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Wahl in Israel : Der Überlebenskampf der Arbeitspartei

Amir Peretz, Chef der Arbeitspartei, am Donnerstag beim Wahlkampf auf einem Markt in Tel Aviv. Bild: AFP

Einst stand Israels Arbeitspartei für den Staat. Doch vor der Knesset-Wahl kämpft die Partei Ben-Gurions darum, es überhaupt noch ins Parlament zu schaffen.

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          Wenn man so will, dann ver­kör­pert Me­ni Grin­stein das Herz der is­rae­li­schen Ar­beits­par­tei. Grin­stein ist mitt­ler­wei­le 65, steht in Ho­lon, ei­ner Stadt in der Pe­ri­phe­rie von Tel Aviv, und be­dau­ert die Ar­beits­mo­ral der jun­gen Leu­te. „Je­der wech­selt den Job, so­bald er wo­an­ders mehr be­kommt“, sagt Grin­stein, „und nie­mand in­ter­es­siert sich noch für die Ge­werk­schaft“. Sein Be­rufs­le­ben ver­brach­te er erst als An­ge­stell­ter ei­ner Bank und spä­ter als Funk­tio­när in der da­mals mäch­ti­gen Ge­werk­schaft. Die Ge­werk­schaft mach­te ihn wohl­ha­bend, zum Ru­he­stand er­hielt er eine stattliche Summe. Was nicht wei­ter auf­fällt, wenn er da steht mit kur­zer Ho­se, T-Shirt und ei­nem Papp­be­cher mit In­stant-Kaf­fee.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Grinstein steht im Stadtteil Tel Gi­bo­rim, der zur un­te­ren Mit­tel­klas­se gehört. Links und rechts der Stra­ße zie­hen sich ein­fa­che Mehr­ge­schoss­häu­ser, und an den Bus­hal­te­stel­len ste­hen jun­ge re­li­giö­se Ju­den mit nord­afri­ka­ni­schem Hin­ter­grund. Üb­li­cher­wei­se fin­det Tel Gi­bo­rim in Is­ra­el we­nig Be­ach­tung, und wenn, dann meist im Zu­ge der Be­richt­er­stat­tung über die ört­li­che Kri­mi­na­li­tät. Aber heu­te kommt Amir Pe­retz, Vor­sit­zen­der der Ar­beits­par­tei – ein al­ter Ge­werk­schafts­füh­rer, den Grin­stein noch per­sön­lich kennt. „Ho­lon war mal ei­ne ro­te Stadt, jetzt ist sie Li­kud“, sagt der Par­tei­ak­ti­vist. „Da­bei ma­chen wir das bes­se­re so­zia­le An­ge­bot.“ Die meis­ten Ge­bäu­de hier wur­den in den fünf­zi­ger Jah­ren er­rich­tet. Ro­te, schwar­ze und wei­ße Luft­bal­lons ha­ben sie an der löch­ri­gen Wasch­be­ton­mau­er des Ge­mein­de­zen­trums be­fes­tigt, in dem Pe­retz spricht. Ein paar Dut­zend Män­ner und Frau­en sind ge­kom­men, der Al­ters­durch­schnitt ist um die sieb­zig. Is­ra­els So­zi­al­de­mo­kra­tie hat nicht nur Nach­wuchs­sor­gen, son­dern auch ein Exis­tenz­pro­blem.

          Der Par­tei Da­vid Ben-Gu­ri­ons, die den Staat grün­de­te und Is­ra­el jahr­zehn­te­lang re­gier­te, gleich­sam eins war mit dem Es­ta­blish­ment und der Ar­mee, geht es so schlecht wie nie. Der­zeit hat sie noch sechs von hun­dert­zwan­zig Sit­zen in der Knes­set. Bei der Par­la­ments­wahl in zwei Wo­chen könn­te sie so­gar an der 3,25-Pro­zent­hür­de schei­tern. Das Zen­trum deckt mitt­ler­wei­le das Wahl­bünd­nis Blau-Weiß des ehe­ma­li­gen Ge­ne­ral­stabs­chefs Ben­ny Gantz ab, und auf der Lin­ken tritt ein Bünd­nis von lin­ken Awo­da-Ab­weich­lern zu­sam­men mit dem frü­he­ren Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ehud Ba­rak und der lin­ken Me­retz-Par­tei an.

          Amir Pe­retz ist der fünf­te Vor­sit­zen­de, den sich die Ar­beits­par­tei in den letz­ten acht Jah­ren ge­wählt hat. Von 2005 bis 2007 war Pe­retz schon ein­mal Vor­sit­zen­der, jetzt ist er sie­ben­und­sech­zig. Ge­ra­de schaff­te er es in die Schlag­zei­len, weil er sich nach Jahr­zehn­ten den Schnauz­bart ab­ra­sier­te. Die Um­fra­gen hat das nicht ver­bes­sert. „Ben­ny Gantz sag­te, er wol­le Netan­ja­hus Wäh­ler über­zeu­gen“, ruft Amir Pe­retz in Tel Gi­bo­rim, „da­bei trinkt er un­se­re Wäh­ler, ei­nen nach dem an­de­ren.“ Auf das Stra­ßen­bild des Or­tes, an dem er spricht, nimmt Pe­retz da­ge­gen kei­nen Be­zug. Mitt­ler­wei­le wer­den in Is­ra­el mehr Ju­den mit ori­en­ta­li­schem denn eu­ro­päi­schem Hin­ter­grund ge­bo­ren. Staats­grün­der Ben-Gu­ri­on ver­fuhr mit den jü­di­schen Ein­wan­de­rern aus Staa­ten wie Ma­rok­ko, dem Irak oder Je­men nicht eben glimpf­lich, ließ sie in die Pe­ri­phe­rie ver­frach­ten. Die ent­spre­chen­de Ab­nei­gung ge­gen die Ar­beits­par­tei zieht sich des­halb bis heu­te durch die­se Fa­mi­li­en. Pe­retz, selbst in Ma­rok­ko ge­bo­ren, ver­sucht dies zu än­dern. Mit we­nig Er­folg bis­lang.

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