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Wahl in Mexiko : Jenseits des Rio Grande

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Bedrückende Stille auf der Vergnügungsmeile

In Ciudad Juárez starben seit 2008 Jahr um Jahr mehr Menschen einen gewaltsamen Tod als im gleichen Zeitraum in ganz Afghanistan. Die Statistik wird noch düsterer, wenn man die absolute Zahl der Mordopfer ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt: In Ciudad Juárez leben heute noch knapp 1,3 Millionen Menschen, in Afghanistan sind es gut 29 Millionen. Demographen der Universität Ciudad Juárez schätzen, dass seit der Eskalation des Drogenkrieges in der Grenzstadt vor gut vier Jahren rund 240.000 Menschen fortgezogen sind - viele nach Texas in die Schwesterstadt El Paso, die trotz des Drogenkrieges am Südufer des Rio Grande noch immer eine der sichersten Städte der Vereinigten Staaten ist.

Die Eskalation der Gewalt hat Ciudad Juárez gezeichnet. Über der einstigen Vergnügungsmeile „Avenida Benito Juárez“, die vom Stadtzentrum in Richtung Norden zum Grenzübergang nach El Paso führt, liegt bedrückende Stille. Bars, Restaurants, Souvenirläden sind geschlossen. Taxifahrer dösen im Schatten und warten vergeblich auf Fahrgäste. Wo ein leerstehendes Geschäft nicht gründlich mit Pressholzplatten verrammelt ist, haben Plünderer die Kupfer-Stromkabel aus der Wand gerissen und die Armaturen aus den Toiletten abmontiert. In der „Avenida Lardo“ steht das Hotel „Juárez“ seit Jahren zum Verkauf, der rosa Putz blättert ab. Gegenüber ist der Schönheitssalon „Isabel“ bis auf die Grundmauern abgebrannt; die Nachbarn im Leihhaus für Brautkleider und Smokings wollen nichts davon gehört haben, dass die Eigentümerin die Zahlung von Schutzgeld verweigert habe.

Das Versprechen eines scheinbaren Wunderheilers

Trotz der Offensive der Streitkräfte und ungeachtet des Verteilungskampfes mit dem Sinaloa-Kartell soll das von Drogenboss Vicente Carillo geführte Juárez-Kartell seine Macht und seinen Einfluss über die Stadt Ciudad Juárez und den nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua verteidigt haben. Es heißt, das Juárez-Kartell kontrolliere etwa ein Fünftel des Drogenschmuggels in die Vereinigten Staaten, der ein Jahresvolumen von bis zu 40 Milliarden Dollar haben dürfte. Aus einem Jahresbudget von geschätzten acht Milliarden Dollar lassen sich gewiss ein paar Millionen abzweigen, um Polizisten und Politiker gefügig zu machen.

Weil die Kartelle so tief mit der Staatsmacht verstrickt sind, kommt die Prophezeiung des Präsidentschaftskandidaten López Obrador vor dem alten Zollhaus in Ciudad Juárez, er werde im Falle seines Siegs bei den Wahlen vom 1. Juli dem Land sozialen Frieden und ein Ende der Korruption bringen, dem Versprechen eines Wunderheilers gleich. Obrador kritisiert die Militäroffensive von Präsident Calderón von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN), der nach einer Amtszeit von sechs Jahren gemäß Verfassung nicht mehr antreten darf. In diese Kritik stimmen auch die beiden anderen aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten ein. Nach jüngsten Umfragen hat Enrique Peña Nieto, der telegene Kandidat der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die besten Chancen, in den Präsidentenpalast „Los Pinos“ in Mexiko-Stadt einzuziehen.

Nach zwölf Jahren Herrschaft der Präsidenten Vicente Fox und Felipe Calderón von der PAN scheint die Mehrheit der Mexikaner bereit, der einstigen „Staatspartei“ PRI, die bis zum Wahlsieg von Fox im Jahr 2000 mehr als sieben Jahrzehnte lang die Geschicke Mexikos alleine bestimmt hatte, wieder die politische Verantwortung zu übertragen. Auf der PAN-Kandidatin Josefina Vázquez Mota, die als erste Frau ins höchste Staatsamt Mexikos gewählt werden will, lastet trotz ihrer deutlichen Kritik an der Militäroffensive von Amtsinhaber Calderón das Vermächtnis des zweifelhaften Erfolgs ihres Parteikollegen im Drogenkrieg.

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