https://www.faz.net/-gpf-70xzo

Wahl in Mexiko : Jenseits des Rio Grande

  • -Aktualisiert am

War der immense Blutzoll im Drogenkrieg vergebens? Calderón argumentiert, dass die Kartelle deutlich geschwächt seien, dass zahlreiche Drogenbosse festgenommen werden konnten oder bei Razzien erschossen wurden. Er verweist zudem auf einen deutlichen Rückgang der Gewalttaten in diesem Jahr, und in dieser Sicht stimmt dem Präsidenten sogar der Bürgermeister von Ciudad Juárez zu. Héctor Murguía, Mitglied der PRI und seit Oktober 2010 im Amt, hat im Herbst 2011 den fast vollständigen Rückzug der von Calderón nach Ciudad Juárez entsandten Heereseinheiten erreicht. Heute stehen nur noch ein paar Soldaten hinter ihren Sandsackbarrikaden an den Brücken über den Rio Grande. Aus dem Stadtbild aber sind die Streitkräfte verschwunden. „Wir haben dafür die Zahl der Polizisten in der Stadt auf 2.600 erhöht“, sagt Bürgermeister Murguía und verweist darauf, dass er fast die Hälfte seines Budgets für die öffentliche Sicherheit ausgebe.

Täglich „nur noch“ zwei Mordopfer

Alle drei Präsidentschaftskandidaten versprechen, im Falle ihres Wahlsieges die Streitkräfte in die Kasernen zurückzubeordern und die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit wieder der Bundespolizei sowie den örtlichen Polizeien zu übertragen. Dem Übel, dass ganze Polizeieinheiten samt ihren Führungsoffizieren auf den Gehaltslisten der Kartelle stehen, soll durch bessere Bezahlung der Beamten und durch weitere Säuberungen der Polizeikräfte auf allen Ebenen beigekommen werden. Bürgermeister Murguía und sein im März 2011 ernannter neuer Polizeichef Julian Leyzaloa sagen, sie hätten keine Angst vor den Kartellen. Kritiker sagen, der Bürgermeister und der Polizeichef hätten eine Art Waffenstillstand mit dem Juárez-Kartell geschlossen.

Jedenfalls wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua im Mai dieses Jahres „nur“ 73 Mordopfer in Ciudad Juárez registriert. Das war der geringste Wert seit mehr als drei Jahren; der blutigste Monat war der Oktober 2010, als 359 Opfer von Gewaltverbrechen gezählt wurden. Dass täglich durchschnittlich „nur noch“ zwei Menschen in seiner Stadt ermordet werden und nicht zwölf wie noch vor knapp zwei Jahren, „ist nichts, worauf wir stolz sein könnten“, sagt der Bürgermeister. Aber es sei „Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen.

Das sieht man auch in El Paso in Texas so. In der jüngsten Ausgabe der für Touristen gedruckten Landkarte ist erstmals seit vier Jahren wieder die Schwesterstadt Ciudad Juárez verzeichnet. Die Reisewarnung des Außenministeriums in Washington für die Stadt am Südufer des Rio Grande bleibt vorerst aber bestehen.

Eine Skulptur der besonderen Art

An eine Rückkehr denkt auch José Yanar noch nicht. Im November 2009 wurde der Unternehmer, dessen kleiner Familienbetrieb in Ciudad Juárez Sofas und andere Sitzmöbel herstellt, entführt. Durch glückliche Umstände konnte er seinen Entführern entkommen. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen fuhr er alsbald über die Grenze nach El Paso. Dort waren die Söhne seit langem zur Schule gegangen, dort lebte ein Teil der Familie seit jeher - und dort lebt der Unternehmer Yanar seither auch. Von ihrem Haus im Las Vegas Drive in einem ruhigen Wohnviertel von El Paso können die Yanars hinunter sehen auf den derzeit ausgetrockneten Grenzfluss Rio Grande und auf die Stadt Ciudad Juárez, die sich weit in die Hochebene hinein erstreckt.

Bei guter Sicht kann man bis zum Grenzübergang an der „Bridge of the Americas“ hinunterschauen. Dort hat Präsident Calderón eine Skulptur der besonderen Art aufstellen lassen: Aus Waffen, die bei Razzien gegen die Kartelle beschlagnahmt und anschließend mit einer großen Straßenwalze zerstört wurden, sind in gewaltigen Buchstaben die Worte „No More Weapons“ geformt. Der Klageruf nach keinen neuen Waffen begrüßt jeden Autofahrer, der die Brücke überquert. Er scheint nicht weniger utopisch als das Versprechen, dass nach der Präsidentenwahl vom 1. Juli bald Frieden am Rio Grande einkehren werde.

Weitere Themen

Topmeldungen

Schüler stecken sich vornehmlich außerhalb der Schule mit Corona an

Corona in Schulen : Ansteckungen abseits des Pausenhofs

Befürworter von Schulschließungen argumentieren mit einer hohen Dunkelziffer von Corona-Infektionen – doch die gibt es gar nicht, wie jüngste Zahlen zeigen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.