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Wahlen in Brasilien : Großes Solo für Bolsonaro

Kurz vor dem Messerangriff: Bolsonaro wird von seinen Anhängern umjubelt. Bild: AP

Die letzte Fernsehdebatte vor der brasilianischen Präsidentenwahl am Sonntag findet ohne den führenden Rechtspopulisten Jair Bolsonaro statt. Trotzdem steht er im Scheinwerferlicht.

          Wie immer fand die letzte Fernsehdebatte im marktdominierenden Sender TV Globo statt, gleich nach der Telenovela, wenn halb Brasilien vor dem Fernseher sitzt. Es war vermutlich die letzte Gelegenheit für die Präsidentschaftskandidaten, im letzten Moment noch eine Trendwende herbeizuführen, um den Einzug in die Stichwahl Ende Oktober zu schaffen. Doch der, den alle angreifen wollen, war gar nicht anwesend: Der rechtsradikale Kandidat Jair Bolsonaro, der vor vier Wochen eine Messerattacke erlitt, war am Donnerstag von seinen Ärzten zurückgepfiffen worden. Die Debatte sei physisch zu anstrengend für Bolsonaro.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Kontrahenten ärgerten sich. Und sie gerieten in Rage, als sie erfuhren, dass Bolsonaro dem Sender TV Record am Donnerstag ein exklusives Interview gegeben hatte, welches just zur selben Zeit ausgestrahlt werden würde wie die Fernsehdebatte bei TV Globo. Mehrere Kandidaten wurden beim Obersten Wahlgericht vorstellig, um den medialen Solo-Lauf Bolsonaros zu verhindern. Erfolglos. Und so hatten die brasilianischen Fernsehzuschauer am Donnerstagabend die Wahl zwischen der Debatte bei TV Globo oder einem Interview mit Bolsonaro bei TV Record. Man darf gespannt sein auf die Einschaltquoten.

          Ein Achtel der Bevölkerung

          Weshalb TV Record Bolsonaro eine solche Bühne eröffnete, lässt sich einfach erklären. Mit den Einschaltquoten hat es wenig zu tun: TV Record gehört zu 90 Prozent dem Milliardär Edir Macedo – einem selbsternannten Bischof und Gründer der evangelikalen „Universalkirche vom Reich Gottes“. Die ist nicht nur eine der größten evangelikalen Kirchen der Welt, sondern ein gigantischen Imperium mit Millionen von Gläubigen, unzähligen Tempeln und einer ganzen Reihe von Radio- und Fernsehsendern. Edir Macedo hatte vergangene Woche Bolsonaro öffentlich seine Unterstützung ausgesprochen. Er ist nicht der einzige Evangelikale, der Bolsonaro am Sonntag seine Stimme geben wird. Die Hälfte der rund 50 Millionen Evangelikalen in Brasilien wird dies ebenso tun. Das ist ein Achtel der Bevölkerung.

          Bolsonaro, der in der Vergangenheit immer wieder durch ausfällige Äußerungen gegen Frauen, Schwarze oder Schwule aufgefallen war und zudem die Militärdiktatur verherrlicht, führt die Umfragen für die Wahl am Sonntag weiter mit über dreißig Prozent an. Negativkampagnen der Gegner, riesige Frauendemonstrationen und unangenehme Enthüllungen aus seiner Vergangenheit – nichts scheint dem Rechtspopulisten etwas anhaben zu können. Im Hinblick auf den ersten Wahlgang der Präsidentenwahl am Sonntag bleibt deshalb nur die Frage, ob der zweitplatzierte Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT den Einzug in die Stichwahl ebenfalls schafft. Haddad, der vom früheren Präsidenten Lula da Silva aus der Gefängniszelle heraus gecoacht wird, hatte zuletzt mit wachsender Ablehnung zu kämpfen.

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