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Große Wahlüberraschung : Wird ein Leninist Präsident von Peru?

Aus dem Nichts: Pedro Castillo hat die erste Runde der Präsidentenwahl in Peru gewonnen. Sein Hut ist sein Markenzeichen. Bild: AFP

Peru reibt sich die Augen: Ein kaum bekannter Lehrer hat die erste Runde der Präsidentenwahl gewonnen. Weder die Medien noch die Umfrageinstitute haben damit gerechnet. Die Stichwahl wird für das Land zur Zerreißprobe.

          3 Min.

          Kaum jemand hatte Pedro Castillo auf dem Schirm. Als der Lehrer und Gewerkschafter nach der Präsidentenwahl die Hochrechnungen anführte, hatte der Fernsehsender CNN nicht einmal ein Bild von ihm zur Hand. Eine Woche vor der Wahl war Castillo noch im weiten Feld der insgesamt 18 Präsidentschaftskandidaten untergegangen. Doch in der Woche vor der Wahl, in der keine Umfragen mehr veröffentlicht werden durften, setzte Castillo zur Aufholjagd an – und niemand in den Medien nahm davon Notiz.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Castillo verkörpert den typischen Außenseiter. Er stammt nicht aus der Hauptstadt Lima, wo sich die wirtschaftliche und politische Elite des Landes ballt, sondern aus der zentralen Andenregion Perus. Während seiner Auftritte trägt er stets einen Hut, gibt sich als der kleine Mann aus der Provinz und aus dem Volk. Sein bisheriger Wahlkampf fand kaum in den großen und ebenfalls sehr hauptstadtzentrierten Medien statt noch maßgeblich in den sozialen Netzwerken. Castillo zog trotz Pandemie bis zuletzt durch die Ortschaften fernab von Lima, wo die Mund-zu-Mund-Propaganda mehr zählt als Likes auf Twitter und Facebook.

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          Mit seiner Kritik am System und der Elite verkörperte er das, was viele Wähler in der abgelegenen Provinz suchen. Der Erfolg von Castillo, der etwa 19 Prozent der Stimmen holte, kann als Protest gegen die von Korruptionsskandalen und Vetternwirtschaft überschattete politische Elite interpretiert werden. Seit der vergangenen Wahl hat das Land schon seinen vierten Präsidenten.

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          In der Vergangenheit hätte es ein derart radikaler Kandidat wie Castillo niemals in eine Stichwahl geschafft. Castillo vertritt die Partei „Freies Peru“, die sich als marxistisch-leninistisch begreift. Dementsprechend radikal ist auch Castillos politische und wirtschaftliche Agenda. Der Grundschullehrer will die Verfassung ändern, das Verfassungsgericht abschaffen, die Medien regulieren sowie die Rohstoffförderung sowie Teile der Infrastruktur verstaatlichen. In seinem politischen Umfeld wird von der Gründung eines sozialistischen Staates im Stile Venezuelas gesprochen.

          Seit Castillo 2017 einen Lehrerstreik anführte, wird er auch in die Nähe der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ gerückt, die in Peru in den Achtzigern und Neunzigern Tausende Menschen getötet hat. Radikal sind aber auch andere Ansichten von Castillo. So ist er für die Todesstrafe. Und er vertritt auch sehr konservative Ansichten.  Die wurden etwa in einem Interview mit dem Sender RPP klar, als Castillo von einem Journalisten am Ende eines längeren Gesprächs kurze Antworten auf kurze Fragen geben sollte.

          Werden Sie Abtreibungen legalisieren? – „Nein.“

          Sind sie für Sterbehilfe? – „Damit bin ich auch nicht einverstanden.“

          Sind Sie für die Ehe für Menschen des gleichen Geschlechts? – „Das ist noch schlimmer.“

          Schlägt nun die Stunde für die meist verhasste Politikerin?

          In den vergangenen Jahren stand den peruanischen Wählern in der Stichwahl jeweils ein kleineres Übel zur Auswahl. Das größere Übel war in den beiden vergangenen Wahlen jeweils Keiko Fujimori, die den ersten Wahlgang jeweils klar für sich entscheiden hatte, um dann in der Stichwahl einem Kandidaten aus der Mitte zu unterliegen. Nun ist Fujimori, die Tochter des autoritären früheren Präsidenten Alberto, abermals in der Stichwahl.

          Keiko Fujimori und ihre Partei „Volkskraft“ haben schwierige Jahre hinter sich. Im Rahmen eines immer noch laufenden Korruptionsprozesses saß Fujimori gar für einige Zeit in Untersuchungshaft. Weiterhin verfügt ihre Partei jedoch über einen eisernen Kern von Wählern. Im pulverisierten Kandidatenfeld reichten Fujimori dadurch schon etwas mehr als 13 Prozent der Stimmen aus, um neben Castillo in die Stichwahl einzuziehen.

          Gegen einen gemäßigten Kandidaten hätte Fujimori wohl keine Chance. Fujimori hat zwar eine vergleichsweise gute Parteistruktur und eine treue Wählerbasis im Rücken, doch ihr familiärer Hintergrund macht sie gleichzeitig zu einer der verhasstesten politischen Figuren im Land. Weiter hält Fujimori an ihrem wegen Korruption und Menschenrechtsverbrechen verurteilten Vater fest, dessen Politik der starken Hand sie weiterführen will.

          Für viele Peruaner war Fujimori in der Vergangenheit nicht wählbar, doch nun stehen die Wähler vor einer Zerreißprobe. Denn noch etwas anderes zeichnet die Peruaner aus: In wirtschaftlichen Fragen wählen sie im Zweifelsfall konservativ und marktfreundlich. Beobachter sind sich deshalb einig, dass Fujimori sich keinen idealeren Gegner hätte wünschen können als den radikalen Castillo.

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