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Wahlen in Brasilien : Der verpuffte Bolsonaro-Effekt

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro am Sonntag in Rio de Janeiro Bild: EPA

Dutzende Kandidaten waren zu den Kommunalwahlen in Brasilien unter dem Namen „Bolsonaro“ angetreten. Sie erhofften sich davon Wählerstimmen. Vergebens. Auch der „echte“ Bolsonaro erhielt einen Dämpfer.

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          Präsident Jair Bolsonaro hat es nicht geschafft, seine Macht auch auf kommunaler Ebene zu verankern. Das zeigen die Ergebnisse der Stichwahl um die noch vakanten Bürgermeisterämter in Brasilien vom Sonntag. Sie bestätigen damit den Trend des ersten Wahlgangs, in dem bereits die meisten der von Bolsonaro unterstützten Kandidaten ausgeschieden waren. Am Sonntag erlitt nun auch der vom Präsidenten geförderte Bürgermeister von Rio de Janeiro, Marcelo Crivella, eine deutliche Niederlage gegen den Herausforderer und früheren Bürgermeister Eduardo Paes von den konservativen „Democratas“ (DEM).

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Niederlage in Bolsonaros Wahlheimat Rio ist für ihn besonders schmerzhaft. Denn der evangelikale Crivella ist der Neffe des Gründers der Universalkirche, Edir Macedo, der als einer der engsten Verbündeten Bolsonaros in evangelikalen Kreisen gilt. Der Sieg von Paes steht exemplarisch für eine Rückbesinnung der Wähler auf die traditionellen Kräfte des sogenannten „Centrão“, der „großen Mitte“. Die Kandidaten dieses weiten und von zahlreichen Parteien besetzten Feldes setzten sich vielerorts gegen linke und rechte Konkurrenten durch.

          In São Paulo gewann der liberale bisherige Bürgermeister Bruno Covas von der traditionellen „Partei der Brasilianischen Sozialdemokratie“ (PSDB), er setzte sich gegen Guilherme Boulos von der „Partei für Sozialismus und Freiheit“, (PSOL) durch. Bolsonaros Favorit, der evangelikale frühere Fernsehmoderator Celso Russomanno, war nach einem regelrechten Absturz in den Umfragen bereits im ersten Wahlgang ausgeschieden.

          Bolsonaros lustlose Unterstützung

          Der Sieg von Covas spielt dem Gouverneur des Bundesstaates São Paulo, João Doria, in die Hände. Der liberale Politiker hat sich in den vergangenen Monaten zu einem der stärksten politischen Gegenspieler Bolsonaros im liberal-konservativen Spektrum entwickelt. Die Kommunalwahlen haben Bolsonaro Grenzen aufgezeigt. Die Gründe für das schlechte Abschneiden seines Lagers sind vielschichtig. Einerseits liegt es am Charakter der Kommunalwahlen, für deren Ausgang auch in Brasilien konkrete politische Fragen wichtiger sind als ideologische Grabenkämpfe.

          Die Polarisierung, die Bolsonaro vor zwei Jahren zum Wahlsieg verholfen hatte, war diesmal weniger stark ausgeprägt. Hinzu kommt, dass Bolsonaro derzeit parteilos ist. Für die Anhänger des Präsidenten war es dadurch nicht immer auszumachen, welche Kandidaten Bolsonaros Lager zugerechnet werden können. Bolsonaro hatte es vor dem ersten Wahlgang bei einer recht lustlos vorgetragenen Auswahl „seiner“ Kandidaten belassen. In seinen regelmäßigen Liveübertragungen in den sozialen Netzwerken sprach er eine ganze Reihe von Empfehlungen aus und hielt Wahlplakate in die Kameras. Auf Auftritte an der Seite der Auserwählten hatte er aber weitgehend verzichtet.

          Es ist auch fraglich, ob das geholfen hätte. War Bolsonaro vor zwei Jahren noch nahezu ein Selbstläufer, auf dessen Erfolgswelle viele mitgeritten waren, so stellte sich in den Kommunalwahlen praktisch kein „Bolsonaro-Effekt“ ein. Deutlich hatte sich das auch bei den Wahlen für die Abgeordneten der Stadtparlamente im ersten Wahlgang gezeigt. Da in Brasilien eine Kandidatur unter einem Spitznamen möglich ist, hatten sich Dutzende Kandidaten mit dem Namen Bolsonaro in die Listen eintragen lassen. Aber nur einer von ihnen wurde gewählt: Carlos Bolsonaro, der Sohn des Präsidenten, der weiterhin im Stadtrat von Rio de Janeiro sitzen wird. Selbst Bolsonaros frühere Ehefrau wurde nicht in den Stadtrat gewählt; auch Carlos Bolsonaro büßte im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren zahlreiche Stimmen ein.

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