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Spanien : Kälber streicheln und Toreros wählen

Demonstration gegen die Vernachlässigung der spanischen Provinz Ende März in Madrid Bild: AFP

Politiker kümmern sich kaum um Spaniens fast entvölkerte Provinz. Doch im Wahlkampf entdecken die Parteien plötzlich ihr Herz für das Hinterland. Ausgerechnet deren Einwohner könnten die Parlamentswahl am Sonntag entscheiden.

          Einst tobten Schlachten um die kleine Stadt. Sechs wehrhafte Türme haben sich oberhalb von Molina de Aragón erhalten. Die Mauren haben sie im elften Jahrhundert errichtet, bis Alfons I. von Aragón die Muslime bezwang und eine eigene Burg baute. Neunhundert Jahre später kämpft niemand mehr um das kleine Städtchen 200 Kilometer nordöstlich von Madrid tief in der spanischen Provinz – außer es sind Wahlen. Dann entdecken auf einmal die Politiker aus der Hauptstadt das Hinterland, dessen Einwohner sich vergessen und verlassen fühlen. Mehr als 500 Bürger sind in den vergangenen Jahren aus Molina de Aragón weggezogen. Nur noch gut 3000 Menschen leben dort. In der mittelalterlichen Altstadt unten am Gallo-Fluss stehen viele Häuser leer. Ihre früheren Bewohner haben sich dem Exodus nach Zaragoza, Madrid und Barcelona angeschlossen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Autos auf der Schnellstraße nach Madrid halten in Molina de Aragón höchstens, um zu tanken. In der Umgebung auf der kargen Hochebene sieht es noch trostloser aus. Die Jalousien der meisten Häuser in ausgestorbenen Dörfern sind verrostet. Sie wurden schon lange nicht mehr hochgezogen. Weniger als drei Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer. Molina de Aragón liegt mitten in der demographischen Wüste, die in Spanien immer weiter wächst. Dennoch könnten diese ländlichen Gebiete für die Wahl am 28. April entscheidend werden: Die Wahlkreise im Innern Spaniens stellen 99 der insgesamt 350 Abgeordneten. Diese Aufteilung stammt noch aus der Zeit, als Städtchen wie Molina de Aragón blühten und zum Herz Spaniens gehörten und nicht zum „leeren Spanien“, das heute mehr als die Hälfte des Staatsgebiets ausmacht. In diesen mehr als 40 Provinzen sind weniger als fünf Prozent aller Spanier zuhause, gut zweieinhalb Millionen der insgesamt mehr als 46 Millionen Bürger. Wer Spanien gewinnen will, darf im „Lappland des Südens“ nicht scheitern; so werden die spanischen Gegenden auch genannt, die dem menschenleeren Norden Europas gleichen.

          Die Schmeicheleien der Hauptstadt-Politiker

          „Vor den Wahlen kommen die Politiker, weil sie unsere Stimmen wollen. Am Tag nach der Wahl sind ihre großen Versprechen vergessen“, sagt die Kellnerin in einer kleinen Tapasbar. „Die Sozialisten in Madrid wollen jetzt sogar die Armee schicken“, sagt der Mann, dem sie ein Bier serviert. Er macht sich über die Ankündigung der Regierung der sozialistischen PSOE-Partei lustig, die Kasernen in strukturschwache Gebiete verlegen will, um damit die Entvölkerung zu stoppen. In einer der letzten Sitzungen vor der Wahl hat das Kabinett gleich ein Bündel von mehr als 70 Maßnahmen versprochen, um Landflucht und Überalterung zu bekämpfen.

          Kandidaten (von links): Der Vorsitzende der konservativen Volkspartei Pablo Casado, Podemos-Chef Pablo Iglesias, Ministerpräsident und Sozialisten-Chef Pedro Sanchez und der Vorsitzende der rechtsliberalen Ciudadanos-Partei Albert Rivera

          Die rechte Opposition will die Regierung dabei noch überbieten: Der Vorsitzende der rechtsliberalen Ciudadanos-Partei Albert Rivera reiste in die Provinz und setzte sich ans Steuer eines Traktors. Seine Partei will die Einkommensteuer um bis zu 60 Prozent für alle senken, die auf dem Land bleiben oder dort hinziehen. Der Vorsitzende der konservativen Volkspartei (PP), Pablo Casado, streichelte in der Provinz León Kälber. Beim Besuch im Heimatdorf seiner Familie trug er an seiner Jacke ein Abzeichen mit der Aufschrift „Ich komme vom Land“. Das ländliche Spanien habe die Nation „groß gemacht“, schmeichelt er seinen Wählern. Die rechtspopulistische Vox-Partei macht Jägern und Fischern große Versprechen. Wie die PP will Vox mehr für die Stierzucht tun; beide Parteien haben mehrere Toreros auf ihren Kandidatenlisten aufgestellt.

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