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Wahl in Kroatien : Welche Rolle werden Nationalisten spielen?

Ministerpräsident Andrej Plenković tritt an für die konservative „Kroatische Demokratischen Gemeinschaft“ (HDZ) Bild: Reuters

Kroatien lebt vom Tourismus. Die Pandemie trifft das Land wirtschaftlich jetzt schon hart und die Furcht vor riesigen Verlusten im Sommer ist groß. Über eine Wahl inmitten der Krise.

          3 Min.

          Kroatien wählt am Sonntag ein neues Parlament. Durch die deutlich beeinträchtigte touristische Sommersaison findet die Wahl inmitten einer beginnenden Wirtschaftskrise statt. Sie könnte sich zum größten ökonomischen Einbruch Kroatiens seit dem kriegerischen Zerfall Jugoslawiens in den neunziger Jahren ausweiten. Eine klare Mehrheit für Ministerpräsident Andrej Plenković und die konservative „Kroatische Demokratischen Gemeinschaft“ (HDZ) gilt als ausgeschlossen. Womöglich ist dieser Sonntag aber die letzte Möglichkeit für die Regierung, ihre Macht zu verteidigen, bevor die Krise voll durchschlägt.

          Noch ist dieser Sommer zwar nicht verloren für Kroatiens Tourismus, doch manch eine Zahl klingt unheilvoll. Die Zagreber Zeitung Večernji List berichtete Ende Juni über die Gästezahlen auf der Insel Hvar, einem bei Kroatien-Touristen äußert beliebten Ziel. Dort, wo sich zu dieser Zeit im Vorjahr bereits fast 5000 Gäste aufhielten, seien es nun 66 gewesen, so das Blatt. In Worten: Sechsundsechzig. Das seien die geringsten Zahlen, seit es Statistiken über den Tourismus in Kroatien gebe, fügte die Zeitung wenig überraschend hinzu.

          Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung kam in einer Studie über die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für den Tourismus zu der durch allerlei Statistiken gestützten Mutmaßung, dem EU-Staat Kroatien drohten nach Jamaika und Thailand weltweit die stärksten ökonomischen Einbußen.

          Dramatische Einbrüche im Tourismus

          Ob sich solche Voraussagen bewahrheiten, steht auf einem anderen Blatt, doch auch die einheimischen Zahlen weisen bisher wie kaum anders zu erwarten nur in eine Richtung: Steil nach unten. Der kroatische Tourismusverband teilte unlängst mit, in den ersten sechs Monaten des Jahres habe der Einbruch bei 70 Prozent im Vergleich zu den (rekordhohen) Vorjahreszahlen gelegen. Unter den gegebenen Umständen könne man mit solchen Ergebnissen sogar zufrieden seien, teilte der Behördenchef mit.

          Tourismusminister Gari Cappelli hatte Ende Juni davon gesprochen, das Tourismusaufkommen betrage bisher nicht etwa ein knappes Drittel, sogar nur etwas mehr als ein Viertel im Vergleich zu 2019. Erstmals seit zehn Jahren stellten dabei inländische Touristen mit einem knappen Drittel die größte Gruppe der beherbergten Gäste. Es folgten Slowenen und Deutsche mit je etwa 25 Prozent sowie Österreicher mit neun Prozent.

          Immerhin sollen außer Zagreb auch die regionalen, im Sommer üblicherweise stark ausgelasteten Flughäfen in Split, Dubrovnik, Zadar, Pula, und Rijeka wieder angeflogen werden. In Split hatte man in diesem Jahr ursprünglich 3,5 Millionen Passagiere erwartet. Mitte Juni lag die Auslastung nach Auskunft der Flughafenleitung bei elf Prozent verglichen mit dem Vorjahr. In Dubrovnik waren es im Mai sogar nur knapp 1,3 Prozent des vormals normalen Aufkommens.

          Welche Folge dieser steile Sinkflug politisch haben wird, ist noch nicht absehbar, doch als sicher gilt: Weder Plenkovićs HDZ noch der andere große politische Block des Landes, die Sozialdemokratische Partei mit ihren Partnern, werden bei den 3,8 Millionen Wahlberechtigten eine klare Mehrheit erringen können. Koalitionsverhandlungen scheinen unausweichlich.

          Bürger wählen am Sonntagvormittag in Zagreb
          Bürger wählen am Sonntagvormittag in Zagreb : Bild: AP

          Da die beiden großen Parteien eine Koalition bisher ausschließen und das Abschneiden einer kleinen grünen Partei noch ungewiss ist, könnte die nationalistische „Heimatbewegung“ (Domovinski Pokret) des völkischen Schnulzensängers Miroslav Škoro dabei den Ausschlag geben. Der hatte in der ersten Runde der kroatischen Präsidentenwahl Ende 2019 fast jede vierte abgegebene Stimme erhalten und damit bewiesen, dass mit ihm zu rechnen ist.

          Das gilt umso mehr, seit sich der rechtsaußen beliebte Bürgermeister von Vukovar, Ivan Penava, der Gruppierung angeschlossen hat. Die „Heimatbewegung“ profitiert nicht zuletzt davon, dass ein Teil der HDZ-Stammwählerschaft sich von dieser Partei abgewandt hat, da sie ihr unter dem weltgewandten Plenković nicht mehr rechts, konservativ oder „kroatisch“ genug ist.

          So wird Plenković bezichtigt, dass er angeblich allzu bereitwillig politischen Forderungen der serbischen Minderheit des Landes nachgebe. Aus der „Heimatbewegung“ ist jedoch zu hören, eine Koalition mit der HDZ sei denkbar – sofern diese sich von Plenković trenne oder ihn in die zweite Reihe verbanne. Ob der amtierende Ministerpräsident stattdessen eine Minderheitsregierung oder eine andere Konstellation anstreben wird, ist derweil völlig offen. Wer Kroatien durch die kommende Wirtschaftskrise führen wird, ist daher ebenso unklar.

          Immerhin dürfte die allgemeine wirtschaftliche Talfahrt in Europa, auf die Kroatien nun womöglich noch schneller zusteuert als übrige EU-Staaten, womöglich eine andere vormals befürchtete Schwierigkeit einstweilen abgewendet haben: Seit dem ersten Juli sind die letzten rechtlichen Barrieren für Kroaten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt gefallen.

          Noch im vergangenen Jahr hatte in der kroatischen Tourismusbranche die Befürchtung geherrscht, man werde durch den frei gewordenen Zugang zum Arbeitsmarkt in Österreich viele Arbeitskräfte an die zahlungskräftigere Konkurrenz im Norden verlieren. Doch auch in Österreich sind die Arbeitslosenzahlen auf den höchsten Stand seit 1946 gestiegen, wozu nicht zuletzt der Einbruch im Tourismus beigetragen hat. Auch deshalb ist eine Verschärfung des bis vor kurzem in manchen Gegenden Kroatiens allgegenwärtigen Arbeitskräftemangels wohl keine akute Gefahr mehr. Für die kroatische Schlüsselbranche ist das allerdings ein schwacher Trost in heiklen Zeiten. 

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