den Präsidenten Viktor Janukowitsch, wandelte sich das gesellschaftliche Verhältnis zu den Amerikanern und der EU. Laut den Umfragen des Lewada-Zentrums hat ein Großteil der russischen Bevölkerung seitdem eine negative persönliche Einstellung zum Westen.

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