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Russische Israelis : Im Land der 120 Putins

  • -Aktualisiert am

Wahlwerbung der Likud-Partei in Tel Aviv: „Nur Likud, nur Netanjahu“ heißt es auf russisch Bild: AFP

Mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten in Israel sprechen Russisch. Der wachsende Einfluss der orthodoxen Juden bereitet ihnen Sorgen – für Benjamin Netanjahu ist das keine gute Nachricht.

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          Der schwarze Lindwurm windet sich auf hellem Fleisch, so groß wie eine Hand. Ron Katz erhebt sich und blickt über die Schulter, um das Werk auf seinem Rücken zum ersten Mal zu sehen. Vergeblich. Seine Mutter schaut zu, wie die Tätowiererin eine Folie über den Drachen klebt. Auf Russisch fallen anerkennende Worte. Das „Art Magic“-Studio läuft nicht schlecht, der Laden ist voll hier in Klein-Moskau, jenem Teil von Rischon LeZion, wo die Kioske Odessa heißen und das Restaurant Vostok. Wo Benjamin Netanjahu am Ortseingang mit seinem Konterfei und in kyrillischen Buchstaben wirbt: „Nur Likud, nur Netanjahu“.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Als Jana Katz vor 25 Jahren aus dem Ural nach Israel kam, da wollte sie „weg von zu Hause, so weit wie möglich“. Sie habe nichts erwartet, als sie von der Möglichkeit der Einwanderung nach Israel hörte, während gerade die Sowjetunion unterging. „Ich war 19 und wollte frei sein.“ Dass sich Israel als solch ein religiöses Land darstellen würde, hätte sie nicht gedacht. „Italien ist auch sehr religiös, aber dort greift die Kirche nicht so in den Alltag ein und in die Schulen.“ In Israel stehen auch in den vermeintlich weltlichen Schulen mehrere Stunden pro Woche Bibelstudien auf dem Lehrplan.

          Drei Kinder hat Jana Katz in Israel geboren. Ron ist mit der Schule fertig, hat jetzt eine Tätowierung und will mal sehen, was er macht. Seine Mutter sagt, die Technologie habe sich entwickelt in Israel, die Außenbeziehungen auch. „Aber es ist ein teures Land, wenn ich Israel mit Bulgarien vergleiche, dann ist es dort viel günstiger bei ähnlichem Angebot.“ Was also tun gegen Ultraorthodoxie und hohe Preise? „Wir brauchen einen Putin hier“, sagt Jana Katz. Was zu lautstarkem Einspruch ihres Sohnes führt, der das Wort „Diktator“ fallen lässt. Sie wechseln wieder ins Russische, bis die Tätowiererin bittet, die Angelegenheit doch bitte draußen zu besprechen. Sie werde ohnehin nicht wählen, sie sei Künstlerin.

          Die „russische Stimme“ könnte den Wahlausgang entscheiden

          Draußen lehnt Jana Katz am Geländer vor der Straße. „In Russland hast du einen Putin, und in Israel gibt es 120 Putins, die alle entscheiden wollen, du weißt doch: Zwei Juden, drei Meinungen.“ Wenn am Dienstag Israels Parlament und dessen 120 Abgeordnete gewählt werden, dann stimme sie jedenfalls nicht wieder für Netanjahu. Eher für Avigdor Lieberman, der sei hart und stark. Lieberman stammt aus Moldau, seine Partei Yisrael Beitenu wird seit Jahren vor allem von russischsprachigen Einwanderern gewählt. Die allerdings werden alt, und die in Israel geborenen Nachfahren wählen auch andere Parteien. Ron Katz sagt, Lieberman sei ein Lügner. Vor vier Jahren versprach Lieberman, den Hamas-Chef binnen 48 Stunden zu töten. „Hat er dann nicht gemacht.“ Wahrscheinlich werde er gar nicht wählen, sagt Ron Katz. Es lohne nicht. „Irgendwo wird Politik gemacht, und irgendwo anders leben wir.“

          Und ihr Leben ist nicht so schlecht. Das Schweinefleisch holt Familie Katz aus dem Supermarkt „Karl Berg“ um die Ecke, „wo es unsere Sachen gibt“. Und wenn sie wollen, dann können sie nebenan ins „Fitnessland“ gehen, dessen Besitzer Oleg vor zwanzig Jahren aus Khershon bei Odessa einwanderte, weil er „mal allein sein und weg von der Familie wollte“. 500 Kunden habe er, sagt Oleg, von denen spreche die Hälfte Russisch. Vor zehn Jahren heiratete er seine Tania, die hinter dem Tresen steht. Im Internet hatten sie sich kennengelernt. Tania kommt aus Kiew. „Ich bin gar nicht jüdisch“, sagt sie.

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