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Wahl in Mexiko : Jenseits des Rio Grande

  • -Aktualisiert am

„Ich verspreche es euch“: López Obrador mit Anhängern in Ciudad Juárez Bild: REUTERS

An diesem Sonntag wählt Mexiko einen neuen Präsidenten. Das Land leidet seit Jahren unter dem Krieg gegen die Drogenkartelle, den der Amtsinhaber begann. Ein Besuch in Ciudad Juárez.

          Der Kandidat verspricht nichts weniger als ein Wunder für die Stadt am Grenzfluss Rio Grande. Und nichts weniger als ein Wunder bräuchte Ciudad Juárez, um aus dem Teufelskreis von Drogengewalt und Wirtschaftskrise auszubrechen. Andrés Manuel López Obrador, Präsidentschaftskandidat der linksgerichteten Partei der Demokratischen Revolution (PRD), ist gekommen. Die Anhänger des Kandidaten schwenken die gelben Fahnen der Partei, auf der eine stilisierte Sonne abgebildet ist.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es ist eine eher überschaubare Menge von vielleicht tausend Personen, die sich vor der Rednerbühne am alten Zollhaus an der „Avenida 16 de Septiembre“, Ecke „Avenida Benito Juárez“ versammelt hat. „Ich verspreche es euch“, ruft Obrador in die flirrende Mittagshitze, „im Juli, wenn ich gewählt bin, werde ich zurückkommen nach Ciudad Juárez, und hier werden wir mit dem Wiederaufbau unseres Landes beginnen. Hier in Ciudad Juárez und in allen Städten an der Grenze werde ich meinen Plan für sozialen Frieden durchsetzen!“ Die Menge jubelt und schwenkt die Fahnen.

          Kein Hort der Tugend

          Nicht nur die Straße vom Stadtzentrum um das alte Zollhaus zur Brücke über den Rio Grande, an dessen Nordufer die texanische Stadt El Paso liegt, sondern die gesamte Stadt Ciudad Juárez ist nach dem großen liberalen Politiker des 19. Jahrhunderts Benito Juárez benannt. Dieser hatte als Präsident und Jurist stets den Grundsatz verfochten, dass es ohne Achtung der Gesetze keinen Frieden geben könne. Was die Missachtung der Gesetze in ganz Mexiko und zumal in Ciudad Juárez angerichtet hat, wird in den Straßenzügen um das alte Zollhaus auf Schritt und Tritt augenfällig. Vor zehn Jahren noch war Ciudad Juárez eine pulsierende Grenzstadt, wo Touristen aus Amerika viele Dollars für Bier, Burritos und andere Vergnügungen ausgaben.

          Neben den „Maquiladoras“, den riesigen Fabriken amerikanischer und internationaler Unternehmen in der Freihandelszone südlich des Rio Grande, waren es die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, die der Grenzstadt Ciudad Juárez ein gutes Auskommen brachten. Vor allem für junge Amerikaner unter der „Alkoholgrenze“ von 21 Jahren war Ciudad Juárez von besonderem Reiz: Es bedurfte nur einiger Schritte über die Brücke, um drüben in Mexiko ganz legal Bier und Tequila trinken zu können - und das zu verführerisch niedrigen Preisen. Ein Hort der Tugend war Ciudad Juárez noch nie.

          Die „Weltmordhauptstadt“

          Schon in den neunziger Jahren gab es Berichte über eine Serie von Morden an jungen Frauen in der Stadt - bis heute wurden dort laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehr als 700 junge Frauen und Mädchen umgebracht. Ihre Leichen wurden in Abwässergräben, auf Müllhalden oder in die Wüste geworfen. Die wenigsten Fälle wurden aufgeklärt. Das hat den Fremdenverkehr in Ciudad Juárez und den Alltag in der Grenzstadt überhaupt allerdings zunächst kaum beeinträchtigt. Dazu kam es erst, als Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle erklärte und die Streitkräfte mobilisierte. Seither sind im mexikanischen Drogenkrieg bis zu 55.000 Menschen ums Leben gekommen, die meisten im blutigen Verteilungskampf konkurrierender Kartelle um Schmuggelrouten und Einflussbereiche.

          In der Grenzstadt am Rio Grande tobt der Krieg zwischen dem Sinaloa-Kartell, das von Mexikos meistgesuchtem Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán geführt wird, und dem Juárez-Kartell seit 2008 besonders blutig: Mit mehr als 10.500 Todesopfern erlangte Ciudad Juárez den unrühmlichen Titel der „Weltmordhauptstadt“. Jüngst haben zwei Friedhöfe der Stadt mitgeteilt, in Zukunft würden nur noch Angehörige von Familien bestattet werden können, die schon eine Grabstätte gepachtet haben. Nur der Friedhof „San Rafael“, wo auf einer Parzelle fast 1.800 nicht identifizierte Tote begraben sind, verfügt vorerst über ausreichend Kapazität, um dort die Opfer des Drogenkrieges zu begraben.

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