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Wahl in Südkorea : Der „Macher" und die Moralisten

  • -Aktualisiert am

Fühlt sich schon als Sieger: Lee Myung-bak Bild: AP

An diesem Mittwoch wählt Südkorea: Seit Monaten führte Lee Myung-bak, der Kandidat der südkoreanischen Nationalparte, in allen Umfragen. Statt um Inhalte kreiste der Wahlkampf um Moral und Finanzen des Favoriten. Denn der hat keine völlig weiße Weste.

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          Der Wahlkampf zur Präsidentenwahl in Südkorea, die an diesem Mittwoch stattfindet, war lebhaft, ja leidenschaftlich. Nimmt man alle Äußerungen zum Nennwert, ging es um die Wahl zwischen Gut und Böse. Nur um Inhalte ging es eigentlich kaum. Vielmehr standen meist „Charakterfragen“ im Mittelpunkt. Dabei sagen alle Meinungsforscher, dass das entscheidende Thema für die Wähler die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahren sei.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Zwar ist Südkorea mit einer offiziellen Arbeitslosenrate von drei Prozent und ziemlich soliden Wachstumsraten in einer vergleichsweise komfortablen Lage, aber es gibt eine gefühlte Krise im Land. Das liegt zum einen daran, dass in den vergangenen Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich gewachsen ist. Zudem muss sich ein großer Teil der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen über Wasser halten. Schul- und Universitätsabsolventen haben es schwerer als früher, einen ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz zu finden.

          Wirtschaftswunder wiederholen

          Alle diese Faktoren wirken zugunsten des Kandidaten der oppositionellen konservativen Großen Nationalpartei (GNP). Der ehemalige Oberbürgermeister der Hauptstadt Seoul, Lee Myung-bak, führt seit Monaten in allen Umfragen. Lee war einmal Chef eines großen Teils der Hyundai-Gruppe und umgibt sich mit dem Image des „Machers“. Er verspricht sieben Prozent Wachstum und ein Pro-Kopf-Einkommen von 40.000 Dollar binnen fünf Jahren. Außerdem will er bis 2012 Südkorea zur siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt machen. Um dieses Ziel zu erreichen, kündigt Lee umfangreiche Bauvorhaben an.

          Unter anderem sollen zwei große Flüsse durch einen Kanal verbunden werden, damit ein Wasserweg von Nord nach Süd den südlichen Teil der Halbinsel durchzieht. Lees Projekte setzen auf die Sehnsucht vieler Wähler nach der „guten alten Zeit“ in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Südkoreas schneller Aufstieg begann. Ob ein solches Wirtschaftswunder zu wiederholen ist, weiß niemand. Es fragt aber auch niemand, denn auch die anderen Kandidaten geizen nicht mit „konkreten“ Versprechungen.

          Favorit in der Kritik

          Der wichtigste Kandidat des gegenwärtigen Regierungslagers, der ehemalige Vereinigungsminister Chung Dong-young von der Vereinigten Neuen Demokratischen Partei (UNDP), stellt zwar „nur“ sechs Prozent Wachstum in Aussicht und gibt sich insgesamt sozialer als der „Kandidat der Großunternehmen“, Lee Myung-bak. Aber auch Chung will viele Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Für Lees Kanalprojekt hat er nur Spott übrig. Aber auch er hat ein großes Infrastrukturprojekt in der Hinterhand. Korea brauche angesichts notorisch verstopfter Straßen ein großes und leistungsfähiges Eisenbahnnetz, sagt Chung.

          Wäre es um solche mehr oder weniger realistischen Versprechungen gegangen, Südkorea hätte einen im Grunde normalen demokratischen Wettstreit erlebt. Aber schon seit Monaten spricht die politische Klasse des Landes eigentlich nur über die Moral und die Finanzen des Lee Myung-bak. Er soll während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Grundstücksverkäufen in Seoul zumindest indirekt profitiert haben. Bei der Registrierung als Präsidentenkandidat soll er über sein Vermögen falsche Angaben gemacht haben.

          Rätselhaftes Video sorgt für Aufruhr

          Und dann ist da noch der aktuelle Favorit unter den (echten oder vermeintlichen) Skandalen: das Unternehmen BBK. Diese mittlerweile nicht mehr existierende Investmentfirma soll Anleger um viele Millionen betrogen haben. Lee Myung-bak wird beschuldigt, der eigentliche Besitzer der Firma gewesen zu sein. Er hat das stets bestritten. Drei Tage vor der Wahl tauchte nun aber aus dunklen Quellen ein Video auf. Das zeigt Lee im Jahre 2000, wie er bei einer Rede unter anderem sagt, er habe eine sehr profitable Firma namens BBK gegründet.

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