https://www.faz.net/-gpf-70xzo

Wahl in Mexiko : Jenseits des Rio Grande

  • -Aktualisiert am

„Ich verspreche es euch“: López Obrador mit Anhängern in Ciudad Juárez Bild: REUTERS

An diesem Sonntag wählt Mexiko einen neuen Präsidenten. Das Land leidet seit Jahren unter dem Krieg gegen die Drogenkartelle, den der Amtsinhaber begann. Ein Besuch in Ciudad Juárez.

          7 Min.

          Der Kandidat verspricht nichts weniger als ein Wunder für die Stadt am Grenzfluss Rio Grande. Und nichts weniger als ein Wunder bräuchte Ciudad Juárez, um aus dem Teufelskreis von Drogengewalt und Wirtschaftskrise auszubrechen. Andrés Manuel López Obrador, Präsidentschaftskandidat der linksgerichteten Partei der Demokratischen Revolution (PRD), ist gekommen. Die Anhänger des Kandidaten schwenken die gelben Fahnen der Partei, auf der eine stilisierte Sonne abgebildet ist.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es ist eine eher überschaubare Menge von vielleicht tausend Personen, die sich vor der Rednerbühne am alten Zollhaus an der „Avenida 16 de Septiembre“, Ecke „Avenida Benito Juárez“ versammelt hat. „Ich verspreche es euch“, ruft Obrador in die flirrende Mittagshitze, „im Juli, wenn ich gewählt bin, werde ich zurückkommen nach Ciudad Juárez, und hier werden wir mit dem Wiederaufbau unseres Landes beginnen. Hier in Ciudad Juárez und in allen Städten an der Grenze werde ich meinen Plan für sozialen Frieden durchsetzen!“ Die Menge jubelt und schwenkt die Fahnen.

          Kein Hort der Tugend

          Nicht nur die Straße vom Stadtzentrum um das alte Zollhaus zur Brücke über den Rio Grande, an dessen Nordufer die texanische Stadt El Paso liegt, sondern die gesamte Stadt Ciudad Juárez ist nach dem großen liberalen Politiker des 19. Jahrhunderts Benito Juárez benannt. Dieser hatte als Präsident und Jurist stets den Grundsatz verfochten, dass es ohne Achtung der Gesetze keinen Frieden geben könne. Was die Missachtung der Gesetze in ganz Mexiko und zumal in Ciudad Juárez angerichtet hat, wird in den Straßenzügen um das alte Zollhaus auf Schritt und Tritt augenfällig. Vor zehn Jahren noch war Ciudad Juárez eine pulsierende Grenzstadt, wo Touristen aus Amerika viele Dollars für Bier, Burritos und andere Vergnügungen ausgaben.

          Neben den „Maquiladoras“, den riesigen Fabriken amerikanischer und internationaler Unternehmen in der Freihandelszone südlich des Rio Grande, waren es die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, die der Grenzstadt Ciudad Juárez ein gutes Auskommen brachten. Vor allem für junge Amerikaner unter der „Alkoholgrenze“ von 21 Jahren war Ciudad Juárez von besonderem Reiz: Es bedurfte nur einiger Schritte über die Brücke, um drüben in Mexiko ganz legal Bier und Tequila trinken zu können - und das zu verführerisch niedrigen Preisen. Ein Hort der Tugend war Ciudad Juárez noch nie.

          Die „Weltmordhauptstadt“

          Schon in den neunziger Jahren gab es Berichte über eine Serie von Morden an jungen Frauen in der Stadt - bis heute wurden dort laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehr als 700 junge Frauen und Mädchen umgebracht. Ihre Leichen wurden in Abwässergräben, auf Müllhalden oder in die Wüste geworfen. Die wenigsten Fälle wurden aufgeklärt. Das hat den Fremdenverkehr in Ciudad Juárez und den Alltag in der Grenzstadt überhaupt allerdings zunächst kaum beeinträchtigt. Dazu kam es erst, als Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle erklärte und die Streitkräfte mobilisierte. Seither sind im mexikanischen Drogenkrieg bis zu 55.000 Menschen ums Leben gekommen, die meisten im blutigen Verteilungskampf konkurrierender Kartelle um Schmuggelrouten und Einflussbereiche.

          In der Grenzstadt am Rio Grande tobt der Krieg zwischen dem Sinaloa-Kartell, das von Mexikos meistgesuchtem Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán geführt wird, und dem Juárez-Kartell seit 2008 besonders blutig: Mit mehr als 10.500 Todesopfern erlangte Ciudad Juárez den unrühmlichen Titel der „Weltmordhauptstadt“. Jüngst haben zwei Friedhöfe der Stadt mitgeteilt, in Zukunft würden nur noch Angehörige von Familien bestattet werden können, die schon eine Grabstätte gepachtet haben. Nur der Friedhof „San Rafael“, wo auf einer Parzelle fast 1.800 nicht identifizierte Tote begraben sind, verfügt vorerst über ausreichend Kapazität, um dort die Opfer des Drogenkrieges zu begraben.

          Bedrückende Stille auf der Vergnügungsmeile

          In Ciudad Juárez starben seit 2008 Jahr um Jahr mehr Menschen einen gewaltsamen Tod als im gleichen Zeitraum in ganz Afghanistan. Die Statistik wird noch düsterer, wenn man die absolute Zahl der Mordopfer ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt: In Ciudad Juárez leben heute noch knapp 1,3 Millionen Menschen, in Afghanistan sind es gut 29 Millionen. Demographen der Universität Ciudad Juárez schätzen, dass seit der Eskalation des Drogenkrieges in der Grenzstadt vor gut vier Jahren rund 240.000 Menschen fortgezogen sind - viele nach Texas in die Schwesterstadt El Paso, die trotz des Drogenkrieges am Südufer des Rio Grande noch immer eine der sichersten Städte der Vereinigten Staaten ist.

          Die Eskalation der Gewalt hat Ciudad Juárez gezeichnet. Über der einstigen Vergnügungsmeile „Avenida Benito Juárez“, die vom Stadtzentrum in Richtung Norden zum Grenzübergang nach El Paso führt, liegt bedrückende Stille. Bars, Restaurants, Souvenirläden sind geschlossen. Taxifahrer dösen im Schatten und warten vergeblich auf Fahrgäste. Wo ein leerstehendes Geschäft nicht gründlich mit Pressholzplatten verrammelt ist, haben Plünderer die Kupfer-Stromkabel aus der Wand gerissen und die Armaturen aus den Toiletten abmontiert. In der „Avenida Lardo“ steht das Hotel „Juárez“ seit Jahren zum Verkauf, der rosa Putz blättert ab. Gegenüber ist der Schönheitssalon „Isabel“ bis auf die Grundmauern abgebrannt; die Nachbarn im Leihhaus für Brautkleider und Smokings wollen nichts davon gehört haben, dass die Eigentümerin die Zahlung von Schutzgeld verweigert habe.

          Das Versprechen eines scheinbaren Wunderheilers

          Trotz der Offensive der Streitkräfte und ungeachtet des Verteilungskampfes mit dem Sinaloa-Kartell soll das von Drogenboss Vicente Carillo geführte Juárez-Kartell seine Macht und seinen Einfluss über die Stadt Ciudad Juárez und den nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua verteidigt haben. Es heißt, das Juárez-Kartell kontrolliere etwa ein Fünftel des Drogenschmuggels in die Vereinigten Staaten, der ein Jahresvolumen von bis zu 40 Milliarden Dollar haben dürfte. Aus einem Jahresbudget von geschätzten acht Milliarden Dollar lassen sich gewiss ein paar Millionen abzweigen, um Polizisten und Politiker gefügig zu machen.

          Weil die Kartelle so tief mit der Staatsmacht verstrickt sind, kommt die Prophezeiung des Präsidentschaftskandidaten López Obrador vor dem alten Zollhaus in Ciudad Juárez, er werde im Falle seines Siegs bei den Wahlen vom 1. Juli dem Land sozialen Frieden und ein Ende der Korruption bringen, dem Versprechen eines Wunderheilers gleich. Obrador kritisiert die Militäroffensive von Präsident Calderón von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN), der nach einer Amtszeit von sechs Jahren gemäß Verfassung nicht mehr antreten darf. In diese Kritik stimmen auch die beiden anderen aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten ein. Nach jüngsten Umfragen hat Enrique Peña Nieto, der telegene Kandidat der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die besten Chancen, in den Präsidentenpalast „Los Pinos“ in Mexiko-Stadt einzuziehen.

          Nach zwölf Jahren Herrschaft der Präsidenten Vicente Fox und Felipe Calderón von der PAN scheint die Mehrheit der Mexikaner bereit, der einstigen „Staatspartei“ PRI, die bis zum Wahlsieg von Fox im Jahr 2000 mehr als sieben Jahrzehnte lang die Geschicke Mexikos alleine bestimmt hatte, wieder die politische Verantwortung zu übertragen. Auf der PAN-Kandidatin Josefina Vázquez Mota, die als erste Frau ins höchste Staatsamt Mexikos gewählt werden will, lastet trotz ihrer deutlichen Kritik an der Militäroffensive von Amtsinhaber Calderón das Vermächtnis des zweifelhaften Erfolgs ihres Parteikollegen im Drogenkrieg.

          War der immense Blutzoll im Drogenkrieg vergebens? Calderón argumentiert, dass die Kartelle deutlich geschwächt seien, dass zahlreiche Drogenbosse festgenommen werden konnten oder bei Razzien erschossen wurden. Er verweist zudem auf einen deutlichen Rückgang der Gewalttaten in diesem Jahr, und in dieser Sicht stimmt dem Präsidenten sogar der Bürgermeister von Ciudad Juárez zu. Héctor Murguía, Mitglied der PRI und seit Oktober 2010 im Amt, hat im Herbst 2011 den fast vollständigen Rückzug der von Calderón nach Ciudad Juárez entsandten Heereseinheiten erreicht. Heute stehen nur noch ein paar Soldaten hinter ihren Sandsackbarrikaden an den Brücken über den Rio Grande. Aus dem Stadtbild aber sind die Streitkräfte verschwunden. „Wir haben dafür die Zahl der Polizisten in der Stadt auf 2.600 erhöht“, sagt Bürgermeister Murguía und verweist darauf, dass er fast die Hälfte seines Budgets für die öffentliche Sicherheit ausgebe.

          Täglich „nur noch“ zwei Mordopfer

          Alle drei Präsidentschaftskandidaten versprechen, im Falle ihres Wahlsieges die Streitkräfte in die Kasernen zurückzubeordern und die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit wieder der Bundespolizei sowie den örtlichen Polizeien zu übertragen. Dem Übel, dass ganze Polizeieinheiten samt ihren Führungsoffizieren auf den Gehaltslisten der Kartelle stehen, soll durch bessere Bezahlung der Beamten und durch weitere Säuberungen der Polizeikräfte auf allen Ebenen beigekommen werden. Bürgermeister Murguía und sein im März 2011 ernannter neuer Polizeichef Julian Leyzaloa sagen, sie hätten keine Angst vor den Kartellen. Kritiker sagen, der Bürgermeister und der Polizeichef hätten eine Art Waffenstillstand mit dem Juárez-Kartell geschlossen.

          Jedenfalls wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua im Mai dieses Jahres „nur“ 73 Mordopfer in Ciudad Juárez registriert. Das war der geringste Wert seit mehr als drei Jahren; der blutigste Monat war der Oktober 2010, als 359 Opfer von Gewaltverbrechen gezählt wurden. Dass täglich durchschnittlich „nur noch“ zwei Menschen in seiner Stadt ermordet werden und nicht zwölf wie noch vor knapp zwei Jahren, „ist nichts, worauf wir stolz sein könnten“, sagt der Bürgermeister. Aber es sei „Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen.

          Das sieht man auch in El Paso in Texas so. In der jüngsten Ausgabe der für Touristen gedruckten Landkarte ist erstmals seit vier Jahren wieder die Schwesterstadt Ciudad Juárez verzeichnet. Die Reisewarnung des Außenministeriums in Washington für die Stadt am Südufer des Rio Grande bleibt vorerst aber bestehen.

          Eine Skulptur der besonderen Art

          An eine Rückkehr denkt auch José Yanar noch nicht. Im November 2009 wurde der Unternehmer, dessen kleiner Familienbetrieb in Ciudad Juárez Sofas und andere Sitzmöbel herstellt, entführt. Durch glückliche Umstände konnte er seinen Entführern entkommen. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen fuhr er alsbald über die Grenze nach El Paso. Dort waren die Söhne seit langem zur Schule gegangen, dort lebte ein Teil der Familie seit jeher - und dort lebt der Unternehmer Yanar seither auch. Von ihrem Haus im Las Vegas Drive in einem ruhigen Wohnviertel von El Paso können die Yanars hinunter sehen auf den derzeit ausgetrockneten Grenzfluss Rio Grande und auf die Stadt Ciudad Juárez, die sich weit in die Hochebene hinein erstreckt.

          Bei guter Sicht kann man bis zum Grenzübergang an der „Bridge of the Americas“ hinunterschauen. Dort hat Präsident Calderón eine Skulptur der besonderen Art aufstellen lassen: Aus Waffen, die bei Razzien gegen die Kartelle beschlagnahmt und anschließend mit einer großen Straßenwalze zerstört wurden, sind in gewaltigen Buchstaben die Worte „No More Weapons“ geformt. Der Klageruf nach keinen neuen Waffen begrüßt jeden Autofahrer, der die Brücke überquert. Er scheint nicht weniger utopisch als das Versprechen, dass nach der Präsidentenwahl vom 1. Juli bald Frieden am Rio Grande einkehren werde.

          Weitere Themen

          Kein Ende des Amazonas-Dramas in Sicht Video-Seite öffnen

          Regenwald wird weiter zerstört : Kein Ende des Amazonas-Dramas in Sicht

          Die Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes nimmt kein Ende. Schon im vergangenen Jahr wurde eine Fläche abgeholzt, die so groß ist, wie der Libanon. Viele führen die Brände im Amazonas auf Präsident Jair Bolsonaro zurück.

          Topmeldungen

          Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, auf der IAA 2019

          Diess gegen Osterloh : Showdown im Volkswagen-Reich

          Erst im Sommer ist VW-Chef Herbert Diess nur knapp seinem Rauswurf entgangen. Jetzt ist der Machtkampf in dem Unternehmen neu ausgebrochen – und die Spitze des Aufsichtsrats tagt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.